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Waren, die an Wert gewinnen

Von Nikolaus Halmer

Reflexionen

Die französischen Soziologen Luc Boltanski und Arnaud Esquerre widmen sich in einer Studie der "Bereicherungsökonomie" - und stellen die Frage nach Profiteuren des exklusiven Phänomens.


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Ein einst umkämpfter Ort der Arbeiterschaft als Kunsttempel: die Pinacoteca Giovanni e Marella Agnelli auf dem ehemaligen Fiat-Gelände in Turin. Ein Symbolbild für die Symbiose von Ökonomie und Kultur.
© Daniele Venturelli/WireImage

Das Zeitalter einer neuen kapitalistischen Gesellschaftsform ist angebrochen - die Ära der Bereicherungsökonomie, die darin besteht, dass bestimmten vorhandenen Waren wie Luxusgütern, Immobilien, exklusiven Reisen oder Kunstwerken ein besonderer Wert zugesprochen wird. So lautet die zentrale These der französischen Soziologen Luc Boltanski und Arnaud Esquerre, die sie in ihrem über 700 Seiten umfassenden Buch "Bereicherung. Eine Kritik der Ware" entfalten.

Ein Blick in Zeitgeistmagazine illustriert die Diagnose des Autorenduos. Da werden Weine aus Neuseeland, Australien und Chile präsentiert, außergewöhnliche Menüs in Haubenlokalen gepriesen, Berichte über exzessive Clubbings und Privatfeste geschrieben und Reisen in exotische Länder wie
Laos, Vietnam oder Tibet angeboten. Diese neuartige Form des Kapitalismus macht bereits vorhandenes Vermögen wertvoller. In jahrelanger Arbeit haben die beiden Soziologen die aktuelle Warenwelt in Frankreich studiert und analysiert - "wie Rosinenpicker", wie sie ironisch anmerken.

Ökonomischer Wandel

Nicht mehr die industrielle Massenproduktion ist das Paradigmatische des Kapitalismus, betonen Boltanski und Esquerre, sondern die neue ökonomische Formation der Bereicherung, die auf den Industriekapitalismus seit den 1970er Jahren folgt, der hauptsächlich auf die Standardisierung der Konsumgüter ausgerichtet war. Diese industrielle Produktion - die man mit dem Begriff des Fordismus umschreiben kann, bezeichnet die kapitalistische Wirtschaftsform, die sich durch eine enge Verknüpfung der industriellen Warenproduktion mit dem Massenkonsum auszeichnete.

Das Hauptmerkmal war die Fließbandproduktion, mit der eine Optimierung der Arbeitsabläufe erreicht wurde. Dadurch erhöhte sich die Produktivität und damit die Verbilligung der hergestellten Güter, die als Standardform der Waren bezeichnet wird. Durch geringere Kosten für einzelne Produkte wurden Gebrauchsgüter für viele Menschen erschwinglich. In Europa avancierte der Fordismus nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Erfolgsmodell, das bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts gültig war.

Die Deindustrialisierung in den westeuropäischen Ländern, die danach erfolgte, verursachte einen ökonomischen Wandel, der den herkömmlichen Industriekapitalismus grundlegend veränderte. Während in dieser Epoche Waren produziert wurden, um sie zu gebrauchen, beruht die Ökonomie der Bereicherung darauf, dass mit Gegenständen gehandelt wird, die mit der Zeit an Wert gewinnen.

Dabei handelt es sich um Objekte wie Kunstwerke, Immobilien, Uhren, teure Weine und andere Luxusgüter, die für die Wohlhabenden bestimmt sind und mit der Aura des Exklusiven versehen werden. Verstärkt wird die Bereicherungsökonomie durch waren-ästhetische Techniken und mediale Verklärungen, die von Werbedesignern oder Journalisten vorgenommen werden.

Boltanski und Esquerre stellen die Fragen, wer die Profiteure dieser Entwicklung sind. "Die Bereicherungsökonomie richtet sich vor allem an einen geschlossenen Kreis von Reichen", konstatieren die beiden Soziologen. Sie verstehen ihre Studie nicht als moralische Kritik am Luxus der kapitalistischen Gesellschaft, wie sie bis auf wenige Ausnahmen von marxistischen Theoretikern vorgenommen wurde, sondern als Bestandsaufnahme einer Entwicklung, die bisher wenig beachtet wurde.

Kommerz und Kultur

Die neomarxistische Kritik an der Konsumgesellschaft, wie sie etwa von Theodor W. Adorno oder Herbert Marcuse vorgebracht wurde, die darin besteht, dass das Individuum als passives, manipuliertes Opfer dargestellt wurde, ist ein Anachronismus, der heute nicht mehr interessant erscheint. "Wir lassen das alles fallen", betonen Boltanski und Esquerre, "wir blicken stattdessen auf Akteure, die handeln und eine neue Ökonomie hervorbringen", die äußerst ertragreich ist.

Die Luxusindustrie im engeren Sinne - die Segmente der exklusiven Reisen und Luxusautos, der Sternerestaurants und Spitzenweine, der Musik- und Theaterfestivals, der historischen Schlösser - erzielt allein in Frankreich rund 15 Mil-
liarden Euro Umsatz im Jahr.

Ein wesentlicher Akteur dieser neuen Ökonomie ist die Modebranche, speziell die Haute Couture, wo "leiser Luxus" herrscht. So werden zum Beispiel in Modeschauen Westen und Mäntel präsentiert, deren Ärmelaufschläge und Kragen mit Zobel, Seide und Kaschmir versehen werden. Der Modeschöpfer, Unternehmer und Kunsthistoriker Christian Lacroix entwarf Kleidungsstücke aus verschiedenen Epochen, die er zu einem kunstvollen Kleidungsstilmix zusammenfügte.

Die extravaganten Modekreationen sind mit erheblichen kommerziellen Interessen verbunden, die Arkadius Weremczuk, der aus Polen stammende Stardesigner der Londoner Modeszene, so formuliert: "Ich gehe Hand in Hand mit dem Kommerz. Ich muss gleichzeitig zwei Personen sein: Geschäftsmann und Künstler."

Diese Aussage wurde von dem ehemaligen französischen Kulturminister Jack Lang geteilt, der davon überzeugt war, dass die Kultur im Dienst der Ökonomie stehe. "Die Ökonomie verderbe die Kultur nicht", meinte Lang, "sondern sei für sie unbedingt notwendig. Ohne Ökonomie keine Kultur". Die Kultur eröffne andererseits durch ihre Kreativität neue Perspektiven für die ökonomische Entwicklung.

Als Beispiel dafür führen die beiden Autoren das vom Architekten Frank O. Gehry entworfene Guggenheim Museum in Bilbao an, in dessen weiträumigen Sälen Installationen und Skulpturen des US-Bildhauers Richard Serra zu finden sind. Einzelne Kunstwerke, wie eine Bronzefigur in Spinnenform von Louise Bourgeois oder die Installation "Puppy" des amerikanischen Künstlers Jeff Koons, wurden zu Ikonen stilisiert, die vom internationalen Publikum begeistert aufgenommen werden. Ökonomisch gesehen ist das Mu-seum eine außerordentliche Bereicherung für Bilbao. Es bietet 4200 Arbeitsplätze und hat der Stadt im Baskenland in den letzten zehn Jahren Steuereinnahmen von über 1,2 Millionen Euro eingebracht. Jährlich verzeichnet das Museum Guggenheim einen Besucherschnitt von ungefähr einer Million.

Sinnliche Qualität

Ein weiteres Beispiel für die Symbiose von Ökonomie und Kultur ist die Pinacoteca Giovanni e Marella Agnelli in Turin, die vom italienischen Stararchitekten Renzo Piano geplant wurde, der auch das Centre Pompidou in Paris und die Fondation Beyeler in Riehen im Kanton Basel-Stadt entworfen hat.

Die große Werkshalle des Automobilherstellers Fiat wurde 1982 geschlossen und im Jahr 2002 in die Kunsthalle umgewandelt, was einer gewissen Ironie nicht entbehrt: Ein heftig umkämpfter Ort der Arbeiterschaft mutierte zu einem Kunsttempel, wo die Kunstwerke betrachtet werden können, die Giovanni und Marella Agnelli gesammelt haben.

Der Trend zur Prosperität findet sich auch im Bereich der sogenannten Kreativ-Ökonomie. Sie geht von den kreativen Nischen der Kulturproduktion aus und umfasst Architektur, Kunst, Kunsthandwerk, Modeszene, Musik, Film, Video, Printmedien, digitale Medien oder die Softwareentwicklung. Die Produkte der Kreativ-Ökonomie weisen eine sinnlich-ästhetische Qualität auf; sie müssen originell sein und dem Konsumenten den Eindruck des Attraktiven vermitteln. Eine wichtige Wertschöpfung erfolgt auch durch den Qualitätstourismus, der sich deutlich vom Massentourismus - der Standardware für die finanziell schlechter Gestellten - abhebt.

Die Fachleute, die den Qualitätstourismus anpreisen, legen großen Wert auf das Besondere der Destinationen, die in edel ausgestatteten Katalogen angeboten werden. Darunter finden sich exklusive Reisen in entlegene Gebiete wie etwa die Arktis, Aufenthalte in Palästen von Maharadschas in In-dien, Kreuzfahrten oder Weltreisen im eigens dafür gecharterten Flugzeug. Beliebt sind auch Orte, die ein intaktes historisches Ensemble aufweisen können, das die Besichtigung zu einem unvergesslichen Erlebnis macht.

Dürftige Empfehlung

Das facettenreiche Spektrum der Bereicherungsökonomie mit zahlreichen Beispielen, das Boltanski und Esquerre detailverliebt in ihrem Buch präsentieren, lässt die Frage nach einer Bewertung dieser neuen ökonomischen Formation auftauchen. Im Gegensatz zu der ausführlichen "Phänomenologie" der Luxuswaren wird Kritik eher vage geäußert.

Zwar betonen die beiden Soziologen, "dass die Bereicherungsökonomie die Ungleichheit zwischen Arm und Reich fördere", sie begnügen sich aber mit folgendem Hinweis: "Zusätzlich haben wir aber ein politisches Problem. Denn die Bereicherungsökonomie beutet die Vergangenheit aus. Sie schließt jedoch diejenigen aus, die ihre Vergangenheit nicht aufwerten können. Das ist ein Problem. Denn die Vergangenheit gehört natürlich allen. Es profitieren aber nur wenige."

Die Problematik der gesellschaftlichen Exklusion, also die Tatsache, dass ein wachsender Teil der Gesellschaft damit konfrontiert wird, als Arbeitslose, als Sozialhilfeempfänger, als "Überflüssige", als "Abgehängte" bezeichnet zu werden - im Gegensatz zu den Profiteuren des Bereicherungskapitalismus -, nimmt einen marginalen Stellenwert ein.

Zwar erwähnen die Autoren die "Abgehängten" - gleichsam als Kollateralschaden der Bereicherung; die Empfehlung, die sie dem neuen Proletariat geben, klingt aber etwas dürftig:

"Wir haben heute viele Leute, die dazu beitragen, dass in der Bereicherungsökonomie Profite generiert werden können, und ich bin der Meinung, dass deren Forderungen auch tatsächlich ernst genommen werden sollten. So wie wir in den 50er- und 60er Jahren die großen Gewerkschaftsbewegungen hatten, zur Vertretung der Interessen von Industriearbeitern, so müssten wir heute eigentlich etwas Vergleichbares haben für die Vertretung der Interessen des neuen Proletariats."

Luc Boltanski & Arnaud Esquerre
Bereicherung. Eine Kritik der Ware
Suhrkamp, Berlin 2018, 730 Seiten, 49,40 Euro.