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"Was haben zwölf Jahre Regulierung gebracht?"

Von Eva Stanzl

Wirtschaft
Boris Nemsic, geboren 1957, ist Generaldirektor des russischen Telekom-RiesenVimpelcom und war bis März dieses Jahres Chef der Telekom Austria. Foto: Robert Newald

Keine Expansion nach Westeuropa. | Orascom hatte Interesse an Telekom Austria. | "Wiener Zeitung:" Sie stehen seit 1.April an der Spitze des zweitgrößten russischen Mobil funkbetreibers Vimpelcom. Welche Hürden mussten Sie bisher nehmen? | Boris Nemsic: Es war ein Sprung ins kalte Wasser. Im April war die Wirtschaftskrise auf dem Höhepunkt, niemand traute sich Investitionen zu. Ich musste die Firma aus dieser Starre herausführen. Geholfen hat, dass die Währungsabwertung gestoppt wurde.


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Was haben Sie umgesetzt?

Eine Hauptaufgabe war, unsere Tochterfirma Golden Telecom, größter alternativer Festnetz-Betreiber Russlands mit 12.000 Mitarbeitern, zu integrieren.

Wie sieht das Festnetz-Glas fasernetz in Russland aus?

In Russland sind wir mit Glasfaser in 70 Städten und Golden Telecom hat binnen vier Jahren 7,9 Millionen Haushalte erreicht. Es ist das drittgrößte Glasfasernetz bis zur Haustüre der Welt, also sind wir viel weiter als Österreich ( wo erste Pilot-Projekte gestartet wurden, Anm. ) und weiter als ganz Europa.

Man könnte annehmen, dass die entwickelten Märkte Europas die Nase vorn haben. Warum ist dem nicht so?

In Russland ist es erlaubt, Glasfaser durch die Luft, also von Dach zu Dach, zu verlegen. Damit verlegen wir viel schneller und billiger, als wenn wir - wie in Österreich - Rohre in die Erde verlegen müssten.

Wie schaut das aus?

Es schaut nicht besonders schön aus. Aber dadurch, dass es viele Gebäude gibt, die 15 Stockwerke hoch sind, die Glasfaser also hoch oben und sehr dünn ist, sieht man es kaum.

Welche Unterschiede erleben Sie im Tagesgeschäft im Vergleich zur Telekom Austria?

Das ist kaum zu vergleichen. Die Telekom Austria ist exzellent positioniert. In Österreich unterliegt sie jedoch als Ex-Monopolist regulatorischen Auflagen, die ihre Position erschweren.

Ihre Eigentümer Telenor und Alfa haben den Streit über den Eintritt von Vimpelcom in der Ukraine beigelegt und wollen diese nun mit der ukrainischen Kievstar zusammenlegen. Was ändert sich für Sie?

Ich habe vorher in keiner weise negative Stimmung gespürt. Wir wurden auch in keiner Entscheidung behindert. Meine Rolle war neutral und integrativ. Ich hoffe, dass ich dazu beigetragen habe, dass wir eine neue, aktive Phase der Firmenentwicklung beginnen konnten. Seit der Fusionsankündigung ist unser Aktienkurs um 10 Prozent gestiegen.

Die neue Vimpelcom soll ihre Präsenz in den GUS-Staaten erhöhen und die Märkte Südostasiens erschließen. Wie?

Zunächst stärkt die Zusammenlegung unsere finanzielle Basis. Unsere Netto verschuldung liegt bei 6,5 Mrd. Dollar und wird durch die Fusion schrumpfen. Das schafft die Voraussetzungen für Expansionen. Wir wollen Anfang 2010 das offizielle Angebot an der New Yorker Börse platzieren, der Deal soll bis Mitte 2010 abgeschlossen sein.

Vimpelcom soll ein "führender Anbieter in den Schwellenmärkten" werden. Was kennzeichnet diesen Markt?

Wir decken elf Zeitzonen ab, beginnend in der Ukraine. Durch den Zusammenschluss wären wir Marktführer in der Ukraine, Kasachstan und Russland. Wir sind in sechs weiteren GUS-Staaten und drei Staaten Südostasiens präsent. Diese Größenordnung bringt uns in die Top Ten der Welt.

Die Länder sind verschieden entwickelt: In Kasachstan haben Sie eine Handy-Penetration von 100 Prozent, hier beginnen wir mit Glasfaser bis vor die Haustür. In Tadschikistan haben nur 40 Prozent der Bevölkerung ein Handy, hier kommt zuerst die Entwicklung des Mobilfunks. Und in Laos habe wir soeben den zweitgrößten Betreiber übernommen, auch dort ist die Penetration 40 Prozent.

Wie sehen Sie den europäischen Markt im Vergleich zu Ihren jetzigen Märkten?

Der Hauptnachteil auf dem europäischen TelekomMarkt ist die überbordende Regulierung. Das ist in Russland nicht der Fall - etwa gibt es hier keine Preisregulierung im Festnetz. Natürlich wünscht man sich aber auch hier geordnetere Verhältnisse, etwa bei der Lizenz-Vergabe.

Sie finden nicht, dass ein marktbeherrschender Ex-Monopolist Einschränkungen unterliegen sollte?

Das ist eine interessante Idee, aber jetzt haben wir 12 Jahre Regulierung hinter uns, und was hat es gebracht? Es ist notwendig, dass es Mitbewerber gibt. Aber durch die Förderung von zu vielen Spielern hat man erreicht, dass diese zu wenig investieren, weil Investitionsanreize für Große und Kleine fehlen.

Halten Sie es für plausibel, dass Telecom Italia die Telekom Austria kaufen könnte?

Das habe ich gelesen und gelacht. Ich kann mir das nicht vorstellen. Ich war übrigens nie derjenige, der gesagt hat, man muss die Telekom Austria verkaufen - im Gegenteil: Ich war dafür, dass die TA in einem Verbund wachsen kann.

Welchen Verbund meinen Sie - einen mit Vodafone?

Nein, nicht Vodafone. Vodafone strebte die 100-prozentige Eigentümerschaft an, daher haben wir uns für eine Networking-Partnerschaft ohne Eigentümerbeteiligung entschieden. Aber mit jemandem von ähnlicher Größe wäre es sinnvoll gewesen, die Eigentümerstruktur zu verändern.

War etwas dran am Interesse der ägyptischen Orascom?

Die Orascom hatte sicher Interesse an einer Zusammenarbeit.

Haben Sie mit Vimpelcom Interessen in Westeuropa?

Nein. Das sind keine Wachstumsmärkte für uns.

Sprechen Sie Russisch?

Ich verstehe sehr viel, beim Sprechen tue ich mir aber noch schwer. Ich spreche daher hier Englisch.

Wissen

Die 1992 gegründete Vimpelcom ist der zweitgrößte private Mobilfunkbetreiber Russlands. Seit der Übernahme der ukrainischen Golden Telecom 2008 hat die Vimpelcom auch eine Festnetz-Sparte und ein Glasfasernetz.

Die beiden Eigentümer, die norwegische Telenor und die russische Alfa Group, die auch am ukrainischen Mobilfunker Kievstar beteiligt sind, haben jüngst einen jahrelangen Streit um den Markteintritt von Vimpelcom in der Ukraine beigelegt. Nun ist eine Fusion zu einer Vimpelcom neu geplant, um so gemeinsame Märkte erobern zu können.

95 Prozent der russischen Handy-Kunden telefonieren mit Wertkarte - im Unterschied zu 40 Prozent in Österreich. Der russische Telekom-Markt besteht nicht aus einem einzigen, sondern aus 82 Märkten, weil jede Region Lizenzen auf unterschiedlichen Frequenzen vergibt. Mittlerweile hat Russland eine Durchdringungsrate von 139 Prozent bei Handy-Telefonie - so viel wie Österreich. Jedoch sind nur 20 Prozent der Bevölkerung im Internet, Datendienste existieren kaum.