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Warum Nullwachstum keine grüne Alternative ist

Von Peter Rosner

Wirtschaft

Nur eine Abkehr vom Dogma des Wirtschaftswachstums könne das Klima retten, sagen manche Klimaschützer. Ohne Wachstum wären aber viele Menschen zu Armut verdammt.


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Die Einkommen in der Welt steigen. Das ist gut. Die Umweltprobleme steigen ebenfalls. Das ist schlecht. Im Falle der Klimaerwärmung drohen sogar sehr große Katastrophen. Eine von vielen geforderte Konsequenz: Wirtschaftswachstum soll beendet werden, und zwar trotz seiner günstigen Folgen für den Lebensstandard. In diesem Beitrag wird gezeigt: Es droht ein starker Anstieg von Armut, wenn die Wirtschaftsleistung in der Welt tatsächlich nicht mehr steigt, es also kein Wachstum mehr gibt.

Die Beschränkung des Temperaturanstiegs erfordert jedoch immense Investitionen. Dabei entstehen Einkommen, nämlich Löhne und Profite. Wirtschaftswachstum und Umweltschutz sind also vereinbar. Allerdings, und das ist wichtig, kann der private Konsum nicht im gleichen Umfang wachsen, wie es die Einkommen tun.

Es stimmt: Die Menschen verändern durch die Produktion und den Konsum von Gütern und Leistungen ihre Umwelt. Vieles davon ist schädlich für uns. Würde weniger produziert und konsumiert werden, dann wären die Schäden geringer. Aber von weniger Reichtum wird nichts besser. Für sehr viele Menschen würde die Hoffnung auf einen Lebensstandard im Ausmaß auch nur desjenigen, den die untere Mittelschicht der reichen Staaten hat, zunichtegemacht werden.

Darüber hinaus gilt, dass selbst bei Konstanz des gegenwärtigen Umfangs von Produktion und Konsum es nicht möglich ist, das heutige Niveau des Lebensstandards aufrechtzuerhalten. Es wächst nämlich die Bevölkerung. Und ein Ende dieses Bevölkerungswachstums ist nicht abzusehen. Zwar geht in fast allen Ländern die Geburtenrate langsam zurück, aber es sinkt gleichzeitig auch die Säuglingssterblichkeit. Während früher fünf Geburten einer Frau oft nur ein oder zwei zusätzliche Menschen bedeuteten, so können es heute durchaus fünf sein. Das ist auch gut so. Es ist zu hoffen, dass die Säuglingssterblichkeit weiterhin zurückgehen wird, und nicht, dass sie wieder steigt.

Auch in der reichen Welthaben die Wenigsten genug

Der zweite Grund für ein noch langfristig anhaltendes Wachstum der Bevölkerung liegt in der derzeit noch niedrigen Lebenserwartung in einigen Teilen der Welt. In den Staaten südlich der Sahara liegt sie bei etwa 60 Jahren. Würde sie auf die bei uns üblichen 80 Jahre steigen, so würde auch bei geringer Geburtenrate die Bevölkerung in diesen Ländern um 30 Prozent größer werden. Gäbe es kein Wachstum der Wirtschaft, wären die Menschen dort zu schrecklicher Armut verdammt.

Eine weitere Folge eines Endes von Wirtschaftswachstum: Niemand könnte reicher werden, ohne dass ein anderer ärmer wird. Verteilungskonflikte würden deshalb schärfer werden. Technische Veränderungen, die ja oft mit dem Wunsch nach höherem Einkommen verbunden sind, würden erschwert. Es müssten ja die höheren Einkommen der Pioniere durch niedrigere von anderen Personen ausgeglichen werden.

Auch in der reichen Welt haben die wenigsten Menschen genug. Das wird zwar oft bestritten. Es wird dann von künstlichen, von Werbung hervorgerufenen Konsumwünschen gesprochen. Viele Menschen wollen andere durch einen höheren Konsum übertreffen. Das wird von einigen kritisch gesehen. Es heißt oft, es reiche doch das, was wir schon haben. Das stimmt aber nicht.

Gewiss, es mangelt nicht an Fleisch, Obst und Gemüse. Auch die vorhandenen Kapazitäten für die Produktion von Autos werden bereits heute nicht voll ausgenützt. Und die notwendigen Wohnungen könnten auch ohne hohes Wirtschaftswachstum gebaut werden. Wenn jemand aus finanziellen Gründen nicht heizen kann, so würde etwas Umverteilung helfen. Denn Brennstoff gibt es genug. Und wer heute eine Hose mit Löchern trägt, tut das aus modischen Gründen, nicht aus Armut.

Aber vielen ist das nicht genug. Sie wollen Fleisch essen, das von Tieren aus artgerechter Haltung stammt. Man will mobil bleiben, aber die Umwelt soll dabei möglichst wenig belastet werden. Ähnliches gilt für das Heizen von Wohnungen und wahrscheinlich bald auch für deren Kühlung. Viele wollen ihren Kindern etwas hinterlassen, aber sie machen sich Sorgen, dass in Folge einer drohenden Klimakatastrophe deren Zukunft schrecklich sein wird. Menschen wollen Kleidungsstücke tragen, die von Arbeitskräften zu einem Lohn produziert werden, von dem diese leben können. Es steigen auch die Ansprüche, die an Schulen, an das Gesundheitssystem, an den öffentlichen Verkehr gestellt werden.

All das sind keine extravaganten Wünsche, die Personen haben, nur um sich von anderen abzuheben. Es geht auch nicht um demonstrativ große Ausgaben, die anderen zeigen sollen, wie reich man denn sei. Es handelt sich vielmehr um heute viel diskutierte Aspekte von Vorstellungen eines guten und moralisch verantwortungsvollen Lebens. Gewünscht wird eine bessere Umwelt, bessere öffentliche Leistungen, ein Leben in Einklang mit ethischen Vorstellungen. In all diesen Fällen will man mehr haben, nicht weniger.

Man muss dieUmwelt gestalten

Dieses Mehr muss produziert werden. Das verursacht zusätzliche Kosten. Ihnen entsprechen die zusätzlichen Einkommen bei denen, die an dieser Produktion beteiligt sind, sei es in Form von Löhnen oder von Profiten. Es gilt das Prinzip der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, nämlich dass die Kosten für die einen die Einkommen der anderen sind.

Bei den öffentlichen Leistungen ist das evident. Wenn der öffentliche Verkehr ausgebaut wird, so werden dabei Arbeitskräfte beschäftigt und Unternehmen machen Profite. Werden Schulen verbessert und zusätzliche Leistungen im Gesundheitssystem angeboten, dann handelt es sich um zusätzliche Wertschöpfung in diesen Bereichen und es steigt die Wohlfahrt derer, die diese zusätzlichen Leistungen haben wollten.

Das gilt auch für den Umweltschutz. Um das zu verstehen, muss man sich aber von der Vorstellung lösen, dass die Umwelt geschützt ist, wenn sie nicht von Menschen in Anspruch genommen wird. So einen Zustand zu erhalten, ist für die Menschheit unmöglich. Fast acht Milliarden Menschen hinterlassen einen sehr großen Fußabdruck auf der Erde, selbst wenn sie nur einen Lebensstandard der unteren Mittelschicht der reichen Staaten haben. Tatsache ist: Dieser Fußabdruck muss verringert werden. Das geht aber nicht, indem man diese Umwelt nicht in Anspruch nimmt, sondern indem man sie gestaltet.

In den jetzt reichen Wirtschaften geschieht das auch seit längerem. Als beispielsweise in London im Dezember 1952 infolge eines mehrere Tage andauernden dichten Smogs, der wegen des hohen Schwefelgehalts der Kohle giftig war, einige tausend Menschen starben, begann in Großbritannien ein Umdenken. Es wurden nach einiger Zeit Regulierungen getroffen, die eine Wiederholung einer solchen Katastrophe verhindert haben - zumindest bis heute. Die Zahl der offenen Kamine in London wurde reduziert und die Industrie musste ebenfalls ihren Beitrag zur Luftverschmutzung verringern.

Tatsächlich ist die lokale Umwelt in den Städten der reichen Staaten besser als in denen der neuen Industrienationen. Wir leisten uns eine bessere Luft, besseres Wasser und mehr Grünflächen. China konnte die Luftverschmutzung in den Großstädten bereits etwas reduzieren. Gegenwärtig führt das ärmere Indien die Liste der Städte mit extrem hoher Luftverschmutzung an.

Derartige Verbesserungen verursachen Kosten. In London wurde die billige Kohle wegen des hohen Schwefelgehalts als Brennmaterial mit der Zeit verboten und durch teurere Energieformen ersetzt. Das betraf vor allem Haushalte und Unternehmen. In den meisten europäischen Großstädten wurde der öffentliche Verkehr ausgebaut. Auch das Ozonloch und der saure Regen wurden reduziert in einer Periode mit starkem Anstieg des Niveaus der weltweiten Einkommen.

Die Belastung der Luft in den reichen Teilen der Welt wäre heute bedeutend schlimmer, wären die Schranken für Emissionen für Industrieanlagen, Häuser und Fahrzeuge nicht herabgesetzt worden. Das bedeutet natürlich nicht, dass alles gut ist. Es zeigt aber, dass Wirtschaftswachstum und Umweltschutz vereinbar sind. Schließlich ist die Summe der Einkommen in der reicheren Welt auch in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen.

Die Zusammensetzungdes BIP muss sich ändern

Die Bekämpfung des Klimawandels erfordert sehr große Investitionen. Darin sind sich alle einig. Häuser müssen anders gebaut werden, bereits vorhandene müssen verändert werden, um weniger Energie für ein angenehmes Raumklima zu verbrauchen. Auch die Transportwirtschaft kann nicht so arbeiten wie bisher. Neue Energiequellen müssen erschlossen werden.

Es gibt auch Versuche, CO2 aus der Atmosphäre zu holen und unter der Erdoberfläche zu deponieren. Norwegen investiert dafür derzeit viele Millionen. Das alles sind wirtschaftliche Tätigkeiten. Arbeit und Kapital werden dabei eingesetzt und diese Produktionsfaktoren müssen entlohnt werden. Bei der Berechnung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) wird diese Produktion erfasst, so wie auch die Errichtung von Lärmschutzwänden entlang von Autobahnen und Bahneinrichtungen in diese Berechnungen einfließt. Lärmschutzwände dienen zwar nicht dem Klimaschutz, doch auch sie senken (Lärm-)Emissionen und erhöhen die Lebensqualität.

Wirtschaftswachstum im Sinne eines Anstiegs des BIP wird durch Umweltschutz nicht gefährdet. Es wird sich aber doch viel ändern müssen, nämlich bei der Zusammensetzung des Bruttoinlandsprodukts. Es ist dabei üblich, zwischen Konsum und Investitionen zu unterscheiden. Konsum ist, was heute Nutzen bereitet. Es handelt sich vor allem um die Güter und Leistungen, die private Haushalte erwerben. Nahrungsmittel, Unterhaltselektronik, Kosmetik und dergleichen, nur um ein paar Beispiele zu nennen.

Alles andere sind Investitionen, also die Erhaltung und Vergrößerung des Bestands an Kapitalgütern (Häuser, Maschinen, usw.). Mit diesen Kapitalgütern werden in der Zukunft wiederum Konsumgüter produziert. Investitionen werden also von Unternehmen getätigt in der Hoffnung, in Zukunft Konsumgüter verkaufen zu können.

Sehr große Investitionensind notwendig

Bisher stieg mit steigendem BIP auch der Konsum der Haushalte in ungefähr dem gleichen Ausmaß an. Ein höheres BIP pro Kopf verschaffte den Haushalten ein höheres Einkommen, das für den individuellen Konsum zur Verfügung steht. Genau das führte zu einer Gleichsetzung von Wirtschaftswachstum (im Sinne einer Vergrößerung des BIP) mit einem Anstieg des individuellen Konsums.

Die infolge des Klimawandels drohenden Katastrophen werden den engen Zusammenhang zwischen dem Anstieg des BIP und dem Anstieg des individuellen Konsums beenden, zumindest für eine längere Periode. Es müssen etwa die von sehr schweren Unwettern hervorgerufenen Schäden des bisherigen Klimawandels, beseitigt werden. Erst am Donnerstag haben alle Kärntner Abgeordneten im Nationalrat einen Antrag eingebracht, die Unwetter-Opfer in Kärnten finanziell zu unterstützen. Bei Dürrekatastrophen in armen Ländern wird es internationale Hilfszahlungen geben müssen.

Sehr große Investitionen sind auch notwendig, um den weiteren Anstieg der Temperaturen zu reduzieren. Das sind Investitionen, weil etwas produziert wird, das nicht von den einzelnen Haushalten für ihren Konsum gekauft werden kann. Ein Beispiel dafür ist die Wärmedämmung des Gebäudebestandes oder Investitionen in die Erforschung klimaneutraler Energieträger.

Es geht dabei nicht um die Produktion von Konsumgütern in naher Zukunft, wie es bei Investitionen in Unternehmen der Fall ist. Diese langfristigen Investitionen sind aber notwendig, will man den Klimawandel wirklich begrenzen. Arbeit und Kapital, die dabei verwendet werden, stehen für andere Produktionen, nämlich für Konsumgüter und für Erweiterungen der Produktion, nicht zur Verfügung. Das sind die wirklichen Kosten der Beschränkung des Klimawandels.

Die Arbeitskräfte, die dafür benötigt werden, können nicht oder nicht im heutigen Ausmaß für die Produktion von Konsumgütern eingesetzt werden. Oder nur zu einem Preis, der die Produktion dieser Güter nicht mehr wirtschaftlich macht. Wenn der Gebäudebestand in nur wenigen Jahren thermisch saniert wird, können andere Bautätigkeiten, etwa ein kleiner Zubau oder eine Garage, nicht mehr durchgeführt werden. Es fehlt an Arbeitskräften.

In vielen Fällen müssen die Staaten selbst diese Investitionen organisieren, etwa beim Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Auch wird der Staat Geld in Form von Förderungen zur Verfügung stellen müssen, um etwa eine Umrüstung von klimaneutralen Heizsystemen zu erreichen.

Umschichtungen bei staatlichen Ausgaben

Das verlangt höhere Steuern oder geringere staatliche Leistungen in anderen Bereichen. Von größerer Bedeutung sind die notwendigen Regulierungen, etwa verschärfte Emissionsnormen. Sie erhöhen die Preise der davon betroffenen Produkte. Das ist unvermeidlich. Wohnungen in Häusern, deren Energiebedarf so gering ist, dass sie wenig oder gar keine externe Energie benötigen, haben in Europa höhere Produktionskosten als Wohnungen in Häusern, die nur den gegenwärtigen Normen in Bezug auf Energieverwendung entsprechen.

Trifft man solche Maßnahmen nicht, so könnten Haushalte vielleicht größere Autos erwerben und sie wohnten in etwas größeren Häusern. Dass es ihnen damit besser ginge als mit kleineren Autos und kleineren Wohnungen, aber einer besseren Umwelt, darf wohl bezweifelt werden. Das Niveau der Produktion von Autos wird vielleicht infolge der durch den öffentlichen Verkehr höheren Steuern etwas niedriger sein als ohne ihn. Es müssen aber die Einrichtungen des öffentlichen Verkehrs ausgebaut werden.

Die Größe der Produktion wird also nicht beeinflusst, wohl aber die Zusammensetzung der Produktion. Statt mehr und größerer Autos werden mehr Bahnen und Busse produziert, um damit die weitere Erwärmung der Erde hintanzustellen. Die durch Auflagen für Wärmedämmung teurer werdenden Wohnungen werden für ärmere Familien unerschwinglich, wenn ihnen nicht mit Förderungen geholfen wird. Auch dafür wird Geld der öffentlichen Hand benötigt werden, das für andere staatliche Ausgaben nicht zur Verfügung steht.

Das Wachstum des BIP und das der Konsummöglichkeiten der Haushalte sind bei einem energischen Kampf gegen den Klimawandel und seine Folgen nicht mehr so eng verknüpft, wie es bisher der Fall war. Wir benötigen die Investitionen zur Abwehr großer Katastrophen, und wir bekommen sie nicht umsonst.

Man kann die Weisheit eines sehr alten Buches bemühen: Im Schweiße unseres Angesichts müssen wir zur Vermeidung von Katastrophen mehr produzieren, als es ein wünschenswerter Anstieg des individuellen Konsums verlangen würde. Wir leben eben nicht im Paradies.