Was uns noch blüht

Von Helena Pichler

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Der Feind am Straßenrand - die Birke sorgt bei vielen für Probleme.
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Eine entsprechende Stadtplanung könnte helfen, dass im Frühling weniger Menschen an roten Augen und laufenden Nasen leiden.


Es könnte doch so schön sein. Wenn die Sonne wieder dazu einlädt, die Mittagspause im Freien zu verbringen, beginnt für eine bestimmte Gruppe an Menschen ein täglicher Kampf. Mit jeder Blüte, die sich öffnet, steigt die Angst. Die Angst vor den Pollen. In Österreich sind laut einer 2019 stattgefundenen Erhebung des Markt- und Konsumentendaten-Anbieters Statista 43 Prozent der Bevölkerung früher oder später einmal von Heuschnupfen betroffen. Die sogenannte Pollinose ist somit die am weitesten verbreitete Allergieform des Landes.

Für die Betroffenen bedeutet das eine strikte Routine bestehend aus Vorkehrungen, Vermeidungen und dem obligatorischen Antihistaminikum vor dem Schlafengehen. Ein häufiges Wechseln der Bettwäsche und vermehrtes Staubsaugen sind da nur der Anfang, denn die Feinde sind überall. An Straßenecken und entlang des Gehsteigs, in Parks und den Gärten der Nachbarn. Es geht so weit, dass Allergien das Leistungsvermögen vieler Betroffenen beeinträchtigen. Eine Studie aus 2016, an der auch die Medizinische Universität Wien beteiligt war, schätzt die wirtschaftliche Belastung durch Allergieerkrankungen EU-weit auf jährliche 55 bis 151 Milliarden Euro.

Die Wurzel allen Unheils

Zu den auserkorenen Erzfeinden der Allergikerinnen und Allergiker gehört im Frühling die Birke. Mit nur einem ihrer Blütenstände, den sogenannten Kätzchen, kann sie bis zu sechs Millionen Pollen abwerfen. 745 Individuen der hellen Schönheiten stehen allein in Wien. Unter den Allergie-auslösenden Bäumen ist die Birke in Sachen Pollenproduktion Spitzenreiter. Trotzdem gehört sie zu den populärsten Baumgewächsen im städtischen Raum. Sie erfreut sich dank ihrer weißen Rinde und ihrer hellgrünen Blätter großer Beliebtheit unter der Bevölkerung. Nebenbei zählt die Birke zu den Pionierbäumen und wächst deshalb schneller als andere. Genügend Gründe für die Magistrate und Grünflächenämter, sie in ganz Mitteleuropa in die Städteplanung mit einzubeziehen.

Auch die gefürchteten Haseln und Erlen zählen zu den Birkengewächsen, erklärt Leonid Rasran vom Institut für Botanik an der Universität für Bodenkultur in Wien. Es ist also kein Wunder, dass auch sie für viele Allergikerinnen und Allergiker auf der roten Liste stehen. Auch die als Gartenhecken so geschätzte Hainbuche gehört zur Familie. Hier herrscht allerdings kein Grund zur Sorge. Meist sind diese Bäumchen noch jung und produzieren erst wenig bis gar keine Pollen, so Rasran.

Seit einigen Jahren ist eine Verlängerung der Pollenflugzeit zu beobachten. Schuld daran ist der Klimawandel. Warme Temperaturen im Frühjahr lassen Bäume und Gräser früher und über einen längeren Zeitraum austreiben, wodurch sich die Heuschnupfensaison weiter ausdehnt. Von Februar bis in den September kann inzwischen mit Pollenflug gerechnet werden. Bleibt es dann über längere Zeiträume auch noch niederschlagslos, wird es für die Betroffenen besonders brenzlig. Wäscht der Regen die Pollen nicht aus der Luft, reichert sich diese weiter mit den Blütenallergenen an.

Neben den altbekannten heimischen Bäumen und Gräsern machen inzwischen auch immer mehr Gewächse aus dem Ausland, sogenannte Neophyten, Probleme. Grund dafür sind auch hier die steigenden Temperaturen. Das unabsichtlich eingeschleppte und seitdem gefürchtete Ragweed fühlt sich ein bisschen zu wohl in den österreichischen Gefilden. Es verfügt über ein hohes Ausbreitungspotenzial, weshalb inzwischen Maßnahmen gegen dessen Vermehrung unternommen werden sollen. Das Problemkraut, auch Ambrosie genannt, kann mit seiner späten Blüte Allergikerinnen und Allergikern bis in den November hinein wortwörtlich den Atem nehmen.

Einen weiteren Effekt haben Verkehrsemissionen wie CO2, Feinstaub und Stickoxide in der Luft. Nicht nur machen uns die Umweltschadstoffe empfänglicher für allergische Reaktionen, indem sie sich negativ auf unsere Lungenqualität auswirken, auch produzieren einige Pflanzenarten auffallend mehr Pollen, wenn der CO2-Gehalt in der Luft erhöht ist. Zudem gibt es Anzeichen, dass auch die Allergenität der Pollen durch die Schadstoffe gesteigert wird. Feinstaub und Stickoxide wirken sich auf die Produktion von allergieauslösenden Proteinen in den Pflanzen aus, sodass ihr Anteil im Pollenkorn gesteigert wird. Konditionen, die vor allem in Städten gegeben sind.

Kein Problem ohne Lösung

Dabei liegt eine Lösung so nahe. Leonid Rasran hebt insektenbestäubte Baumarten als mögliche Alternativen anstelle der bisherigen Pollenverbrecher hervor. Im Gegensatz zu ihren vom Wind bestäubten Verwandten gibt es genügend Baumarten, deren Pollen keine Probleme bereiten. Der Blütenstaub insektenbestäubter Bäume ist klebrig, um an den Tieren besser haften zu können, so der Botaniker. Aufgrund dessen werden die Pollen auch seltener vom Wind mitgenommen und verteilen sich nicht in der Luft. Zu den heimischen Insektenblütlern zählen verschiedene Ahornarten sowie der früher so beliebte Lindenbaum, was die Frage aufwirft, ob es nicht wieder an der Zeit wäre, die Tage zurückzubringen an denen auf jedem Dorfplatz ein Lindenbaum stand.

Rasran zählt auch windbestäubte Baumarten auf, die für eine allergiefreundliche Stadtplanung in Frage kämen. Die Pollen von Rotbuchen und Eichen haben eine andere chemische Zusammensetzung, als es bei Birkengewächsen der Fall ist, weshalb eine Allergie nur selten vorkommt. Auch einige Neophyten, also nicht heimische Arten, würden sich anbieten. Der robuste Zürgelbaum sei inzwischen schon Teil des Repertoires der Stadtplanung.

Grünraum für alle

Um unsere Städte lebenswert und menschenfreundlich zu machen, braucht es mehr Grünflächen. Sie filtern schädliche Stoffe aus der Luft, bieten Lärm- und Windschutz und kühlen in den heißen Sommermonaten die aufgeheizten Straßen. Um schlussendlich jedoch zu verhindern, dass Personen mit Pollenallergie sich die halbe Zeit des Jahres hinter geschlossenen Fenstern verstecken müssen, ist eine Einbeziehung ihrer Bedürfnisse kaum zu umgehen. Es mag praktisch sein, sich für Gewächse zu entscheiden, die schnell wachsen und nebenbei noch gut aussehen, doch die Städteplanung muss den Faktor Mensch vor den Faktor der Praktikabilität stellen. Bis dahin bescheren uns leider weiterhin nicht die Frühlingsgefühle atemlose Nächte, dafür aber die Allergie.

Frühlingsgefühle sollten zurzeit eigentlich für Euphorie sorgen. An roten Augen und laufenden Nasen leiden in dieser Saison jedoch mehr Menschen denn je. Das könnte man mit entsprechender Stadtplanung ändern.