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Was bei "Sternstunden der Innovation" in Österreichs Betrieben herauskommt

Von Erika Bettstein

Wirtschaft

Vergangene Woche überreichten Wirtschaftsminister Martin Bartenstein und der Geschäftsführer der Innovationsagentur, Helmut Dorn, in Wien den "Staatspreis für Innovation 2000". Nach den Auswahlkriterien Innovation, Nutzen, Marktchancen, volkswirtschaftliche Effekte und Ökologie kürte eine international besetzte Jury das Kärntner Unternehmen Infineon Technologies Microelectronic Design Centers Austria GmbH für den weltweit ersten VDSL Chipsatz zum Staatspreisträger.


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Der Wettbewerb um diesen Staatspreis wird alljährlich von der Innovationsagentur in Kooperation mit den Bundesländern und im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit durchgeführt. Hauptsponsor 2000 war der Telekomanbieter UTA, dessen Vorstandsvorsitzender Kurt Lüscher die Entscheidung der Jury als "sehr eindeutig" beschrieb: "Wir sind überzeugt, dass das VDSL-Modem von Infineon ein herausragendes Produkt mit riesigen Chancen auf dem Weltmarkt darstellt." Bartenstein zeigte sich auch persönlich höchst interessiert an diesem Stück Zukunftstechnologie: Eines der neuen Modems, das die schnellste Datenübertragung über ganz normale Telefonleitungen mit Datenraten von bis zu unvorstellbaren 52 Mill. Bits pro Sekunde ermöglicht, wird wohl bald im Büro des Wirtschaftsministers eingesetzt werden.

Hundert Frösche muss man küssen . . .

Der VDSL Chipsatz von Infineon ermöglicht interaktives Fernsehen, Video on Demand, hochauflösende Videokonferenzen und einen äußerst schnellen Internetzugang - und das alles über die weltweit bereits vorhandenen Kupfer-Telefonleitungen, was die aufwendige Verlegung von Glasfaserkabeln obsolet macht. Und das sei die eigentliche Sensation, wie alle Beteiligten betonen - dem Laien sind solche IT-Höchstleistungen ohnehin nur mehr andeutungsweise verständlich.

"Hundert Frösche muss man küssen, bevor man einen Prinzen findet", beschreibt Dorn das Verhältnis von Erfindungen zur Verwertung, sprich: dem Erfolg auf den Weltmärkten. "Innovation ist, wenn einer zum ersten Mal etwas völlig Neues macht", sagt Dorn. Der Weg von der Idee bis zum konkurrenzfähigen Produkt ist allerdings sehr oft nicht vom Erfolg gekrönt: "Es scheitert am Geld", erklärt Dorn: am Geld, das für Investitionen in Forschung & Entwicklung (F&E) zur Verfügung steht, am Geld für Produkt- und Markttests, am Geld zur Erschließung von Märkten.

Die Innovationsagentur unterstützt bei der Umsetzung von innovativen Projekten - mit der Finanzierung von High-Tech-Unternehmensgründungen und der Vermarktung von Patenten, schafft Kontakte zwischen Investoren und Ideenlieferanten über die "Börse für Business-Angels", bietet mit "Tecnet" ein Netzwerk für Markt- und Technologieinformationen und mit Biotech ein spezielles Impulsprogramm für Biotechnologie.

Wohlstand hängt von der Innovationskraft ab

Den volkswirtschaftlichen Zusammenhang stellt Bartenstein her: "Wohlstand hängt von der Innovationskraft und damit der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft ab", betont der Wirtschaftsminister. Zwar befinde sich Österreich zur Zeit im europäischen Durchschnitt bei den F&E-Investitionen, das Ziel sei eine schrittweise Anhebung bis 2005 auf eine Quote von 2,5% des BIP.

Bundeskanzler Wolfgang Schüssel habe den F&E-Rat ins Leben gerufen, auch "die Mittel sind vorhanden, um die besten Konzepte und Produkte finanzieren zu können", sagt Bartenstein. Problematisch wirke sich die klein- und mittelbetriebliche Struktur der heimischen Wirtschaft aus, weswegen "viele öffentliche und wenig private Gelder für F&E zur Verfügung stehen", erklärt der Wirtschaftsminister. Der "guten österreichischen Erfinder-Tradition" sei mit dem "würdigen Staatspreis-Gewinner Infineon" eine weitere Innovationsleistung hinzu gefügt worden. Das Villacher Unternehmen, einst Siemens Bauelemente-Werk, sei "ohnehin bereits als eine der führenden Technologie-Schmieden bekannt", wie Bartenstein gegenüber der "Wiener Zeitung" hervorstreicht.

Nur zwei Anbieter weltweit

Überrascht zeigten sich die Infineon-Repräsentanten selbst über ihren Erfolg: "Noch bei der Fahrt nach Wien haben wir überlegt, dass wir vielleicht im besten Fall den 2. Platz machen könnten", sagt Andreas Wiesbauer von Infineon zur "Wiener Zeitung". Es gebe in diesem Bereich nur zwei Anbieter weltweit, Infineon erziele derzeit 7 Mrd. Schilling Umsatz, die Geschäftspotenziale seien riesig. Heuer wolle man "auf jeden Fall den US-Markt weiter ausbauen", auch die weltweiten Wachstumsmärkte wie China wären "hoch interessant" - der Staatspreis könnte dabei helfen.

Denn neben einer von Lobmeyer in Glas gegossenen Philharmoniker-Goldmünze und 100.000 Schilling in Gold, gestiftet von der Oesterreichischen Nationalbank und der Münze Österreich, beinhaltet der Staatspreis auch tatkräftige Unterstützung von der Außenwirtschaftsorganisation der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ). "Der Staatspreis soll einen sinnvollen, praktischen Nutzen haben", erklärt deren Leiter Egon Winkler im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Infineon erhält daher auch einen WKÖ- "Marketing Pass", der die kostenlose Teilnahme an einer Fachmesse nach Wahl, eine detaillierte Marktanalyse über einen von Infineon angepeilten Zukunftsmarkt, eine weltweite Patentrecherche und mehr kompetente Hilfestellung der Außenhandels-Experten bereitstellt. "Alle Bewerber für den Staatspreis weisen bereits sehr hohe Exportquoten auf", sagt Winkler, "zur weiteren Expansion ist es aber wesentlich, auch neue Märkte zu erschließen - und dabei können wir konkrete Unterstützung leisten".

Für den Staatspreis 2000 nominiert waren neun Unternehmen, die Sieger aus den Innovations-Wettbewerben der Bundesländer mit insgesamt über 600 teilnehmenden Betrieben. Die präsentierten Bundesländer-Produkte können sich allesamt sehen lassen - mit Innovationen, die kaum mehr nachvollziehbar sind, wie dies auch Festakt-Moderator Josef Broukal launig feststellte: "Da staunt selbst der Wissenschaftsjournalist."

Stolze Leistungen aus allen Bundesländern

So da wäre aus dem Burgenland die Funktionswerkstoffe Forschungs- und Entwicklungs GmbH mit ihrem Wärmetauscher für zentrale Prozesseinheiten "Cool Structures" - ein Flüssigkeitskühler für Hochleistungsrechner, der die gegenüber der Luftkühlung effektivere Wasserkühlung der Massenproduktion zugänglich macht. Aus Niederösterreich wurde die elektrisch induzierte lineare Wirbelstrombremse für Züge von der Knorr-Bremse GmbH präsentiert. Diese arbeitet mittels Magnetfeld und daher verschleißfrei, geräusch- und geruchlos, unbeeinträchtigt von Witterungsbedingungen oder Abrieb. Der deutsche Hochgeschwindigkeitszug ICE (370 km/h Spitzengeschwindigkeit, 1.000 t Gewicht) kann so innerhalb von 4.000 m sanft zum Stehen gebracht werden.

Oberösterreich imponierte mit der kompakten, multimasterfähigen Robotersteuerung für Lackieranlagen in der Automobilindustrie Kemro K 700 von der KEBA AG. Die modernste Lackieranlage der Welt bringt höchste Lackierqualität, -leistung und -präzision bei drastischer Reduktion des Lackverbrauchs und Kosteneinsparung in der Elektronik. Salzburg trumpfte mit der Hochtemperatur-Hybridschaltung der AB Mikroelektronik GmbH auf, die als Teil eines Sensors zur Kontrolle des Motoröls, direkt in Kfz-Motoren angebracht, bei höchsten Temperaturen und extremen Belastungen permanent exakte Daten über den Ölzustand liefert. Bereits jedes zweite deutsche Auto fährt mit der Innovation aus Salzburg.

Futuristisch mutet die "löchrige Gummihaube" aus der steiermärkischen g.tec Guger Technologies an: Sie liefert via Sensoren Echtzeit-Daten für die High end Biosignalverarbeitungssoftware, mit der die Erfassung und Auswertung von Biosignalen wie Herzfrequenz, Gehirnaktivität und Augenbewegungen ermöglicht wird. Extreme Stressbelastungen werden damit erstmals empirisch erfassbar - etwa bei Piloten, Lotsen, Fahrdienstleistern. Die Tiroler Datacon Semiconductor Equipment GmbH reüssiert mit dem revolutionären "Die Bonder 2200 apm", einer Präzisionsmaschine zur Verarbeitung elektronischer Chips. Die Bestückungsgenauigkeit beim Chip-Verkleben liegt dabei bei 10 µ 3 sigma - ein Haar ist etwa 60 bis 80 µ dick. Der innovative logistics-server vom Vorarlberger Unternehmen inet-logistics verbindet E-Commerce-Anbieter mit den Logistikdienstleistern und ermöglicht, Geschäftsprozesse auf Schritt und Tritt zu kontrollieren und zu steuern (www.inet-logistics.com).

Mit Testsystemen zur Aufklärung der Mechanismen des programmierten Zelltodes (Apoptose) bei pathophysiologischer Veränderung des Organismus, die zur Therapieverbesserung in den Bereichen Neurologie, Herzerkrankung, Krebs und Autoimmunerkrankungen beitragen, wurde die MedSystems Diagnostics GmbH Wiener Landessieger.