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Warum PCR-Tests Mangelware sind

Von Simon Rosner und Martin Tschiderer

Politik

Altes Problem mit neuen Ursachen: Wie vor einem Jahr übersteigt die Test-Nachfrage das Angebot.


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Eineinhalb Jahre sind in einer Pandemie eine lange Zeit. Da kann es schon einmal vorkommen, dass man alte Bekannte immer wieder trifft, im konkreten Fall: alte, bekannte Probleme. Nicht zum ersten Mal übersteigt die Nachfrage das Angebot an Tests. Jetzt wieder. Schon ganz zu Beginn nahm sich die Regierung vor, 25.000 PCR-Tests am Tag zu organisieren. Sie scheiterte. Erst nach etlichen Monaten konnte diese Zahl gewährleistet werden. Im Herbst aber, bei der zweiten Welle, waren die Tests dann erneut Mangelware, da die Zahlen in ganz Europa fast gleichzeitig zu klettern begannen und überall die Nachfrage stieg.

Wo hohe Nachfrage besteht, reagiert aber in der Regel auch der Markt. Das war auch bei den PCR-Tests nicht anders. Österreich konnte so zum Test-Weltmeister werden mit mehr als 60.000 Tests pro Tag in der dritten Welle im Frühling. Und nun? Herrscht erneut Knappheit. In acht von neun Bundesländern gibt es Berichte über lange Warteschlangen vor Teststationen, Verzögerungen bei der Auswertung der Ergebnisse und fehlende Test-Kits. Die Ausnahme war Wien, wo die "Alles gurgelt"-Aktion mit PCR-Tests für daheim seit März etabliert ist.

Die Gründe für den Mangel - auch das ist ein alter Bekannter - sind vielfältiger Natur. Eine klare Verantwortlichkeit ist nicht auszumachen. Grundsätzlich herrschte im Sommer politische Übereinkunft darüber, die viel genaueren PCR-Tests österreichweit auch für Screenings auszurollen. Die Antigentests sollten langsam abgelöst werden, da sie zu viele Infizierte übersehen.

Ursprünglich war der Umstieg in der Teststrategie für den Herbst geplant. Deshalb wurde über den Sommer von der Bundesbeschaffungsagentur (BBG) eine Rahmenvereinbarung für PCR-Screenings ausgeschrieben, und zwar mit allem, was dazu gehört: Testabnahme, Logistik, Analyse. Doch dann ließ Delta die Fallzahlen früher als erwartet steigen, für den Zutritt zur Nachtgastronomie war Ende Juli recht plötzlich ein negatives PCR-Ergebnis nötig für Ungeimpte. Die Bundesländer waren daher rasch in der Pflicht, das Angebot ausweiten, obwohl die Ausschreibung noch lief. Diese wurde erst am 9. August abgeschlossen.

Säumige Bundesländer

Zur gleichen Zeit erhielten aber immer mehr Menschen ein Zertifikat und waren nicht mehr auf die PCR-Tests angewiesen. Daher blieb die Nachfrage insgesamt konstant bei 60.000 täglich - und die große bundesweite Ausrollungblieb aus. Oberösterreich stellte zwar auf Basis der Rahmenvereinbarung am 20. August einen Antrag beim Bund, damit dieser die Kosten für das bundeslandweite Screening übernimmt. Der Antrag war aber unzureichend, wie das Gesundheitsministerium erklärt. Danach passierte über viele Wochen - nichts. "Ein definitiver Screening-Antrag wurde schließlich am 2. November übermittelt. Dieser wurde am 3. November genehmigt", heißt es.

Oberösterreich war nicht das einzige Bundesland, das säumig blieb. Dabei dient eine solche Rahmenvereinbarung der Vereinfachung. Die Länder müssen nicht extra ausschreiben, sondern können aus dem Pool der 21 Anbieter Aufträge abrufen. Wenn der Bund zahlen soll, muss dies extra beantragt werden.

Erst im Oktober stieg die Nachfrage bei den PCR-Tests außerhalb von Wien stark an. Das hat zunächst mit den gestiegenen Infektionszahlen zu tun: Am Dienstag waren es österreichweit 10.363 Neuinfektionen binnen 24 Stunden. Zugleich wirken aber auch andere Treiber auf die Nachfrage, wie etwa die verpflichtende 3G-Regel am Arbeitsplatz.

Hamsterkäufe am Weltmarkt

In Kärnten beschwerte man sich öffentlich, dass suggeriert worden sei, dass es genügend Laborkapazitäten gebe. "Es war die Rede von 17 Millionen pro Woche", sagte Gesundheitslandesrätin Beate Prettner (SPÖ). Das wären 2,4 Millionen pro Tag. Derzeit werden 325.000 PCR-Tests täglich ausgewertet. Bei der BBG zeigt man sich über den Vorwurf verwundert. Die im Raum stehende Zahl sei überhaupt nicht nachvollziehbar, heißt es. Hinter vorgehaltener Hand wird auch Kritik an den Labors laut, weil diese ihre Kapazitäten überschätzten.

Das dürfte zumindest nicht ganz falsch sein, wenn man sich bei den Labors selbst umhört. Bei der Ausschreibung wurden Maximalkapazitäten angegeben, aber Skalieren gestaltet sich nun schwierig. Auch, weil es alle gleichzeitig tun müssen.

Erstens, es fehlen Arbeitskräfte, wie etwa biomedizinische Analytiker. Die Labors suchen händeringend nach Personal. Zweitens, die hohe Fallzahl bedingt, dass die Test-Pools mit bis zu zehn Proben häufiger einzeln ausgewertet werden müssen. In Wien ist die Positivrate bei 1,5 Prozent, das ist noch handhabbar, in anderen Bundesländern ist teilweise mehr als eine von zehn Proben positiv.

Drittens, weil nun überall in Europa, wie vor einem Jahr, die Nachfrage steigt, sind manche Ressourcen knapp. Das Salzburger Großlabor Novogenia berichtet, dass teilweise Proberöhrchen ausgegangen sind. Auch andere Verbrauchsstoffe sind da wie dort Mangelware. Das Wiener Labor Lifebrain, das die Gurgeltests anbietet, hat auf Vorrat eingekauft und betont gegenüber dieser Zeitung, nach wie vor eine Kapazität von bis zu 500.000 Tests auswerten zu können.

Gerade in den Flächenbundesländern ist die Logistik aber auch herausfordernd. Und diese muss nun die Belastungsprobe ausgerechnet bei maximaler Nachfrage bestehen. Es wäre bedeutend einfacher gewesen, das Angebot im September langsam auszubauen. Dafür ist es zu spät. Wieder einmal konnte man sich nicht vorstellen, dass passieren wird, was im Vorjahr passiert war und was aus den Modellen abzuleiten war.

Das Gesundheitsministerium reagierte auf den aktuellen Mangel mit einer kleinen Lockerung: Jene Arbeitnehmer, die von der strengeren 2,5G-Regel betroffenen sind (in Krankenhäusern, Pflege- und Altenheimen sowie in der Nachtgastronomie ) können bei "Uneinbringbarkeit" eines PCR-Tests auch wieder einen Antigentest (3G-Regel) vorlegen.

In Kärnten ist die Lage weiter angespannt. Auch wegen eines Corona Clusters - in einem Labor, das die Auswertungen vornimmt. Man stelle neue Mitarbeiter ein, heißt es, aber das dauere.