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Was will ich, was kann ich?

Von Henning Mielke

Politik

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Mein ganzes Berufsleben lang habe ich immer irgendwelche Bürotätigkeiten gemacht, weil mir gesagt wurde, dass es auf dem Arbeitsmarkt nichts anderes gäbe", erzählt Manuela Blanke. Einen x-beliebigen Bürojob wird sie wohl kaum wieder annehmen. Nachdem ihr letzter Arbeitgeber sie entlassen hatte, entschied sie sich, für einen Berufsplanungskurs an der Uni Bremen, der nach dem amerikanischen "Life/Work-Planning-Konzept" arbeitet. Nach dem dreiwöchigen Seminar möchte Blanke sich nun auf die Suche nach ihrem Traumjob machen. Und der hat nichts mit Büro, aber viel mit Kreativität und Stoffdesign zu tun.

"Life/Work-Planning ist ein ungewöhnliches Verfahren", meint Kursleiter John Webb. Denn es geht dabei nicht darum, irgendeine halbwegs erträgliche Arbeit zu finden. "Das Verfahren zielt darauf ab, eine Arbeit zu finden, die man selber sehr gerne machen würde. Und es zeigt die Schritte auf, um die Chancen dafür auf ein Maximum zu bringen."

Das Seminar gibt den Teilnehmern Werkzeuge in die Hand, wie sie sich Wege in den verborgenen Arbeitsmarkt erschließen können.

Die versteckten Stellen

Nach Einschätzung der Bundesanstalt für Arbeit werden in Deutschland zwei Drittel aller Stellen nie öffentlich ausgeschrieben und von den Unternehmen in Eigenregie besetzt. Nur rund ein Drittel aller Stellen werden über den offenen Arbeitsmarkt, also über Stellenanzeigen oder die Arbeitsämter vergeben. Webb schätzt das Verhältnis des verborgenen gegenüber dem offenen Arbeitsmarkt sogar auf drei Viertel zu einem Viertel. "Das Problem ist, dass die meisten Stellensuchenden nur Verfahren kennen, um mit dem offenen Markt klarzukommen. Und das heißt, dass 100 Prozent aller Bewerber sich auf nur 25 Prozent der Stellen stürzen. Klar, dass das eng wird." Im Seminar üben die Teilnehmer Techniken, mit denen man sich auf die nicht ausgeschriebene Stelle bewirbt. "Wer diese Methode anwendet, stellt oft fest, dass er als Bewerber konkurrenzlos dasteht."

Um in so eine erfreuliche Situation zu kommen, muss der Stellensuchende für sich klären, was er gut und gerne macht, wofür er sich interessiert, und welche äußeren Rahmenbedingungen er an seinem Arbeitsplatz haben möchte. Wer genau weiß, was er will, hat bessere Chancen, es auch zu bekommen. Das "Life/Work-Planning-Seminar" hilft den Teilnehmern, sich ein realistisches Bild der eigenen Stärken zu verschaffen.

Üben in der Realität

Dafür bietet der Kurs den Teilnehmern eine Reihe praktischer Übungen. Zum Beispiel trainieren die Kursteilnehmer Einstellungsgespräche: Jeweils zu zweit sitzen sie einander im Seminarraum gegenüber. Der eine mimt den Arbeitgeber. Der andere versucht, binnen drei Minuten klar und prägnant seine individuellen Fähigkeiten zu beschreiben.

Die Übungen des Kurses kommen bei den Teilnehmern gut an. Für Frank Siol liegt der größte Gewinn darin, seine Fähigkeiten nun klarer sehen zu können: "Ich habe mich selber ein Stück mehr gefunden und kann dadurch berufliche Entscheidungen treffen, die ich mir vorher nicht zugetraut habe." Eine ähnliche Erfahrung hat auch Maike Fischer gemacht: "Durch das Wissen um meine Fähigkeiten merke ich, dass ich ganz wach werde und motiviert bin, etwas für meine berufliche Umorientierung zu tun."

Netzaufbau hat Priorität

Besonders gefallen haben auch ihr die realitätsnahen Übungen des Kurses, wie der sogenannte Ausgehtag. An ihm führen die Teilnehmer in sechs selbst ausgewählten Betrieben Gespräche. Dort befragen sie Mitarbeiter über ihre Branche und ihren Werdegang. Auf diese Weise lernen sie eine effektive Methode, sich Informationen über einen bestimmten Arbeitsbereich zu erschließen. Nach dem Seminar werden sie sich mit Hilfe solcher Arbeitsplatz-Interviews aktiv in den verborgenen Arbeitsmarkt hineinmanövrieren.

Die Arbeitsplatzinterviews helfen den Stellensuchenden, ein Netz an persönlichen Kontakten in dem Bereich zu schaffen, in dem sie gerne arbeiten möchten. Für Webb ist dieses Netz das A und O für die Arbeitssuche auf dem verborgenen Stellenmarkt: "Life/Work-Planning stellt Strukturen zur Verfügung, mit deren Hilfe der Stellensuchende selber die Drähte zieht. Und das heißt: Man liest keine Anzeigen mehr, man schickt keine Zeugnisse mehr durch die Gegend, sondern man selbst nimmt Kontakt zu den Firmen auf." Nach Webbs Erfahrungen finden so rund 86 Prozent der Kursteilnehmer innerhalb eines Jahres eine für sie befriedigende Arbeit.

Über dem Großen Teich

In den USA ist "Life/Work-Planning" eine weitverbreitete Methode. Entwickelt wurde sie vom Arbeitswissenschaftler Richard Nelson Bolles. Sein Buch "What Color is Your Parachute?" ist in den USA seit den Siebzigern ein Standardwerk für alle, die sich beruflich neu orientieren wollen. Seit 1991 bietet Webb entsprechende Kurse in Deutschland an. Sein Credo: "Menschen sollten eine bestimmte Arbeit nicht deswegen machen, weil sie besonders wenig mies ist, sondern weil sie sie gern haben."

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Das Buch "What Color is Your Parachute?" von Richard Nelson Bolles ist in deutscher Übersetzung unter dem Titel "Durchstarten zum Traumjob. Das Bewerbungshandbuch für Ein-, Um- und Aufsteiger" im Campus-Verlag erschienen.

Informationen über Life/Work-Planning sind im Internet zu finden unter: http://www.uni-graz.at/lwp