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Warum Chinas Wirtschaft strauchelt

Wirtschaft

Lockdowns, Dürre und trübe Weltkonjunktur setzen dem Reich der Mitte ökonomisch immer mehr zu.


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Wirtschaftlichen Pessimismus ist man von Chinas Führungsspitzen eigentlich nicht gewohnt. Hat das Reich der Mitte in den vergangenen Jahrzehnten doch nur eines getan: wirtschaftlich zu wachsen. Am Mittwoch sprach Chinas Ministerpräsident Li Keqiang von "Schocks jenseits der Erwartungen", gegen die sich das Land nun stemmen müsse. "Jetzt ist der kritischste Augenblick für die wirtschaftliche Erholung", sagte er.

Chinas Konjunkturdaten liegen heuer weit unter den Erwartungen. Im zweiten Quartal wuchs die Wirtschaft um magere 0,4 Prozent gegenüber dem gleichen Vorjahresquartal. Die Industrieproduktion legte nach den Angaben des chinesischen Statistikamtes um 3,8 Prozent zu, die Einzelhandelsumsätze um 2,7 Prozent. Beides blieb ebenfalls weit unter den Erwartungen.

Null-Covid, Null-Wachstum

Anfang der Woche veranlassten die trüben Konjunkturzahlen die chinesische Zentralbank auch zu einem so eigentlich unerwarteten Schritt: Sie senkte den Leitzins für Bankkredite mit einjähriger Laufzeit auf 2,75 Prozent, um die Kreditnachfrage vor allem bei den Unternehmen anzukurbeln.

Vor allem die strenge Null-Covid-Politik der chinesischen Führung hat der Wirtschaft im Land nach über zwei Jahren Pandemie stark zugesetzt. Aber nicht nur. Die eingetrübte globale Konjunktur und Dürren im ganzen Land tun ihr übriges. Das bekommt nun auch die Mittelschicht immer mehr zu spüren.

Immobiliensektor in der Krise

Schanghai, Chinas wichtigste Wirtschaftmetropole, musste im April und Mai erneut zwei Monate in einen harten Lockdown gehen, weil es dort wieder zu einem Corona-Ausbruch gekommen war. Auch der Hafen von Schanghai stand im Zuge dessen still. Das störte die empfindlichen und ohnehin schon unterbrochenen Lieferketten. Tausende Frachtschiffe stauten sich im ostchinesischen Meer und konnten weder an- noch ablegen.

Hinzu kommt noch eine veritable Immobilienkrise. Zahlreiche Immobilienentwickler konnten ihre Bankschulden nicht mehr begleichen. Dem größten von ihnen, Evergrande, musste der Staat mit einer Finanzspritze unter die Arme greifen, um ihn vor der Pleite zu bewahren. 2020 hat China begonnen, den Immobiliensektor stärker zu regulieren, um Spekulationen mit Wohnraum einzuschränken.

Außerdem sanken die Immobilienpreise für Neubauten in den vergangenen drei Monaten in vielen Provinzen Chinas. Außerdem kommt es laut Medienberichten immer öfter zu Zahlungsausfällen bei Wohnungskäufern. Diese haben entweder Probleme, ihre Raten zu bedienen, oder weigern sich schlicht, das zu tun, weil es zu Verzögerungen oder Ausfällen bei der Fertigstellung kommt.

Rationierung von Strom

Dem nicht genug erlebt China diesen Sommer die schlimmste Hitzewelle seit Beginn seiner Temperaturaufzeichnungen. Die Dürre gefährdet die Ernte in der "Kornkammer" Chinas, der Provinz Hanan. Hitze und Regenmangel haben die Wasserstände der chinesischen Flüsse und Seen stark sinken lassen. Das wiederum führt zu einer Energiekrise in vielen Provinzen des Landes, weil die Stromgewinnung aus Wasserkraft stockt. Gleichzeitig steigt aber der Stromverbrauch, wegen des erhöhten Bedarfs an Klimaanlagen.

Der Strommangel hat nun auch weitreichende Auswirkungen auf die Industrie. In Sichuan wird der Strom für Fabriken bereits rationiert, um die Versorgung der Haushalte zu gewährleisten. In 19 von 21 Städten müssen die Unternehmen ihre Produktion eine Woche lang aussetzen.

Das verheißt nichts Gutes für die nach wie vor gestörten Lieferketten und wird auch die Weltwirtschaft treffen. In Sichuan wird nämlich die Hälfte des chinesischen Lithiums abgebaut, das für die E-Mobilität und Mikrochips benötigt wird.

Negativ dürfte sich auch die getrübte Konsumlaune in Europa und die steigende Inflation infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine auf Chinas wirtschaftliches Wachstum auswirken. (del)