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Was kann in Meißen schon gleißen?

Von Markus Kauffmann

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Markus Kauffmann , seit 22 Jahren Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.

Hufeisen hat er mit bloßer Hand zerbrochen, der Barockfürst aus Sachsen, August der Starke. Er liebte Prunk und zwang einen Apothekerlehrling zur Goldherstellung.


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Wie wir Nachgeborenen wissen, ist das Experiment kläglich gescheitert, jedoch mit einem Knalleffekt: Den Chinesen wurde ihr jahrhundertealtes Monopol der Porzellanherstellung entrissen. Der junge Alchemist hieß Johann Böttger.

Der geschäftstüchtige Sachsenfürst erkannte sofort die wirtschaftliche Ergiebigkeit der Erfindung und erließ am 23. Jänner 1710 ein Dekret zur Errichtung der "Königlich-Polnischen und Kurfürstlich-Sächsischen Porzellanmanufaktur in Meißen". In lateinischer, französischer, deutscher und holländischer Sprache wurde die allerhöchste Botschaft verkündet, das Porzellan sei erfunden. Kein richtiges Gold, aber eben Weißes Gold.

Spätestens seit Shakespeares "Kaufmann von Venedig" wissen wir: "Alles ist nicht Gold, was gleißet". Dennoch war das gleißende Porzellan für August Goldes wert. Auf der Leipziger Ostermesse, zwei Monate nach der Gründung, konnten Kunsthändler, Adel und gehobenes Bürgertum zwar nur das dunkle Böttger-Steinzeug kaufen, das als Nebenprodukt angefallen war. Die weiße Ware indes wurde bereits in wenigen Vorausexemplaren ausgestellt, um dem Publikum den Mund wässrig zu machen.

Das Marketing-Konzept ging auf: Nicht die breite Masse war Zielgruppe, sondern prunkliebende Barockhöfe. Die waren zahlungskräftig und brachten ihr "Fürstengut" formlos über die zahllosen Zollgrenzen der deutschen Kleinstaaterei.

Wer sich auf die Herstellung der weißen Paste verstand, wurde zum ständig observierten Geheimnisträger, zum "Arkanisten". So z.B. Samuel Stöltzl, der trotz aller Sicherheitsvorkehrungen die Rezeptur nach Wien schmuggelte und damit den Grundstein für das Augarten-Porzellan legte, das allmählich zum Konkurrenten von Meißen heranwuchs.

Ihr 300. Bestandsjubiläum feiern die Meissener Alchemisten im Zeichen der berühmt gewordenen gekreuzten Schwerter unter anderem mit einer ganzjährigen Ausstellung "All Nations are welcome", mit den Highlights prächtiger Porzellane für die russische Zarin Katharina II. die Große oder der modernen Großplastik eines Weißkopfseeadlers für die amerikanische Botschaft in Berlin.

Gleichzeitig läuft die Ausstellung "Meissener Porzellan-Zoo für kleine und große Kinder" - Tierfiguren aus verschiedensten Kunstepochen von der Barockzeit über den Jugendstil bis zur Gegenwart - präsentieren sich in neuer Form. Kleine und große Besucher können (wie in freier Wildbahn) in arktischer Landschaft Eisbären und Pinguine entdecken, einen Urwald mit Affen und Papageien erforschen oder einen Hundezirkus beobachten. Ein dichtes Kunst-, Kultur- und Kreativprogramm lädt im ganzen Jubeljahr Zuschauer und Kunden ein.

Mich lacht da besonders eine Veranstaltung im Juli an, die unter dem Motto steht: "Tee, Kaffee, Schokolade - die drei heißen Lustgetränke". Aus einer der bauchigen Kannen der Meissener Produktion, die aussehen wie lebensfrohe Gouvernanten, einen indischen Tee in eine hauchdünne Schale gegossen zu bekommen, dessen Aroma sanft die Nase umschmeichelt - viele vergleichbare Genüsse hat die Welt nicht zu bieten.

Wer sich in das 270 Jahre alte Zwiebelmuster verliebt hat, wer 34.000 Euro für ein Kaffeeservice für zwei Personen mit dem hinreißenden Maiglöckchen-Dekor übrig hat, der sollte heuer ruhig einmal nach Meissen pilgern, ebenso wie der Eigner kleinerer Portmonees, der Schalen, Becher, Vasen oder Leuchter auch für weniger als 100 Euro erstehen will.