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Was macht ein Ritter am Rathaus?

Von Markus Kauffmann

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Markus Kauffmann , seit 22 Jahren Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.

Das Land Bremen ist das kleinste Bundesland Deutschlands. Die Stadt Bremen ist die zehntgrößte der Republik. Ihr Sinnbild ist ein Ritter - doch wie kommt der ausgerechnet vors Rathaus?


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Das Ende des europäischen Mittelalters ist gekennzeichnet durch den Niedergang des Rittertums und das aufstrebende städtische Bürgertum. Ausdruck des zivilen Selbstbewusstseins sind prächtige Rathäuser im Übergangsstil von der Gotik zur Renaissance.

So auch im Zweistädteland "Hansestadt Bremen". Hier steht das gotisch errichtete und dann in der "Weser-Renaissance" umgestaltete Rathaus seit über 600 Jahren. Doch was macht ein fast sechs Meter hoher, steinerner Ritter mit Richtschwert und Kaiserwappen vor dem Symbol städtischer Selbstverwaltung?

Es handelt sich um den berühmten "Bremer Roland", einen der zahlreichen Rolande, die sich überall in Westeuropa finden, vornehmlich aber in Nord- und Ostdeutschland. Roland war eine historische Figur (Markgraf Hruotland), ein Paladin ("zum Palast gehörig") Karls des Großen. Als Legende lebt die Figur

seit dem französischen Heldenepos "Rolandslied" im

12. Jahrhundert. Als unmittelbarer Vertrauter des Königs wird Roland zum Sinnbild für die Freiheit der Städte gegenüber dem territorialen Adel.

Der steinerne Roland mit seinem gotischen Dach (Zimborium) ist insgesamt fast elf Meter hoch. In seiner Rechten hält er das Richtschwert nach oben, das an seiner Schulter lehnt. Mit der Linken fasst er sich an die Koppel seines Gurtes. Und an der linken Schulter prangt der kaiserliche Doppeladler. Dafür fälschten die Bremer Ratsherren sogar kaiserliche Dekrete, um das Recht auf Privilegien zu erschwindeln.

Roland stand nicht vor dem Rathaus, sondern das Rathaus wurde ein Jahr nach ihm dahinter erbaut. Seit 2004 gehören beide zum Welterbe der Unesco.

Bremen hat noch viel mehr zu bieten als dieses Kuriosum. Von der einstigen Bausubstanz ist zwar wenig erhalten, doch bemüht man sich seit Jahren um liebevolle Instandhaltung des Vorhandenen. Ein malerisches Beispiel ist der "Schnoor", ein mittelalterliches Viertel, das früher von Fischern bewohnt wurde. Hundert Häuser aus den verschiedensten Bauepochen der Vergangenheit - von der Renaissance bis zum Historismus - drängen sich auf schmalen Grundstücken und in engen Gassen zu einem zauberhaften nostalgischen Ensemble.

Bremen hatte in den letzten Jahrzehnten einen schmerzhaften Strukturwandel zu bewältigen, weil Werften- und Stahlindustrie der globalen Konkurrenz nicht gewachsen waren. Doch inzwischen hat sich die Stadt zu einem international bekannten Luftfahrt- und Weltraumtechnologiestandort und zu einem Forschungszentrum gemausert. An der Universität entwickelte sich in den letzten Jahren einer der größten deutschen Technologieparks mit rund 6000 hochqualifizierten Menschen.

Bremen ist aber auch eine Kulturstadt von hohem Rang. Einer der drei besten europäischen Konzertsäle ist nach dem Urteil von Karajan "Die Glocke". Das Überseemuseum gehört zu den großen völkerkundlichen Sammlungen Europas. Das Theater Bremen wurde 2007 zum "Opernhaus des Jahres" gekürt. Publikumsliebling ist das Musical Theater Bremen mit seinen 1400 Plätzen, das mit dem Stück "Jekyll & Hyde" berühmt wurde.

Dass die als kühl geltenden Bremer kräftig feiern können, wird in der zweiten Oktoberhälfte bewiesen: Zum 975. Mal seit 1035 findet der Bremer Freimarkt statt. Mit mehr als vier Millionen Besuchern und 345 Schaustellern ist das die größte Veranstaltung dieser Art in Norddeutschland. Und zur Eröffnung hängen Mitglieder der Schornsteinfegerinnung dem Bremer Roland ein großes Lebkuchenherz aus Pappe um.