Was bringt der Weltmeistertitel?

Von Simon Rosner

Politik
Österreich testet mehr als andere Länder. Aber was bedeutet das nun bei Omikron?
© Wiener Zeitung / Moritz Ziegler

Warum Österreich so viel testet wie kein anderes Land und was es bringt.


Die Pandemie war nur wenige Wochen alt, da setzte sich der US-Amerikaner Paul Romer mit Kollegen an den Computer und rechnete. Romer ist Wirtschaftswissenschafter, für seine Analysen zu technischen Innovationen erhielt er den Nobelpreis. Im März 2020 waren die klassischen Eindämmungsstrategien überall gescheitert. Erkrankte wurden getestet und Infizierte samt deren Kontakte isoliert, dennoch bekam man die Ausbreitung des Virus nicht in Griff. Fast alle Länder verordneten Lockdowns.

Ende April publizierte Romer eine Studie über einen möglichen Ausweg aus der Pandemie. Würde man alle Menschen regelmäßig testen, könnte man die effektive Reproduktionszahl unter 1 drücken. Diese Zahl ist maßgeblich in der Pandemie. Das Virus gibt durch seine Infektiosität die sogenannte Basisreproduktionszahl vor, die angibt, wie viele Personen durchschnittlich von einem Infizierten angesteckt werden. Durch Eindämmungsmaßnahmen lässt sich diese Zahl "effektiv", also in Realität, senken. Wenn sie unter 1 liegt, nehmen die Fallzahlen ab. Auch durch Massentests?

Das Modell Romers war im April 2020 nur ein kühner Gedanke. Die PCR-Testkapazitäten waren dafür nicht einmal annähernd ausreichend. Rund zwei Jahre später kommt ein Land dieser Utopie aber näher als alle anderen: Österreich. Bisher wurden mehr als 138 Millionen Corona-Tests durchgeführt, 56 Millionen davon waren PCR-Tests. Allein in Wien werden jede Woche zwei Millionen Proben ausgewertet, rein statistisch also eine von jedem Wiener und jeder Wienerin. In der Realität ist die Verteilung eine andere. Aber dazu später.

Dass Österreich zum selbsternannten Test-Weltmeister wurde, war strategisch gar nicht geplant. Wie so oft in dieser Pandemie stolperte die Regierung in diese Maßnahme hinein. Es begann mit dem letztlich verunglückten Massentest im Dezember 2020, den Ex-Kanzler Sebastian Kurz übereilt angekündigt hatte. Die angedachte Wiederholung dieses Experiments nach den Ferien sollte zu einem "Raustesten" aus dem Weihnachts-Lockdown werden, die SPÖ verhandelte es aber noch zu einem "Reintesten" in Gastronomie und Veranstaltungen um. Österreich war damit eines der ersten Länder, das solche Zutrittsberechtigungen beschloss.

Das führte zwar nicht zu einem flächendeckenden Screening aller Menschen, aber es erhöhte die anfangs zaghafte Nachfrage nach Tests. Vor allem ab dem Zeitpunkt, als der Lockdown dann tatsächlich endete. Das Ziel der Zutrittstests war dabei primär, das Risiko zu reduzieren, dass eine unbemerkt infizierte Person eine Bar besucht und dort möglicherweise viele Menschen ansteckt. Aber natürlich hoffte man auch, dass sich dadurch insgesamt mehr Menschen testen.

Schon im Jänner 2021 hat der Simulationsforscher Niki Popper auch den epidemiologischen Effekt eines breiten Bevölkerungsscreenings modelliert. Ein "Wegtesten" des Virus, wie dies Romer ein Jahr davor berechnet hatte, ist aus Poppers Studie nicht herauszulesen, wohl aber eine "deutliche Reduktion", würde man circa 100.000 Haushalte pro Tag mittels PCR testen. Damals, im Jänner, war auch diese Anzahl noch unrealistisch, aber schon im Mai gurgelten in Wien tatsächlich 100.000 pro Tag. Das Virus war zu jenem Zeitpunkt allerdings gerade auf Sommerpause.

Teststrategie kostete bereits 2,6 Milliarden Euro

Der Bund entschloss sich, das System von gepoolten PCR-Tests auf ganz Österreich auszurollen. Zuständig für die Umsetzung waren die Bundesländer, die aber säumig blieben. Stattdessen forderten einige ÖVP-Landeshauptleute, die Tests kostenpflichtig zu machen. Aus der Strategie, in die man in Österreich hineingestolpert war, wollten einige Politiker wieder hinaus, um etwas gänzlich anderes damit zu erreichen, nämlich eine höhere Impfquote.

Aber auch das Kostenargument kam auf. Tagtäglich fließen in Österreich Millionen Euros in die Corona-Tests. Laut Finanzministerium wurden in den Jahren 2020 und 2021 rund 2,6 Milliarden Euro vom Bund dafür aufgewendet. Wiens Stadtrat Peter Hacker hielt dem Kostenargument im August entgegen: "Lockdowns kosten das X-Fache." Einige Monate später war Österreich dann aber nicht nur "Test-Weltmeister", sondern als eines von nur drei Ländern Europas auch in einem abermaligen Lockdown (mit Kosten von 400 Millionen Euro pro Woche, wie das Wifo ermittelte). Trotz der Maßnahme des Vieltestens gelang es also nicht, besser durch diese Delta-Welle zu gelangen als Länder und Regionen mit ähnlicher Impfquote wie etwa die Schweiz und Bayern. Warum?

Eine Evaluierung dieser Maßnahme ist schwierig. Zum einen fehlen dazu wichtige Daten. Besonders eine Seroprävalenz-Studie, bei der über spezifische Antikörpernachweise unbemerkt gebliebene Infektionen aufgespürt werden können, wäre wichtig, wie Komplexitätsforscher Peter Klimek erklärt. "Dadurch könnte man sehen, wie viel von der Dunkelziffer durch das Testen von Gesunden abgeschöpft wurde." Man müsste aber auch ermitteln, wie viele Infizierte über welche Testschienen gefunden werden.

Zum anderen ist das Verhalten der Menschen eine Unbekannte, die man nur schwer ermitteln kann. Schon im Herbst 2020, als die Antigentests aufkamen und Epidemiologen aus Harvard damit neue "Wegtesten"-Modelle berechneten, hielten Forscher aus Cambridge dem eine Studie entgegen, die auch veränderte Verhaltensmuster berücksichtigte. Würden Getestete mehr Kontakte haben als Ungetestete, könnte sich der positive Effekt sogar ins Gegenteil verkehren, da ein negatives Ergebnis nur eine Momentaufnahme sei. Verhalten sich aber die (getesteten) Österreicher anders als die ungetesteten Bayern? Das ließe sich seriös nicht ermitteln, sagt Klimek.

Wien kam etwas besser durch die Delta-Welle

Was bei der Delta-Welle auffällig war: Wien, das vorwiegend auf PCR-Tests und nicht auf Antigentests setzte, hatte eine niedrigere Inzidenz und auch eine geringere Belastung der Spitäler als andere Bundesländer. Ob das der Teststrategie geschuldet war oder hier (auch) andere Gründe eine Rolle spielen, lässt sich aus der Beobachtung allein nicht sagen.

Sicher ist, dass das Virus von Variante zu Variante schneller geworden ist. Das bestätigt auch der Statistiker Erich Neuwirth. "Der Zeitabstand zwischen den Infektionswellen und den Wellen im Spital ist auch immer kürzer geworden", sagt er. Wenn es nur mehr zwei bis drei Tage von der Infektion bis zur Infektiosität dauert, kommt man mit dem Testen kaum mehr hinterher. Und zwar auch mit PCR-Tests nicht. Auch Popper sagt, gerade in Bezug auf Omikron, dass "die Wirksamkeit noch einmal schlechter wird".

Das betrifft auch das Anwendungsgebiet von Tests als Sicherheitsnetz vor privaten Treffen, wo etwa die Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl bereits vor "falscher Sicherheit" gewarnt hat, die ein negatives Ergebnis vom Vortag vermitteln könne. Da bereits Delta schneller als vorangegangene Varianten war, könnte dies auch im Herbst ein Grund dafür gewesen sein, weshalb der epidemiologische Nutzen insgesamt geringer ausfiel als erhofft.

Dazu kommt, dass sich die Tests nicht gleichmäßig über die Bevölkerung verteilen. Im Austria Corona Panel wird dies regelmäßig abgefragt, zuletzt gaben 25 Prozent an, sich im vergangenen Monat mehr als vier Mal getestet zu haben, ähnlich viele taten dies aber gar nicht und weitere 30 Prozent nur ein bis zwei Mal in vier Wochen. Besonders auffallend ist, dass Personen mit einem tertiären Bildungsabschluss (Uni) überproportional dieses Angebot nutzen sowie auch junge Menschen (unter 26 Jahre).

Sowohl Popper als auch Klimek weisen der Teststrategie aber sehr wohl einen epidemiologischen Effekt zu. Klimek spricht von 10 Prozent, Popper von 15 Prozent (bei 400.000 Tests pro Tag), um die sich die effektive Reproduktionszahl allein durch diese Maßnahme reduziert. Das ist nicht nichts, aber einen Lockdown allein verhindert es nicht. Im Fall einer Reproduktionszahl von 1,3 würde sie allein durch die Tests auf 1,1 bis 1,2 absinken. "Man erspart sich aber schon die eine oder andere Maßnahme", sagt Klimek.

Frühe Diagnose für Behandlung wichtig

Sein Team hat sich unter der Leitung von Jana Lasser auch die Wirksamkeit von Schultests angesehen. Das Screening hat zwar einen relevanten Effekt, betrachtet man aber alle Maßnahmen separat, reduziert das Lüften die Cluster am stärksten. (siehe Seite 20.)

Wie sich die Teststrategie weiterentwickelt, ist noch unsicher. Die gesamtstaatliche Krisenkoordination plant ab April einen weiteren PCR-Ausbau. Das ist aber innerhalb des Gremiums nicht ganz unumstritten. Die Frage ist: Welche Ziele verfolgt man mit der Strategie? An Evidenz zur epidemiologischen Wirksamkeit mangelt es jedenfalls, und sicher ist, dass Omikron die bisherige Effektivität noch einmal reduziert.

Ein Aspekt, der auch für eine breite und niederschwellige Verfügbarkeit sprechen könnte, ist der mögliche therapeutische Nutzen in Verbindung mit neuen Medikamenten wie Molnupiravir oder Paxlovid. Sie sind wirksam, um schwere Verläufe zu verhindern, müssen dafür aber früh im Krankheitsverlauf eingenommen werden. Wenn aber nur Erkrankte getestet werden, vielleicht auch gar nicht am ersten Tag der Symptome, weil die Ordination schon geschlossen ist, kann die ärztliche Diagnose und Empfehlung für diese Medikation zu spät kommen. Wer hingegen beim ersten Anflug eines Symptoms schnell daheim gurgelt und die Probe zum Supermarkt bringt, kann zwei bis drei Tage gewinnen. Die so gewonnene Zeit kann für den Behandlungserfolg entscheidend sein.