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Wasserkraft in der Sackgasse

Von Bernd Vasari aus dem Tiroler Oberland

Wirtschaft
Wo derzeit der Gebirgsbach durchs Platzertal rauscht, soll nach den Plänen der Tiwag bald eine 120 Meter hohe Staumauer stehen.
© Bernd Vasari

Ab 2030 soll heimischer Strom nur noch aus Sonne, Wind und Wasser erzeugt werden. Warum dieses Vorhaben zum Scheitern verurteilt ist, zeigt der geplante Ausbau des Kraftwerks Kaunertal in Tirol.


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Das Ende des Tiroler Platzertals ist eine graue Wand. Grau vom Geröll, das übrig blieb, nachdem der Gletscher schmolz. Hier oben auf 3000 Metern hat der Klimawandel bereits seine Spuren gezogen. Etwas weiter unten zeigt sich ein anderes Bild. Auf 2200 Metern mäandriert der Gebirgsbach rauschend durch das Hochtal, entlang von Mooren, über Blumenwiesen, vorbei an pfeifenden Murmeltieren. Doch auch hier könnte es bald mit der natürlichen Vielfalt vorbei sein.

Laut Plänen des Landesenergieversorgers Tiroler Wasserkraft (Tiwag) soll das Platzertal mit einem 80 Meter tiefen Stausee geflutet werden, mit dem das Wasserkraftwerk im benachbarten, tieferliegenden Kaunertal gespeist werden soll. 450 Meter breit soll der Stausee sein, begrenzt durch eine 120 Meter hohe Staumauer.

Der WWF, der zu dieser Pressereise einlud, fordert den Stopp der Ausbaupläne und einen umfassenden Schutz der "letzten ökologisch intakten Alpenflüsse sowie den Erhalt alpiner Naturlandschaften." Der Deutsche und der Österreichische Alpenverein sowie drei Dutzend Umweltorganisationen schließen sich dieser Forderung an. Doch wie realistisch ist diese Forderung?

Russlands billige Gaslieferungen sind Geschichte, Kohlekraft ist zu klimaschädlich und über Atomkraft ist jede Diskussion hierzulande zwecklos. Was bleibt dann noch?

75 Prozent des heimischen Stroms werden aus Erneuerbarer Energie erzeugt. Darauf ist Österreich stolz, das ist ein Spitzenwert in Europa. Die größte Bedeutung hat die Wasserkraft mit einem Anteil von zwei Dritteln. Seit den 50er-Jahren wurden dafür im großen Stil Flüsse reguliert und Hochtäler zu Stauseen umgewandelt. Heute gibt es rund 5000 Wasserkraftwerke und kaum noch Gewässer, die unberührt sind.

Wasserableitung aus Gebirgsbächen

Dabei soll die Erzeugung aus Wasserkraft bis 2030 um 5 Terawattstunden gesteigert werden, damit der heimische Strom in den nächsten acht Jahren zu 100 Prozent grün wird. So sieht es das Erneuerbaren Ausbaugesetz (EAG) vor, das vor einem Jahr mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament verabschiedet wurde.

Doch woher noch zusätzliche Wasserkraft nehmen, wenn es kaum noch Gewässer ohne Kraftwerke gibt?

Die Pläne der Tiwag zeigen, wie absurd der Ausbau geworden ist. Um den Stausee im Platzertal mit Wasser zu versorgen, sollen die Gebirgsbäche Gurgler und Venter Ache im Ötztal, drei Täler weiter, bis zu 80 Prozent angezapft werden. Die Ableitung soll durch einen 22,7 Kilometer langen Stollen erfolgen mit einem Durchmesser von knapp 6 Metern, der durch die Wildspitze, Tirols höchsten Berg, gebohrt werden müsste.

Mit schwerwiegenden Folgen, wie Reinhard Scheiber ausführt. Der Landwirt und Obmann der Agrargemeinschaft Obergurgl im hinteren Ötztal, direkt dort, wo die Ableitung in den Stollen geplant ist, sagt: "Wir sind hier nicht gegen die Wasserkraft." Der Klimawandel sei jedoch deutlich spürbar. "In diesem Sommer hat es einen ganzen Monat lang nicht geregnet", sagt er. "Hätten wir die Wiesen nicht täglich bewässert, wären die Böden ausgetrocknet. Wenn dann die Regenfälle kommen, wäre alles oberflächlich weggeflossen."

Das Wasser für die Bewässerung entnehmen die Bauern aus den umliegenden Gletscherbächen. "Es ist jetzt schon knapp, im Juli waren zwei Bäche komplett trocken", sagt er. "Und nun kommt die Tiwag und will 80 Prozent herausnehmen und das Wasser aus dem Ötztal wegleiten."

Gletscherforscher Tobias Hipp: "In 30 Jahren werden die Gletscher in den Ötztaler Alpen abgeschmolzen sein."
© Bernd Vasari

Die Gurgler und Venter Ache werden von den Gletschern in den Ötztaler Alpen gespeist. Doch wie lange noch? Seit 1985 schmelzen die Gletscher in den Ötztaler Alpen, erklärt der Gletscherforscher des Deutschen Alpenvereins, Tobias Hipp. "In 30 Jahren werden sie abgeschmolzen sein." Die Venter und Gurgler Ache werden dann bis zu 80 Prozent weniger Wasser führen. "Woher soll dann das Wasser für das Kraftwerk kommen?", fragt er.

Kostenpunkt: Zwei Milliarden Euro

Für die Versorgung des Stausees sollen insgesamt vier Wildbäche aufgestaut und durch den Stollen abgeleitet werden. Am Ende des Stollens soll beim bereits bestehenden Gepatsch-Stausee im Kaunertal ein Pumpspeicher-Kraftwerk entstehen, um das Ötztaler Wasser ins höher gelegene Platzertal zu pumpen.

Die Ausbau-Pläne reichte die Tiwag erstmals 2009 ein. Sie liegen derzeit zur Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) vor. Zwei Milliarden Euro sollen investiert werden, die Fertigstellung ist geplant bis 2034. "Mit dem Ausbau können wir jährlich 787 Gigawattstunden zusätzlich an Strom produzieren", sagt Wolfgang Stroppa, Tiwag-Projektleiter des Kraftwerk-Ausbaus. "Das wird auch notwendig sein, wenn wir unsere Ziele erreichen wollen", fügt er hinzu. Stroppa verweist auf den Konsens innerhalb der Europäischen Union, der einen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen vorsieht. "Das gelingt einerseits mit Einsparen und, da wir fossile Brennstoffe ersetzen müssen, mit Ausbau."

Umweltbedenken hat Stroppa keine. "Bei Wasserknappheit regelt das Österreichische Wasserrechts Gesetz, in welcher Reihenfolge der Verbrauch genutzt werden darf", sagt der Projektleiter. "Die Energiewirtschaft ist in dieser Reihenfolge nach Haushalten und Landwirtschaft ganz hinten angesiedelt. Und daran halten wir uns auch."

Trockene Sommer seien das eine, was der Klimawandel aber auch mit sich bringen würde, seien Starkregenfälle. "Wir können Hochwasserspitzen auffangen und schützen damit das Ötztal vor Überflutung", sagt er.

Keine Umweltbedenken bei der Tiwag

Die Gletscherschmelze sei zudem einkalkuliert. "Das haben wir mitberücksichtigt." Das Wasser komme dann nicht mehr vom Gletscher, sondern eben von Niederschlägen. "Wie wir auf den Klimawandel reagieren, müssen wir ohnehin bei der UVP vorlegen."

Für die geplante Leistungssteigerung der heimischen Wasserkraft um 5 Terawattstunden bis 2030 liegen alle Hoffnungen auf Tirol. Den Ausbaugrad beziffert der Projektleiter auf 50 Prozent. Bis 2036 plant die Tiwag eine Steigerung der Stromproduktion um 2,7 Terawattstunden durch Ausbau, darunter das Kraftwerk im Kaunertal. "Dann sind wir am Limit." Verbesserungen beim Wirkungsgrad der bestehenden Kraftwerke sind kaum möglich, sagt er. "Wir liegen bei durchschnittlich 90 Prozent, das ist jetzt schon sehr hoch, die Anlagen haben eine optimierte Auslegung."

Die Tiwag wurde 1924 gegründet und zählt mit 1300 Beschäftigten zu den größten Arbeitgebern Tirols. Die Hauptverwaltung befindet sich auf dem Innsbrucker Eduard-Wallnöfer-Platz, dem politischen Zentrum Tirols. Denkmäler erinnern an die Befreiung vom NS-Regime, an die Opfer der Pogrome und an die 600-jährige Zugehörigkeit des Bundeslands an Österreich.

Die Tiwag-Zentrale in Innsbruck neben dem Haus der Landesregierung.
© Tiwag

Gleich neben dem Tiwag-Gebäude steht das Haus der Landesregierung. Das ist kein Zufall, der Energieversorger gehört zu 100 Prozent dem Land Tirol - der bisher stets von der ÖVP gestellte Landeshauptmann ist gleichzeitig der Eigentümervertreter. Es ist eine Nähe, die vielen zu nah ist.

Zuletzt zeigte der Bundesrechnungshof die politische Einflussnahme seitens der ÖVP auf. Unter anderem habe die Tiwag eine Sonderdividende für die Hypo Tirol Bank und auf Wunsch des Eigentürmers Dividenden für das Konjunkturpaket der Landesregierung ausgeschüttet. Auch die Bestellung von Anton Mattle zum Aufsichtsratsvorsitzenden vor drei Monaten sorgte für heftige Kritik. Mattle ist gleichzeitig ÖVP-Spitzenkandidat für die Landtagswahl am Sonntag.

Die Verstrickungen zeigen ein Machtverständnis, das in Tirol steil nach oben zeigt: Wer die Macht besitzt, besitzt alles. "Im Dorf gaben immer Lehrer, Bürgermeister und Pfarrer den Ton an und alle anderen mussten folgen", sagt Anita Hofmann. "Das ist heute noch immer so. Ein paar da oben entscheiden, die Allgemeinheit wird nicht befragt", sagt sie. Hofmann lebt im Kaunertal und arbeitet als Kindergarten- und Krippenpädagogin. 2005 gründete sie die Bürgerinitiative "Lebenswertes Kaunertal", nachdem der Bürgermeister den Ausbau des Kraftwerks unterstützte.

"Wir weichen nicht von unserem Standpunkt ab"

Die heutige Obfrau erinnert sich: "Wir gingen von Tür zu Tür und sammelten Unterschriften gegen den Ausbau. Über 60 Prozent der Wahlberechtigten haben unterschrieben, wir mussten aber versprechen, die Namen geheim zu halten", sagt sie.

Hofmann untergrub damit das gängige Machtverständnis, das hatte Folgen: "Mir wurden Dinge unterstellt, es gab üble Nachrede und Demütigungen. Tagtäglich. Meine ganze Familie war gebrandmarkt", sagt sie. "Ich hätte nie gedacht, dass Menschen so reagieren, wenn man öffentlich seine Meinung kundtut." Dabei würde durch den Ausbau des Kraftwerks viel Lebensraum für immer verloren gehen, der Ort wäre für 10 bis 12 Jahre eine Großbaustelle. "Wir können nicht wieder ein Fest machen, wo die Schützen kommen, die Musikkapelle aufspielt und so tun, als wäre nichts." Hofmann will weiterkämpfen: "Wir weichen da nicht von unserem Standpunkt ab."

Anrainerin Anita Hofmann: "Wir können nicht wieder ein Fest machen, wo die Schützen kommen, die Musikkapelle aufspielt und so tun, als wäre nichts."
© Bernd Vasari

Doch Tradition und Gewohnheiten lassen sich nicht so schnell verändern. Wer die politische Macht will, muss auch die Macht über die Tiwag haben. Der Landesversorger betreibt 9 große und mehr als 30 kleine und mittlere Kraftwerke, die jährlich 3.067 Gigawattstunden Strom erzeugen. Im Jahr 2021 erwirtschaftete Tiwag einen Umsatz von 1,2 Milliarden Euro.

Abseits der politischen Verstrickungen stand die Tiwag immer auf der guten Seite. Denn Strom wird ausschließlich aus den nichtfossilen Energien Biomasse, Fotovoltaik und vor allem aus Wasserkraft erzeugt. Klimaschonend, erneuerbar, CO2-frei. Mit dem Ausbau des Kaunertal-Kraftwerks regt sich aber nun Widerstand in der Bevölkerung. Die Bürgerinnen und Bürger sehen in der Tiwag plötzlich einen Umweltsünder, obwohl der Energiekonzern auf Biomasse, Sonne und Wasser setzt. Für die Pläne der Bundesregierung, die Stromversorgung bis 2030 auf 100 Prozent Strom aus Erneuerbaren umzustellen, sind das schlechte Nachrichten. Wie sollen die Ziele erreicht werden?

Ministerium Gewessler: "Jedes Kraftwerk ist wichtig"

"Jedes neue Kraftwerk ist für die Energiewende wichtig", heißt aus dem Energieministerium von Leonore Gewessler. "Im Fall des Wasserkraftwerks Kaunertal gehen wir davon aus, dass transparente und nachvollziehbare Verfahren bei den zuständigen Gerichten im Land Tirol die entsprechende Naturverträglichkeit prüfen." Für die Energiewende müssten aber alle erneuerbaren Energieträger genutzt werden. Da die Ausbaupotenziale für weitere Wasserkraftwerke in gewisser Weise limitiert sei, müsse der Fokus stärker auf Sonnen- und Windkraft gelegt werden.

Die Ötztaler Ache.
© Bernd Vasari

Bis die Gurgler und die Venter Ache abgeleitet werden, fließen sie noch in vollem Umfang in die Ötztaler Ache, die sich durch das Ötztal windet, bis sie schließlich bei Ötzbruck in den Inn mündet. Links und rechts der Ache stehen villenartige Einfamilienhäuser, Luxus-Chalets und protzige Hotels, die an Disneyland erinnern. Auch in den Bergen gibt es keine Grenzen. Auf 3040 Metern befindet sich die James-Bond-Erlebniswelt: "Auf unterirdischen 1.300 Quadratmetern befeuern Videoinstallationen, Sound, interaktive Stationen und Bond-Original-Utensilien alle Sinne", steht auf der Homepage.

Clemens Matt, Chef des Alpenvereins mit 700.000 Mitgliedern, schüttelt darüber den Kopf. "Wir lassen uns in Skiliften mit Sitzheizung auf den Berg transportieren und fahren auf Kunstschnee ins Tal, wo wir uns am Abend in die Sole-Therme mit Infinity Pool setzen," sagt er. "Wir beschneien bereits heute 80 Prozent unserer Pisten und reden immer noch über die Erschließung neuer Flächen für weitere Skigebiete." Und weiter: "Wir wollen immer mehr, mehr, mehr."

Matt verweist auf die alpinen Hütten des Alpenvereins: "Die produzieren selbst Strom und müssen damit haushalten, weil es nicht anders geht. Bei schlechtem Wetter muss man dann auf Warmwasser verzichten", sagt er. "Verzichten", wiederholt er langsam. Dann sagt er: "Darüber sollten wir alle einmal nachdenken."

(Die Reportage entstand im Rahmen einer Pressereise auf Einladung des WWF, Anm.)