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Warum eigentlich Brasilien?

Von Tamara Arthofer

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Tamara Arthofer
Tamara Arthofer ist Sport-Ressortleiterin.

Was hat die Seleção mit einem gelben Ferrari gemein - außer der Farbe? Recht wenig. Das Problem ist, sie glaubt es nicht.


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Kennen Sie das Gefühl? Man ist unterwegs auf einer zweispurigen Autobahn, sagen wir einmal auf der A3 vom Burgenland Richtung Wien, vor einem bummelt ein Lkw vor sich hin, hinter einem taucht im Rückspiegel auf zweiter Spur ein knallgelber Ferrari auf. Er ist weit genug entfernt und nicht schnell unterwegs, nicht viel schneller jedenfalls als man selbst, man will den Lkw überholen, unterlässt es dann aber lieber. Wer weiß, was dem Ferrari einfällt, und wenn er einmal Gas gibt, könnte man mit dem eigenen kleinen Mittelklasse-Wagen, der kaum 70 PS auf die Straße bringt (und nicht einmal gelb ist), ganz leicht ganz schnell ganz schlecht ausschauen. Ziemlich zerdepscht nämlich.

Es hat eine Zeit im Fußball gegeben, da erging es vielen Mannschaften, die gegen Brasilien antreten mussten, so ähnlich wie dem Mittelklassewagenfahrer. Man wusste, dass die gelb gewandeten (Signalfarbe: Gefahr!) Brasilianer Tricks draufhatten, die sonst keiner beherrschte, wehe, wenn sie aufs Tempo drückten, man durfte also keinen Fehler begehen und beging am Ende jenen, in Ehrfurcht zu erstarren.

Doch das ist lange her. Denn die heutige Seleção strahlt längst nicht mehr jene Gefährlichkeit und jenen Glamour aus, die den eigenen Nimbus der Unbesiegbarkeit zur selbsterfüllenden Prophezeiung machten. Vor Fred und Co. braucht man sich nun wirklich nicht zu fürchten, das taten im letzten Gruppenspiel nicht einmal die Kameruner, die trotz der 1:4-Niederlage und der Querelen im Vorfeld eine ansprechende Leistung boten. Dass Brasilien doch mit einem ungefährdeten Sieg ins Achtelfinale einzog, war weniger einer mannschaftlichen Galashow zu verdanken als einzig und allein Neymar, der die Karre quasi im Alleingang aus dem Dreck zog und für seine Leistungen bei der WM angesichts des Drucks, der im Vorfeld auf ihm lastete, gar nicht genug geschätzt werden kann.

Und sonst? Spielerisch biedere Vorstellungen, Fehler im Abwehrverhalten (traurig zu sehen, wie phlegmatisch Weltklasse-Verteidiger wie Dani Alves und David Luiz bisweilen agieren), Disharmonie im Spielaufbau. Das wirklich Überraschende daran aber ist, dass das als große Überraschung gesehen wird. Denn abgesehen vom Confed-Cup im vergangenen Jahr, bei dem das Spiel der Brasilianer eine ungeahnte Eigendynamik bekam, die sie schließlich zum Titel in einem Bewerb trug, der nicht wirklich als Maßstab für eine WM geeignet ist, haben sie schon in den vergangenen Jahren international nicht wirklich zu überzeugen gewusst.

Es war also eigentlich, lässt man einmal alle Sentimentalitäten außer Acht, gar nicht so viel, das vor diesem Turnier für die Gastgeber sprach. Ja, sie haben neben guten bis sehr guten Kickern einen echten Ausnahmekönner, doch dass der allein noch keinen Titel holt, sieht man ja bei den Portugiesen. Ja, sie haben den Heimvorteil, aber dieser kann schnell in einen Heimnachteil umschlagen. Und ja, natürlich kann sich Brasilien immer noch in einen Rausch spielen, vor dem großen Kater ist man aber nach einem solchen bekanntlich nicht gefeit. Und am Ende kann es leicht sein, dass es den Brasilianern so ergeht wie dem Mittelklassewagenfahrer: von den eigenen Erwartungen überholt zu werden.