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Warum das US-Rennen doch so eng wurde

Von Alexander Dworzak und Klaus Huhold

Politik
Zwei Anhängerschaften, zwei Welten: Demokraten und Republikaner liegen in Kernfragen weit auseinander.
© reuters/Nakamura

Das überraschend gute Abschneiden Trumps erstaunt in Europa. Uns erreichende Bilder des Corona-Desasters in den USA wogen dort weniger schwer als die lange gut laufende Wirtschaft.


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Er hält sich selbst für den Größten, beleidigt seine Gegner und missachtet immer wieder demokratische Spielregeln. Trotzdem hat Donald Trump nun bei der US-Wahl mit - Stand Donnerstagabend - 68,6 Millionen die drittmeisten Stimmen in der US-Geschichte erhalten. Sein demokratischer Kontrahent Joe Biden erreichte mit 72,1 Millionen einen historischen Rekordwert. Auch wenn Biden nach Auszählung aller Wahlmänner und nach allen juristischen Schlachten vielleicht der Wahlsieger sein wird, war das Rennen wesentlich enger als vorausgesagt. Das hat doch, zumal aus europäische Perspektive, viele verwundert. Ein Blick auf die Wahlmotive, die das Institut Edison Research für US-Medien analysiert hat, bietet aber eine Erklärung dafür - und zeigt auch, dass die USA immer wieder ihren eigenen politischen Gesetzen folgen.

So war das stärkste Wahlmotiv das Thema Wirtschaft - was nicht weiter überrascht, das ist zumeist so. Überraschend ist aber doch, dass vor allem Trump-Wähler ihrem Kandidaten viel Kompetenz zugesprochen haben. Dass Trump als Geschäftsmann selbst kräftige Pleiten hingelegt hat, schien nicht weiter zu stören. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass das Scheitern in den USA akzeptierter ist als in Europa und es vielmehr darauf ankommt, nicht aufzugeben - ein Plot, den tausende Hollywoodfilme durchspielen. Vor allem aber ist es Trump durch jahrzehntelanges Marketing gelungen, dass sein Name mit Erfolg assoziiert wird.

Zudem hat Trump zu einem alten Schreckgespenst aus dem Repertoire der
Republikaner gegriffen. Er hat suggeriert, dass unter Biden der
Sozialismus eingeführt werde, und damit eine amerikanische Urangst
beschworen.

Zugleich war Trumps Amtszeit vor der Corona-Pandemie von einem Wirtschaftsaufschwung geprägt. Und er sorgte für Steuererleichterungen, von denen die Wohlhabenden stark profitierten. Trump bekam auch unter den Wählern, die mehr als 100.000 Dollar im Jahr verdienen, 54 Prozent der Stimmen, während Biden bei denjenigen, die mit weniger als 50.000 Dollar im Jahr auskommen müssen, gleich 57 Prozent bekam. Auch im mittleren Einkommenssegment lag Biden mit 56 Prozent vorne.

Biden war der bevorzugte Kandidat der Armen und auch der Minderheiten. 72 Prozent der nicht-weißen Bevölkerung votierten für ihn, während 57 Prozent der Weißen - die noch immer zwei von drei Wählern stellen - Trump bevorzugten. Die Tötung George Floyds durch einen Polizisten und die anschließende Debatte über rassistische Polizeigewalt hat den Wahlkampf noch einmal aufgeheizt. Auch hier wurde in der Nachwahlbefragung klar, dass wesentlich mehr Biden- als Trump-Wähler Rassismus als drängendes Problem sehen.

Erst an drittwichtigster Stelle landet die Pandemie, die in Europa seit Monaten Politik und Nachrichten dominiert. Lediglich 17 Prozent der US-Wähler sahen darin das wichtigste Thema. Wer aber so empfand, stimmte mit überragende Mehrheit für Biden, nämlich acht von zehn Personen.

Kühlwagen für Leichen und Massengräber in New York

Die Bilder, die europäische Medienkonsumenten aus den USA erhalten haben, zeigte dramatische Szenen bis hin zu Kühlwagen, die in New York vor Spitälern auf der Straße standen, um die Leichen aufzubahren, oder die Aushebung eines Massengrabs für Corona-Tote auf einer Insel. Diese Bilder waren nicht falsch, kein Land der Welt verzeichnet mehr Fälle, nämlich 9,5 Millionen, und die knapp 240.000 Toten markieren ebenfalls den internationalen Höchstwert. Sie transportierten jedoch nicht, dass die Pandemie auch an US-Bürgern bisher mehrheitlich spurlos vorübergezogen ist.

Das gilt auch finanziell, für 44 Prozent der Befragten hatte die Krise bisher überhaupt keine negativen wirtschaftlichen Folgen. In dieser Wählergruppe lag dann auch Donald Trump weit vor Joe Biden, mit 56 zu 42 Prozent. Je stärker jedoch die Personen betroffen waren, desto eher wählten sie den Demokraten. Unter den wirtschaftlich schwer Getroffenen erhielt Biden mehr als 70 Prozent. Auch die unter europäischen Konservativen anzutreffende Grundstimmung, dass Trump ein katastrophales Corona-Krisenmanagement betrieben hat, findet sich in den USA nicht wieder. Dort meint nur eine überraschend geringe Mehrheit von 51 Prozent, Biden hätte die Pandemie besser bewältigt als Trump.

Obamacare, das Einfallstor für den Sozialismus

Neben Corona ist ein zweites Gesundheitsthema in den USA virulent, die Debatte um die sogenannte Obamacare. Unter Trumps Vorgänger wurde eingeführt, dass sich alle in den USA krankenversichern müssen. Das ist keine Selbstverständlichkeit in einem Land, in dem knapp 50 Millionen nicht sozialversichert sind - ein Aspekt, der in Europa gerne als Kritikpunkt an den USA angeführt wird.

"Einkommensumverteilung ist ein Kennzeichen von Sozialismus, und wir bewegen uns in Amerika in diese Richtung", donnerte Bill O’Reilly, einst einflussreicher Kommentator von Trumps Haussender Fox News, 2014 über Obamacare. Der Präsident sieht das auch so, er verwässerte das Projekt gleich zu Beginn seiner Amtszeit. Sein seit Jahren angekündigter Plan für das Gesundheitswesen lässt jedoch noch immer auf sich warten.

Stattdessen soll der Supreme Court Obamacare aushebeln, und zwar mithilfe von Amy Coney Barrett. Bereits am kommenden Dienstag beginnt die erste entsprechende Verhandlung mit jener Erzkonservativen, die Trump nach dem Tod der liberalen Höchstrichterin Ruth Bader Ginsburg vorgeschlagen hatte und deren Nominierung vom republikanisch dominierten Senat vor der Präsidentschaftswahl durchgepeitscht wurde. Unter den Wählern wünschen sich 52 Prozent, dass der Supreme Court Obamacare nicht kassiert. Wenig überraschend stimmten acht von zehn von ihnen für Joe Biden. Umgekehrt waren unter jenen 43 Prozent, die die Gesundheitsreform loswerden wollen, mehr als drei Viertel für Trumps Wiederwahl.

Zwischen den Wählergruppen gibt es kaum moderierende Instanzen, am wenigsten sorgt der Präsident dafür. Das US-Mediensystem verstärkt diesen Trend noch. Ein mit westeuropäischen Staaten vergleichbar starker öffentlich-rechtlicher Rundfunk fehlt. Die Sender müssen am privaten Medienmarkt um Werbegelder buhlen, Quote bringt der Präsident - ob man für oder gegen ihn ist. Die sozialen Medien sind ohnehin nicht Diskursraum, sondern Echokammern. Dieser Nährboden für polarisierende Politik bleibt, selbst wenn Trump abtreten muss.