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In Wahlzeiten jagt oft eine Umfrage die andere. Das ist gleichzeitig sinnvoll und problematisch.
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Wien. Die US-Amerikaner nennen es "presidential race" und Kandidaten, die daran teilnehmen wollen, erklären dies mit: "I’m running!" Die Besonderheit der Vorwahlen, wie sie derzeit bei Demokraten und Republikanern in den USA stattfinden, erinnern ja auch tatsächlich an ein Rennen, in dem es auf einen langen Atem ankommt, Etappensiege errungen werden und immer wieder die Führung wechseln kann. Für die permanente mediale Berichterstattung darüber hat sich der Begriff des Horse-Race-Journalismus durchgesetzt.
Im österreichischen "Präsidentschaftsrennen" bleibt dafür nur die Standortbestimmung über Umfragen. Und obwohl noch nicht endgültig geklärt war, wer genügend Unterschriften sammeln konnte, um es auch tatsächlich auf den Stimmzettel zu schaffen, werden bereits seit Wochen Umfragen publiziert. Sie sehen Alexander Van der Bellen voran und die übrigen feststehenden Kandidaten nahezu gleichauf. Was bedeutet das nun? Antwort: nichts.
Zurück in die USA. Dort hat nämlich im Vorjahr Gallup die durchaus bemerkenswerte Entscheidung getroffen, keine Umfragen in den Vorwahlen, möglicherweise dann auch bei der Präsidentenwahl selbst, zu veröffentlichen. Dazu muss man wissen, dass Firmengründer George Gallup in den 30er Jahren so etwas wie der Pionier der Meinungsforschung war und das Institut nach wie vor eines der größten in den USA ist.
Wechselwähler als Problem

Als Gallup aber 2012 einen Erfolg Mitt Romneys über Barack Obama prognostizierte und dann das Gegenteil eintrat, war dies offenbar ein so großer Schock, dass sich das renommierte Institut vorerst aus den Wahlumfragen herausnimmt. Vielleicht aus gutem Grund. Vor den Primaries in Michigan hatten Prognosen Hillary Clinton mit 20 Prozentpunkten voran gesehen - und dann holte Bernie Sanders den Staat.
"Einerseits halte ich die Sehnsucht nach der Kristallkugel für nachvollziehbar, aber es ist sinnlos", sagt Politologe Peter Filzmaier. Mit Sicherheit lässt sich zwar grundsätzlich nur prognostizieren, dass die Zukunft ungewiss ist, in der Wahlforschung kommen aber auch einige relativ neue Probleme für die Wissenschafter hinzu. "Ein Grund sind die Wechselwähler", sagt Karin Cvrtila von OGM. "Die gibt es zwar schon länger, aber es werden immer mehr. Ein zweites Problem ist, dass wir teilweise für Parteien und Personen keine Erfahrungswerte haben." Das war bei jüngeren Wahlen bei den Neos oder dem Team Stronach der Fall und ist nun bei Irmgard Griss und möglichen Außenseitern so. Eine weitere Schwierigkeit ist, dass immer weniger Personen im Telefonbuch aufscheinen, weshalb die Institute nun mit computergenerierten Nummern arbeiten müssen.
Ein Spezifikum bei der Hofburg-Wahl ist, dass die sonst übliche Recall-Frage ("Was haben Sie beim vorigen Mal gewählt?") keine Rolle spielt. Sie ist für die Forscher zur Gewichtung der Antworten jedoch prinzipiell sehr wertvoll, auch wenn sie durch Wechselwählerschaft und ein offenbar auch deshalb schwindendes Erinnerungsvermögen erratisch geworden ist. Das ist ein Grund, weshalb eine seriöse Einschätzung über die Chancen der Kandidaten für die Wahl am 24. April noch schwieriger wird.
Umfragen als Wahlmotiv
"Die Irrtumswahrscheinlichkeit ist weit höher als die statistische Schwankungsbreite", sagt der Politologe Fritz Plasser. Doch gerade für die immer größer werdende Gruppe der Nicht-Stammwähler sind Umfragen nicht unerheblich. Wer nicht deklarierter Anhänger einer Partei oder eines Kandidaten ist, macht seine oder ihre Wahlentscheidung eventuell auch von Umfragen abhängig. In Rheinland-Pfalz beispielsweise war erst ein Erfolg der CDU, dann ein knappes Rennen mit der Regierungspartei SPD prognostiziert worden. Vermutlich (auch) um einen Regierungswechsel zu verhindern, wählte dann ein Teil der rund 90.000 Menschen SPD, die 2011 noch Grün gewählt hatten.
Dass sich Menschen von Umfragen in ihrer Wahlentscheidung durchaus leiten lassen, ist zwar grundsätzlich nachgewiesen, der Effekt lässt sich allerdings nicht quantifizieren. "Am besten ist er nachgewiesen, wenn einer Partei vorhergesagt wird, dass sie die Hürde nicht schafft", erklärt Filzmaier. Das macht es für Kleinparteien oft zusätzlich schwer, in eine Volksvertretung gewählt zu werden.
Bei der Bundespräsidentenwahl gibt es zwar keine Prozent-Hürde, "aber wenn es sicher scheint, dass es ein Kandidat nicht in den zweiten Wahlgang schafft, würde das zum strategischen Wählen animieren, wenn jemand zum Beispiel nicht zwei Linke oder zwei Rechte in der Stichwahl haben will", sagt Politologe Filzmaier.
Das illustriert freilich auch das Gwirks mit Umfragen. Einerseits schwindet die Treffgenauigkeit durch mehr Wechselwähler, anderseits sind gerade für diese Gruppe Umfragen besonders interessant. Wenn aber die Prognosen unsicherer werden, wächst auch die Gefahr, eine auf falschen Annahmen beruhende taktische Wahlentscheidung zu treffen.
In einigen EU-Ländern, darunter in Italien, ist es verboten, in den Wochen vor einer Wahl, Umfragen zu publizieren. Auch in Österreich wurde dies in den 90er-Jahren debattiert, man entschied sich dagegen. "Ich halte das auch für richtig, es hat einen schalen Beigeschmack, wenn man die Veröffentlichung einer öffentlichen Meinung verbietet, und im Onlinezeitalter ist es auch nicht mehr umsetzbar", sagt Filzmaier.
Interpretation wichtig
Dieter Zirnig, der vor rund sieben Jahren das Online-Politikjournal neuwal.com gegründet hat, ist ein passionierter Umfragenanalyst. Auf seiner Website publiziert er vor Wahlen Zusammenschauen sämtlicher Prognosen der diversen Institute. "Den sportlichen Zugang finde ich nicht so schlecht, weil er Interesse an Politik und Wahlen erzeugt", sagt Zirnig. "Weniger gut ist, dass Umfragen häufig nicht richtig interpretiert werden."
Der klassische Fehler ist, die Schwankungsbreite nicht mitzudenken. In der jüngsten Umfrage von Gallup für die Zeitung "Österreich" liegen Norbert Hofer und Irmgard Griss drei Prozentpunkte vor den Kandidaten von SPÖ und ÖVP. Da dieser Vorsprung aber innerhalb der Schwankungsbreite liegt, wäre die Aussage unzulässig, dass Hofer und Griss einen Vorsprung haben.
Die Schwankungsbreite wird größer, je kleiner die Stichprobe ist, und in Österreich sind die meisten Umfragen, vor allem jene, die Medien in Auftrag geben, aus Kostengründen am unteren Ende angesiedelt (bei 400 Personen). Gerade bei der sogenannten Sonntagsfrage ist auch wesentlich, wann die Umfrage erstellt wurde. Je weiter von einer Wahl entfernt, desto größer ist die Gruppe der Unentschlossenen. Für die Politik ist es natürlich auch wichtig zu wissen, wie viele Wähler noch keine Entscheidung getroffen haben, denn um sie kann man kämpfen. Um eine seriöse Prognose abgeben zu können, muss man die Unentschlossenen aber sehr wohl Parteien und Kandidaten zuordnen. Mit Nachfragen lässt sich zwar oft eine Tendenz herauslesen, allerdings kosten Nachfragen auch Zeit, was wiederum die Abbruchwahrscheinlichkeit von Interviews und damit auch die Kosten erhöht. Auch das ist ein Gwirks.
Peter Hajek, der im Auftrag von ATV Anfang Februar eine Umfrage zur Präsidentschaftswahl durchgeführt hat, sagt: "40 Prozent ist Handwerk, 40 Prozent ist Erfahrung und 20 Prozent ist pures Glück." Er verweist aber auch auf ein grundlegendes Missverständnis. "Sonntagsfragen sind nicht dazu gemacht, Wahlergebnisse zu prognostizieren. Sie sind ein demoskopisches Fieberthermometer. Ein zweiter Gedankenfehler ist: Es ist keine Hochrechnung, sondern eine Hochschätzung. Sie können gut befragen und gut gewichten, es kann sich aber etwas ändern", sagt Hajek. Politiker können Fehler machen - und Umfragen können taktisches Wahlverhalten bewirken.
Für die andere Seite, die Politik selbst, sind Umfragen essenziell, denn durch sie lassen sich für die Zielgruppe wichtige Themen ermitteln, worauf sich dann ein Wahlkampf aufbauen lässt. Bei einer Persönlichkeitswahl spielt das naturgemäß eine geringere Rolle als bei einer Nationalratswahl. Ob ein Kandidat oder eine Kandidatin als sympathisch und für das hohe Amt tauglich wahrgenommen wird, sollte schon vor der Kandidatur abgetestet werden. "Aber wenn ich sehe, dass ein Kandidat eine Schwäche hat, lässt sich schon gezielt darauf hinarbeiten", sagt Cvrtila von OGM.
Für Wahlkampfmanager hat diese Art der Marktforschung daher eine hohe Wichtigkeit und sie liefert auch sehr aussagekräftige Ergebnisse. Wie kommen die Botschaften an? Verbessern sich die Sympathiewerte? Welcher Kandidat genießt das größte Vertrauen bei diesem oder jenem Thema? In den USA hat sich Gallup mittlerweile auf solche Umfragen konzentriert. "Imageprofile abzutesten ist aufwendiger und damit teurer. Das macht es für Medien unattraktiver", sagt Filzmaier.
In Stichwahl ist alles anders
In Österreich läuft die Horse-Race-Berichterstattung derzeit erst langsam an. Grundsätzlich hat sich diese Art des Journalismus aber durch das Aufkommen neuer Boulevardblätter und einem auch schärferen medialen Wettbewerb verstärkt.
Zirnig sagt: "Für ein seriöses Bild ist mir das jetzt noch zu wenig." Und Hajek ergänzt: "Aus heutiger Sicht lässt sich nicht sagen, wer in die Stichwahl kommt. Die einzige zulässige Aussage ist, dass Van der Bellen gute Chancen hat." Wer dann tatsächlich Heinz Fischer in die Hofburg folgen wird, hängt auch ganz maßgeblich von der Konstellation in der Stichwahl ab. Andreas Khol wird in einer solchen vermutlich bessere Chancen gegen Hofer haben als gegen Rudolf Hundstorfer. Die Behauptung, Van der Bellen sei Favorit auf das Präsidentenamt, weil ihn derzeit, Wochen vor der Wahl, Umfragen knapp vorne sehen, ist jedoch schlicht ein Unsinn. "In einer Demokratie ist eben vorher nicht klar, wie eine Wahl ausgeht", sagt Filzmaier. "Und das ist gut so."
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