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Warum Brüno sympathischer als Christoph Schlingensief ist

Von Martin Haidinger

Analysen

US-Filmemacher Sacha Baron Cohen agiert in seinem jüngsten Werk als Aktionist. Seine Kunstfigur Brüno ist Österreicher - aber dann auch wieder nicht.


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Ich gestehe, mich im Kino schiefgelacht zu haben, obwohl ich es nicht vorgehabt hatte. Auf der Leinwand hüpfte Sacha Baron Cohen als "Brüno" in alle denkbaren Fettnäpfchen - freilich diejenigen der anderen, der Geisterbeschwörer und Schwulenumerzieher, der betont mannhaften Jäger und Soldaten (wobei darunter wohl einige Profi-Statisten sind), der greisen Ex-Präsidentschaftskandidaten und jener Mütter und Väter, die ihre Kinder für Geld als SS-Männer und KZ-Häftlinge verkleiden lassen würden. Eine schrille Welt voller Pseudoprobleme US-amerikanischer Großstadtneurotiker der Post-Woody-Allen-Ära, die uns in Europa nichts angeht? Warum konnte ich vollkommen unamerikanischer Erz-Wiener dann über Brünos "Lazi" (altwiener Ausdruck für Mätzchen und Späßchen) so laut lachen?

Freilich, die Kunstfigur Brüno ist Österreicher - aber dann auch wieder nicht, weil sie genauso viel Österreichisches an sich hat wie Cohens Vorgängerklamotte "Borat" Kasachisches, nämlich gar nichts. Cohen wirft mit Brüno einen für US-Verhältnisse exotischen Landsmann auf den geheiligten Boden von god´s own country, ganz so wie Rowan Atkinson seinen Mr. Bean im Serien-Vorspann zu Chroralklängen auf britische Erde fallen lässt - platsch, da ist er! Der Unfrieden, den Brüno stiftet, ist eigentlich banal, hat da und dort ein wenig entlarvenden Tiefgang, beschädigt aber keinen wirklich.

Da war Christoph Schlingensief mit seinem "Ausländer raus"-Aktionscontainer vor der Wiener Staatsoper schon ganz etwas anderes. Auch dieser Aktionist spielte mit realen Personen, seien es die damals unter EU-Quarantäne gestellten schwarzblauen "Nazi-Politiker" oder zufällig vorbeikommende Passanten, die von "Schlinge" gestellt und medial erlegt wurden - Nazis und Faschisten wohin das Auge blickte, unreflektiert und unfair angeprangert, wie es bei Aktionisten einmal so Sitte ist.

Allerdings gilt auch Cohen als Aktionskünstler, ist aber, da er keine Antworten auf nichtgestellte Fragen gibt, um Welten sympathischer. "Brüno" ist im wahrsten wienerischen Wortsinn ein richtiger "Gschnas", einer jener Filme, aus denen man kichernd herausgeht, im Wissen, ihn kein zweites Mal sehen zu wollen. Der Schlingensief des Jahres 2000 hingegen war ein für den Mainstream der Wiener-Festwochen-Schickeria aufgelegter Elfmeter ohne Torwart, der aus seinem hohlen Megaphon ein angebliches Nazi-Land anröhrte. Schon damals langweilig. Und unsympathisch.

Zugegeben zählt es nicht zu den Aufgaben eines Aktionisten, sympathisch zu sein. Cohen alias Brüno ist es trotzdem irgendwie, weil er so harmlos schweinisch ist. Ehe Sie sich erregen: Sie müssen sich den Film nicht ansehen. Sie hören ja auch nicht die Musik Ihrer Kinder, oder?

SieheBrüno auf Platz 1