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Warum kann ein geprüftes Unternehmen pleite machen?

Von Sissi Eigruber

Wirtschaft

Nach Bankenpleiten in Österreich (z. B. Rieger-Bank) und Bilanzskandalen in den USA (z. B. WorldCom) ist auch das Image der Wirtschaftsprüfer etwas angekratzt. Was die Prüfer tatsächlich prüfen, erklärt Robert Reiter vom Institut Österreichischer Wirtschaftsprüfer (iwp) im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".


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Wieso kann ein Unternehmen in Konkurs gehen, wenn es doch vom Wirtschaftsprüfer den uneingeschränkten Bestätigungsvermerk bekommen hat, also der Jahresabschluss des Unternehmens geprüft wurde?

Diese Frage basiere auf einem Missverständnis, erläutert Reiter: "Der Aufgabenbereich des Wirtschaftsprüfers ist gesetzlich definiert". Es gelte nämlich festzustellen, ob Jahresabschluss und Lagebericht eines Unternehmens den gesetzlichen Bestimmungen entsprechen (siehe Kasten links).

Ausschlaggebend ist, ob das gesetzlich vorgeschriebene Regelwerk bei der Erstellung der Jahresbilanz eingehalten wird. Dabei kann natürlich nicht jede einzelne Buchung überprüft werden, sondern es werden Schwerpunkte gesetzt.

Berichtspflicht bei negativer Entwicklung

"Die Wirtschaftsprüfung ist kein Gesundenpass", sagt Reiter. Wenn eine Beeinträchtigung der künftigen Entwicklung des Unternehmens absehbar ist, bestünde seitens des Wirtschaftsprüfers zwar eine Berichtspflicht, "es gibt aber auch Konkursgründe, die für den Wirtschaftsprüfer nicht absehbar sind" - etwa dann, wenn die Aufträge des einzigen Großkunden eines Unternehmens plötzlich ausbleiben oder eine Firma einen nicht vorhersehbaren großen Schaden erleide und nicht entsprechend versichert ist.

Kürzere Ausbildung, dafür Pflicht zur Weiterbildung

Wirtschaftsprüfer brauchen auf jeden Fall ein umfangreiches steuer- und handelsrechtliches Wissen, so Reiter. Voraussetzung für die Berufsausübung als Wirtschaftsprüfer ist in Österreich neben einem facheinschlägigen Studium eine mehrjährige Praxis, die Prüfung zum Steuerberater und schließlich die Prüfung zum Wirtschaftsprüfer. "Die meisten sind daher mindestens 30 Jahre alt, bis sie Wirtschaftsprüfer sind - das ist im Vergleich zum anglo-amerikanischen Raum sehr alt". Reiter plädiert daher für eine Verkürzung der Ausbildungszeit, dafür sollte aber die ständige Weiterbildung der Wirtschaftsprüfer forciert und kontrolliert werden.

Die Mitglieder des iwp verpflichten sich zur kontinuierlichen Weiterbildung. Außerdem unterwerfen sich iwp-Mitglieder zahlreichen internen Qualitätskontrollen.

Das iwp fordert nun, die auf freiwilliger Basis für die Mitglieder des Instituts geltenden Qualitätsrichtlinien zu Inhalten der entsprechenden Gesetzestexte zu machen, denn das Institut selbst hat keinerlei Sanktionsmöglichkeiten - außer dem Ausschluss aus der freiwilligen Berufsvereinigung. Reiter schätzt, dass in Österreich inklusive den kleineren und mittleren Unternehmen etwa 6.000 bis 8.000 Wirtschaftsprüfungen pro Jahr durchgeführt werden. Derzeit gibt es laut Auskunft der Wirtschaftskammer in Österreich rund 1.340 Wirtschaftsprüfer.

Abwerbungen stehen auf der Tagesordnung

Laut iwp sind etwa 80% der Kammermitglieder auch Mitglieder des Instituts. Und mit dem Nachwuchs sehe es auch ganz gut aus, ist Reiter überzeugt, auch wenn den Wirtschaftsprüfungskanzleien die Berufsanwärter sehr häufig von großen Unternehmen abgeworben werden ...