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Warmhaltekrieg im ewigen Eis

Von Markus Rapp

Politik

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Indien lehnt, 55 Jahre nach Beginn des Konflikts um Kaschmir und geschätzte 50.000 Tote später, internationale Vermittlung im Streit um die Bergregion ab. Das war nicht immer so: Noch während des ersten indisch-pakistanischen Krieges gleich nach der Unabhängigkeit beider Staaten von Großbritannien 1947 rief Indien die Vereinten Nationen als Schlichter an. Diese zementierten die bis heute bestehende Waffenstillstandslinie und rangen Indiens erstem Premier Jawaharlal Nehru das Versprechen ab, das Volk von Kaschmir entscheiden zu lassen, zu wem es gehören wollte. Nehru, selbst aus altem kaschmirischem Hindu-Adel stammend, fühlte sich von der zu Hilfe gerufenen UNO verprellt und ließ das Referendum an Verfahrensfragen scheitern. Und seither haben die Kaschmiris nichts mehr zu melden. Sie sind zum Faustpfand im innen- und außenpolitischen Kräftespiel zweier feindlicher Nachbarn geworden.

Bis 1947 war Kaschmir ein unabhängiges Fürstentum gewesen. Und der Maharadscha Hari Singh, moderater hinduistischer Herrscher über eine mehrheitlich moslemische Bevölkerung, wollte, dass es so bleibt. Doch im Oktober 1947, gerade zwei Monate nach der Entlassung Britisch-Indiens in die Unabhängigkeit und der Teilung der ehemaligen Kronkolonie in die mehrheitlich von Hindu bewohnte Indische Union (Bharat) und das mehrheitlich moslemische (West- und Ost-) Pakistan, drangen pathanische Stammesmilizen im Fürstentum ein, um es Pakistan einzuverleiben. Angeblich waren dem Pogrome der Hindu an moslemischen Kaschmiris vorausgegangen. Der bedrängte Fürst sah sich gezwungen, Indien um militärische Hilfe zu bitten, und besiegelte damit das Ende des unabhängigen Kaschmir. Die Inder kamen, und sie blieben, obwohl Kaschmir nach dem Teilungsplan der Briten eher Pakistan zuzuschlagen gewesen wäre.

Heute ist Kaschmir geteilt: Knapp zwei Drittel sind im indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir aufgegangen, etwa ein Drittel gehört unter der Bezeichnung "Azad Kaschmir" (Freies Kaschmir) seit 1949 zu Pakistan, einen Teil des nordöstlichen Hochlands von Ladakh hat 1962 China kassiert, "um Tibet abzurunden".

Indiens teures Pfand

Dass Indien die Bergregion trotz ihrer moslemischen Bevölkerungsmehrheit nicht abtreten will, liegt zum einen an der strategischen Lage Kaschmirs als einer Gebirgsfestung gegen China. Zum anderen an seinem Reichtum, der aber in einem halben Jahrhundert des Belagerungszustands und blutiger Auseinandersetzungen beträchtlich geschwunden ist.

Hauptgrund für die Weigerung Indiens, der weltgrößten Demokratie, die Kaschmiris selbst über ihre Zugehörigkeit bestimmen zu lassen, ist jedoch die Labilität der Indischen Union selbst. Durch Jahrtausende hindurch war Indien eher ein Kontinent denn eine Nation; große Reiche waren die Ausnahme, Zersplitterung in kleinere Staaten und Konföderationen war die Regel. Der Hindu-Nationalismus, seit etwa 1850 entstanden, ist ein Produkt der Kolonialzeit: Nachahmung des europäischen Nationalismus und Imperialismus, und zugleich Aufstand gegen dessen britische Vertreter im Lande. Die besondere Aversion gegen Muslime rührt von 600 Jahren islamischer Herrschaft auf dem Subkontinent her, die ebenfalls kolonialistisch geprägt war.

Kaschmir ist nicht das einzige der unzähligen autonomen Fürstentümer, das der Union nur unter Druck beigetreten ist - 1950 wurde Hyderabad, 1961 die portugiesische Enklave Goa und noch 1975 das an Bhutan grenzende Himalaya-Königreich Sikkim "überredet", Teil Indiens zu werden. Und Kaschmir ist nicht der einzige Bundesstaat, der Autonomiegelüste hegt. Separatistische Gruppen agieren etwa auch im Nordosten, in den Bundesstaaten Assam und Tripura. Kaschmirs Votum für die Unabhängigkeit könnte Schule machen, fürchtet Neu Delhi seit jeher.

Dass sich diese Angst und ihr identitätsstiftendes Spiegelbild, der Hindu-Nationalismus seit 1947, innenpolitisch nutzbar machen lassen, liegt auf der Hand. Bei der Erweiterung des Wehretats, bei der Ausweitung von Polizeibefugnissen und der Notstandsgesetzgebung oder bei der Diskreditierung des innenpolitischen Gegners kann der Verweis auf Kaschmir Wunder wirken. Die harte Haltung von Premier Atal Bihari Vajpayee in der aktuellen Kaschmirkrise wird auch mit den bevorstehenden Wahlen im bevölkerungsreichsten Bundesstaat Uttar-Pradesch im März in Verbindung gebracht. Vajpayees nationalistischer Hindu-Partei BJP (Bharatiya Janata Party) droht dort eine empfindliche Niederlage.

Kleinkrieg auf dem Gletscher

Den derzeitigen Wunsch vieler radikaler Hindu, mit Pakistan ein für allemal und nicht zu knapp abzurechnen, beflügelte - neben dem Terroranschlag auf das Parlament in Neu Delhi am 13. Dezember 2001, der in Indien gerne mit den Anschlägen aufs New Yorker Welthandelszentrum verglichen wird - vor allem die so genannte "Operation Kargil": Während Premier Vajpayee Ende Februar 1999 mit Pakistans Premier Nawaz Sharif in der "Erklärung von Lahore" "vertrauensbildende Maßnahmen" vereinbarte, organisierte Pakistans Armeechef und späterer Militärmachthaber Pervez Musharraf im Hintergrund die größte Militäraktion gegen Indien seit dem dritten indisch-pakistanischen Krieg 1971. Islamistische Freischärler und reguläre pakistanische Gebirgstruppen, von Musharraf kurzerhand in "kaschmirische Mujaheddin" umgetauft, besetzten im Hochtal von Kargil indische Stellungen an der Demarkationslinie. Die gewagte Aktion misslang, Indien setzte Kampfflugzeuge und angeblich auch Chemiewaffen ein, über 100 selbsternannte Heilige Krieger und etwa 700 pakistanische Gebirgsjäger blieben auf dem Gletscher, Indien verlor etwa 400 Soldaten ans ewige Eis. Eine Welle des Patriotismus brachte Vajpayee den Sieg bei den Parlamentswahlen im Herbst 1999. Seither dominiert in der BJP die Auffassung, dass es wenig frommt, mit den "perfiden Pakistanern" zu reden.

Identitätsstiftende Wunde

Pakistans Staatwerdung verdankt sich einem uralten kulturell-religiösen Gegensatz und der Angst der Muslime, in einem hinduistisch geprägten Indien zur Minderheit zu werden. Seit dem Vordringen islamischer Eroberer auf den Subkontinent vor etwa 1200 Jahren war das Zusammenleben von Muslimen und Hindu immer wieder von blutigen Auseinandersetzungen geprägt. So verwundert es nicht, dass Hindu und Muslime getrennt für die Unabhängigkeit Indiens von Großbritannien kämpften; die Kolonialmacht hatte ihrerseits den kulturell-religiösen Gegensatz stets für sich zu nutzen versucht. Jawaharlal Nehru, seit 1929 Führer des Indischen Nationalkongresses (INC), weigerte sich beharrlich, mit Mohammed Ali Jinnah, dem Gründer der Muslimliga und späteren Staatsgründer von Pakistan, zusammenzuarbeiten. In den letzten Jahren britischer Herrschaft kam es vermehrt zu Ausschreitungen zwischen Hindu und Moslems; Jinnah forderte bereits 1940 einen eigenen Staat für Muslime. Lange hatten sie die Geschicke Indiens beherrscht, nun fürchteten sie, wohl zu Recht, den Revanchismus der erdrückenden Hindu-Mehrheit. 1946 - Großbritannien war durch den Zweiten Weltkrieg substantiell geschwächt und konnte Indien nicht länger halten - ließ der letzte britische Vizekönig Lord Mountbatten rasch Teilungspläne ausarbeiten. Mit deren Bekanntwerden flohen auf dem ganzen Subkontinent mindestens sieben Millionen Muslime und sieben Millionen Hindu vor den Massakern der jeweils anderen Gruppe. Über eine Million Menschen kamen um.

Der erste indisch-pakistanische Krieg 1947-49 brachte keine Entscheidung, sondern nur Pakistans Schwäche ans Licht. Zudem begann noch während der Kampfhandlungen der erste einer Serie von Aufständen im 1.700 Kilometer entfernten Ostpakistan, dem heutigen Bangladesch (die dort von Scheich Mujib-ur-Rahman gegründete und von Indien strategisch unterstütze Awami-Liga sollte am 26. März 1971 die Unabhängigkeit von Islamabad ausrufen). Von Anfang an war Pakistan politisch instabil; das Militär zog offen oder verdeckt stets die Fäden, wobei der Kaschmirkonflikt überaus dienlich war. Zu einem Sieg über Indien konnte es nie reichen, auch nicht zur Eroberung ganz Kaschmirs, aber zur Machtergreifung allemal. Während der zwei folgenden indisch-pakistanischen Kriege 1965 und 1971 konnte Pakistan am Verlauf der "line of control" in Kaschmir wenig ändern, aber das Militär ist aus seinen Niederlagen innenpolitisch gestärkt hervorgegangen.

Die Unterlegenheit gegenüber Indien in konventioneller Rüstung wurde zuletzt durch den Bau der pakistanischen Atombombe kompensiert. Musharraf hält fünf bis zehn Atomsprengköpfe in Händen, die er auf die Mittelstreckenrakete "Ghauri" montieren kann. Ihre geringe Zahl und die im Vergleich zu Indien geringe strategische Tiefe des Landes bedingen wiederum die militärische Notwendigkeit eines atomaren Erstschlags.

Freiheitskampf und Jihad

Um ihren Anspruch auf Kaschmir nicht vergessen zu lassen, haben die Pakistani im Laufe der Jahre eine Taktik der Nadelstiche angewandt, indem sie sich kaschmirischer Freiheitskämpfer bedienten. Solche hat es seit den 50-er Jahren gegeben, spätestens seit der Eingliederung Jammus und Kaschmirs in die Indische Union 1956 mangelte es nicht an Repression. Doch gelang es Kaschmirs Moslemführer Scheich Abdullah meistens, die Unabhängigkeitsbewegung zu zügeln. Ende der 80-er Jahre, unter General Zia ul-Haq, übrigens Anhänger der wahabitischen Koranauslegung, ging Pakistan dazu über, den Freiheitskampf der Kaschmiris in einen Religionskrieg umzuinterpretieren. In Ermangelung indigener Jihadis wurden Heilige Krieger bald auch in Pakistan, Saudi-Arabien und Zentralasien rekrutiert und nach Kaschmir geschleust. Der Geheimdienst ISI (Inter-Services Intelligence) verwertete seine Erfahrungen bei der Unterstützung der Afghanen gegen die Sowjetunion. Kaschmirs eigene Freiheitsbewegung (JKLF, Jammu & Kashmir Liberation Front) wurde in kurzer Zeit in die Bedeutungslosigkeit abgedrängt. Die Kämpfer der nunmehr verbotenen Jaish-e-Mohammed ("Armee Mohammeds") und Lashkar-e- Toiba ("Armee der Frommen"), die den Anschlag auf das indische Parlament in Neu Delhi durchgeführt haben dürften, wurden in der grenznahen Islamisten-Akademie Markaz-e-Dawat Arshad ausgebildet - einer Institution, die noch 1998 von Pakistans Informationsminister ausdrücklich für die Verbreitung des "wahren Jihad" gelobt wurde.

Ein unabhängiges Kaschmir?

Kaschmirs Zivilbevölkerung zahlt einstweilen die Zeche für den Jihad; die Menschenrechtsverletzungen durch die zeitweilig über eine halbe Million indischer Besatzer sind ohne Zahl. Die von Islamisten verübten Morde an Kaschmiris, die sich am "Heiligen Krieg" nicht beteiligen wollten, gehen in die Tausende. Die Kaschmiris werden eben auch von Pakistan nicht gefragt, zu wem sie gehören wollen. Sonst würden sie sich vermutlich für die Unabhängigkeit auch von Pakistan entscheiden.

Indien ist zu einer Demokratie mit Defiziten geworden, Pakistan hingegen zu einem Land, das durch das Defizit an Demokratie leidet - zu einem Land, in dem das Militär regiert und in dem einzig das Militär zur Zeit in der Lage scheint, das Schlimmste zu verhindern. So fürchtet man in Indien nach der Grundsatzrede vom Wochenende, in welcher Musharraf dem Islamismus abschwor, jetzt nichts so sehr wie des Generals vorzeitiges Ende.

Karan Singh, Sohn des letzten Maharadschas und nachmaliger Gouverneur von Jammu und Kaschmir, meint heute, das Bergfürstentum hätte ohnehin niemals unabhängig bestehen können. Doch so oder so lassen pro Jahr durchschnittlich Tausend Menschen ihr Leben für Kaschmir.