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"Wären die Menschen Engel .. ."

Von David Ignatius

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Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Mit Barack Obama beginnt in den USA eine Zeit der progressiven Pessimisten - mit dem stets hoffnungsfrohen George W. Bush endet die Ära der konservativen Optimisten.


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Eine betont sonnige Sicht der Dinge präsentierte die scheidende US-Außenministerin Condoleezza Rice diese Woche bei einem Abschiedsgespräch mit Journalisten der "Washington Post". Der gleiche optimistische Rechtfertigungston war von Präsident Bush bei seiner letzten Pressekonferenz zu hören. "Jeder Tag war freudvoll", sagte er. Und es sah ganz so aus, als wäre das sein Ernst.

Acht Jahre lang haben wir nun zugebracht mit dem Paradox konservativer Optimisten, die das Geschick der US-Außenpolitik bestimmten. Überzogen hat die Regierung Bush ihre düstere Geisteshaltung gegenüber militärischer Macht mit einem schöngefärbten Konzept über die Vervollkommnungsfähigkeit der Menschheit. Das Ergebnis: Weltverbesserung mit schweren Geschützen und eine Außenpolitik, die im Rest der Welt viel Angst und Ärger ausgelöst hat.

Mit dem Amtsantritt Barack Obamas beginnt nun eine neue Zeit, die ich die Zeit der progressiven Pessimisten nennen möchte. Diese neue Weltsicht verbindet den Wunsch nach einem besseren Leben mit dem Akzeptieren der Grenzen politischer und militärischer Macht.

Abzuwarten bleibt allerdings Obamas Antrittsrede, um zu sehen, wohin genau sein Kompass zeigt. Bei seiner Rede an der George Mason University war jedenfalls von Himmel-auf-Erden-Rhetorik nichts zu finden. Obama zeichnete ganz im Gegenteil ein düsteres Bild mit vielen Arbeitslosen und einer neuen "Lost Generation" auf dem Arbeitsmarkt.

Die Vorsicht des Pessimisten Obama zeigte sich auch bei einer Diskussion über die Geheimdienste mit George Stephanopoulos in ABCs "This Week". Angesprochen auf die Warnung von Noch-Vizepräsident Dick Cheney, die Einlösung von Wahlkampfversprechen, umstrittene Verhörmethoden und andere Maßnahmen zur Terrorismusbekämpfung zu verbieten, besser vorsichtig anzugehen, antwortete Obama überraschend: "Ich glaube, das war ein ziemlich guter Rat."

Darüber hinaus deutete Obama an, dass er gegen die Untersuchung möglicher früherer Verfehlungen der CIA und anderer Geheimdienste ist, mit der Begründung, er wolle sich auf die Zukunft konzentrieren, um sicherzustellen, dass es in Zukunft besser werde. Diese Art von Realismus zeigt auch, dass Obama die Gefahr, die Amerika von der Al-Kaida und ihren Verbündeten droht, durchaus als sehr ernst einstuft.

George Orwell, der Schutzheilige des progressiven Pessimismus, war leidenschaftlicher Sozialdemokrat und Reaktionär in einer Person. Die linken Weltverbesserungsabsichten waren ihm nicht weniger verdächtig als der rechte imperialistische Chauvinismus. Aus "1984" und "Animal Farm" spricht eine gewaltige Skepsis gegenüber Utopien und ihrem Missbrauch durch autoritäre Führer. Orwell war sein Leben lang zerrissen zwischen der Leidenschaft, den Unterdrückten zu helfen, und der Einsicht, wie leicht diese Haltung missbraucht werden kann.

Der große Fehler Bushs war sein optimistischer Glaube, weltweit angewandte Sozialwissenschaft betreiben zu können. Wenn er im Irak, in Afghanistan und anderen muslimischen Ländern über Demokratie sprach, war da ein Gefühl der Unvermeidlichkeit, als wären Demokratie und Freiheit feststehende historische Kräfte und nicht Produkt wechselhafter menschlicher Entscheidungen.

Wenn der sonnige, stets hoffnungsfrohe Bush eine Lektion aus der US-Geschichte besonders nötig hat, dann die Stelle in den "Federalist Papers", wo James Madison vor zu viel Optimismus warnt: "Wären die Menschen Engel, würde man keine Regierungen brauchen."

Übersetzung: Redaktion