Zum Hauptinhalt springen

Warum die Aufregung über den türkischen Botschafter fruchtlos ist

Von Katharina Schmidt

Analysen

Konflikte lösen mitunter fruchtbringende Debatten aus. Manchmal sorgen sie aber auch dafür, dass sich eine Seite jeglicher sinnvollen Diskussion verschließt. Wenn es um die Aussagen des türkischen Botschafters in Österreich, Kadri Ecvet Tezcan, geht, trifft vermutlich Letzteres zu.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 15 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Denn der Spitzendiplomat hat etwas höchst Undiplomatisches getan und sich mit seiner Kritik an Österreichs Integrationspolitik in - so der Tenor - unzulässiger Weise in die heimische Innenpolitik eingemischt. Dieses Vorgehen wie auch seine bissige Wortwahl widersprechen eindeutig den diplomatischen Gepflogenheiten.

Dazu kommt noch, dass Tezcan in einigen Punkten weit über das Ziel hinausgeschossen ist. Wenn er behauptet, er habe noch nie davon gehört, dass manche jugendliche Türken in der Schule österreichische Kollegen mobben, steckt der Botschafter taktisch naiv den Kopf in den Sand.

Denn ansonsten ist er durchaus informiert, spricht er doch in vielen Bereichen Dinge an, die bereits seit langem bekannt sind. Was wiederum den heftigen Reaktionen der österreichischen Politik in der Sache die rationale Grundlage entzieht.

Ja, 68 Prozent der in Österreich lebenden Menschen mit türkischem Migrationshintergrund haben maximal einen Pflichtschulabschluss. Ja, dadurch sind diese Menschen doppelt so häufig arbeitslos wie gebürtige Österreicher. Ja, es gibt Sprachschwierigkeiten: Bei der Sprachstandsfeststellung 2008 hatten 82 Prozent der Kindergartenkinder mit türkischer Muttersprache Förderbedarf.

Und ja, 69 Prozent der Menschen mit türkischem Migrationshintergrund fühlen sich laut einer Gfk-Studie eher der Türkei als Österreich zugehörig. Aber Vorsicht: In der selben Studie gaben 71 Prozent an, sich hierzulande eher oder völlig heimisch zu fühlen. Die Türken fühlen sich in Österreich zwar wohl, aber vom Land nicht akzeptiert und ziehen sich deshalb in eine Art türkischen Nationalismus zurück.

Die Politik weiß das seit Jahren - und hat immer wieder halbherzige Versuche unternommen, etwas dagegen zu tun. So gab es die umstrittene Muslimenstudie der verstorbenen Innenministerin Liese Prokop, die erfolglose Integrationstour ihres Nachfolgers Günther Platter und jetzt gibt es eben den Nationalen Aktionsplan Integration von Maria Fekter, der ebenfalls nicht gerade als praktische Integrationsanleitung gelesen werden kann.

Dort, wo Integration funktioniert, ist die Bundespolitik nur rudimentär daran beteiligt - und wenn, dann die österreichische und nicht der türkische Botschafter. Denn es sind Vereine, Grätzel- und Nachbarschaftsinitiativen, die für einen besseren Kontakt zwischen gebürtigen und neuen Österreichern sorgen.

Und auf diesen sozialen Ebenen entstehen dann auch jene Konflikte, die zu fruchtbringenden Debatten führen.

Siehe auch:Offenheit als Standortfaktor

+++ Wiener Zeitung-Interview mit Botschafter Kadri Ecvet Tezcan: 'Ihr müsst beginnen, auch andere Kulturen zu schätzen'