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War der ganze Stress umsonst?

Von Stefan Melichar

Wirtschaft

Ungereimtheiten bei Belastungstests. | Sorge um irische Großbank versetzt Märkte in Unruhe. | Wien. Das Misstrauen ist zurück: Die Investoren an den internationalen Finanzmärkten verlangen beim Kauf griechischer Staatsanleihen derzeit Risiko-Aufschläge, wie man sie nur vom Höhepunkt der europäischen Staatsschuldenkrise Anfang Mai kennt (siehe Grafik). Ähnlich geht es anderen Sorgenkindern der Eurozone - etwa Portugal oder Irland. | Neue Kapitalvorschriften für Banken bis Sonntag fix


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Dabei wurden in den vergangenen Monaten - jeweils nach zähem politischen Ringen - massive Maßnahmen beschlossen, um das Vertrauen an den Märkten wiederherzustellen: Anfang Mai einigten sich die Euro-Länder und der Internationale Währungsfonds (IWF) darauf, Griechenland mit Hilfskrediten von bis zu 110 Milliarden Euro vor der Staatspleite zu bewahren. Wenige Tage später stellten EU, Eurozone und IWF die Weichen für einen 750 Milliarden Euro schweren Rettungsschirm, der möglichen weiteren Wackelkandidaten zugute kommen könnte. Ende Juli folgte dann ein Banken-Stresstest, der die Stabilität des europäischen Banksystems nachweisen sollte.

Banken bereiten Sorge

Gerade die Bankbranche bereitet den Investoren aber nun offenbar wieder Sorge. Laut "Wall Street Journal" sind im Rahmen des Stresstests Risiken, die in den Bankbilanzen schlummern, zu gering dargestellt worden. Einige Institute hätten ihre Bestände an europäischen Staatsanleihen um Milliarden Euro zu gering angegeben, heißt es. So würden etwa die Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zum Teil ein Vielfaches der im Stresstest veröffentlichten Volumina ergeben.

Derartige Zweifel stellen eine große Bedrohung für die Glaubwürdigkeit - und damit den Erfolg - des Stresstests dar, da weitestgehende Transparenz zugesichert war. Nach mehr als einem Tag Schockstarre veröffentlichte die europäische Bankenaufsicht CEBS am Mittwoch eine Entgegnung: So sei es Banken erlaubt worden, Anleihen-Volumina nicht anzugeben, die von vornherein nur kurzfristig für bestimmte Geschäfte in den Büchern gewesen sind. Außerdem wäre der Vergleich mit den Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich wegen unterschiedlicher Stichtage und Erhebungsmethoden nicht zulässig, so die Aufseher.

Raiffeisen-Analyst Valentin Hofstätter sieht die Angelegenheit entspannt: Selbst wenn auf einmal doppelt so viel Rekapitalisierungsbedarf bestünde, wie der Stresstest ergeben hat, wären es immer noch nur sieben Milliarden Euro - also keine systemrelevante Größe. Für gravierender als die Stresstest-Zweifel hält Hofstätter die Debatte um die Zukunft der irischen Anglo Irish Bank.

Fass ohne Boden

Diese entwickelt sich für den Staat mehr und mehr zum Fass ohne Boden. Das strauchelnde Institut soll nun in zwei Teile aufgespalten werden, wie die irische Regierung am Mittwoch bekanntgegeben hat. Wie viel Geld der Staat noch für die Bankenrettung aufwenden muss, soll bis Oktober geklärt sein. Die Zinsaufschläge für irische Staatsanleihen gegenüber den als besonders sicher geltenden deutschen Bundesanleihen sind indes auf den höchsten Wert seit Einführung des Euro 1999 gestiegen.

Hofstätter glaubt dennoch nicht, dass die diversen Maßnahmen der EU vergebliche Liebesmühe gewesen sind. Ohne die Rettungsschirme wären die Verhältnisse noch schlechter, so der Analyst. Erste-Group-Expertin Gudrun Egger verweist darauf, dass - ungeachtet aller Gegenreaktionen - Investoren seit Jahresbeginn generell stärker auf die Bonität einzelner Staaten achten würden. Die höheren Zinsaufschläge gegenüber deutschen Bundesanleihen seien zum Teil auch damit zu erklären, dass Letztere ihrerseits in der Gunst der Investoren weiter zulegen konnten. Ihre Renditen - also quasi die Zinsen - sind deshalb gesunken.

Belastend wirken generell die von den USA ausgehenden Konjunktursorgen. Diese würden - wenn sie auf Europa übergreifen - auch hier den Abbau der Staatsschulden erschweren. Darüber hinaus fürchten Investoren die bremsende Wirkung schärferer Eigenkapitalregeln für Banken.

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