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Gegengewicht zu US-amerikanische Ratingagenturen am Entstehen.
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Wien/Zürich. Mit umstrittenen Herabstufungen der Kreditwürdigkeit europäischer Staaten, kühnen Weisungen an die Politik und einzelnen handfesten Patzern handelten sich die Ratingagenturen Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch in der jüngsten Vergangenheit massive Kritik ein. Während der Ruf nach einer großen europäischen Ratingagentur als Gegengewicht zur Dominanz dieser drei großen US-amerikanischen Bonitätsrichter lauter wird, hat sich im Internet längst eine kritische Öffentlichkeit formiert, die zielstrebig an einem Alternativmodell zur Bewertung der Kreditwürdigkeit von Staaten und Unternehmen bastelt: Die Online-Plattform Wikirating macht es sich zur Aufgabe, das Wissen der Internet-Community zu bündeln, um Marktteilnehmern nachvollziehbare, transparente und vor allem exaktere Ratings als die großen Ratingagenturen anbieten zu können.
"Man braucht Ratings, um Investoren eine Leitlinie zu geben", erläutert Friedrich Mostböck, Leiter der Erste Group Research im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Teilweise stelle ich aber in Frage, wie die Ratingagenturen das machen", so der Analyst, demzufolge gerade Pauschalverurteile europäischer Staaten oder auch Fehleinschätzungen in der amerikanischen Subprime-Krise die Ratingagenturen auf den Prüfstand gestellt hätten. Dass man mit dem Aufbau einer europäischen Ratingagentur das US-amerikanische "Oligopol" brechen könne, sieht der Analyst allerdings skeptisch. "Vier große Ratingagenturen würden die Sache auch nicht besser machen". Vor allem aber dauere es extrem lange, bis man eine neue Ratingagentur am Markt glaubwürdig etabliert habe, ist Mostböck überzeugt.
Alternativmethoden als Ausgangspunkt für Debatten
Schneller könnte das hingegen im Internet gelingen – mit der Online-Plattform Wikirating. "Wikirating ist nach dem selben Prinzip aufgebaut wie Wikipedia: Die Internet-Community ist aufgerufen, an der Weiterentwicklung und Neuentwicklung von Ratingmethoden mitzuwirken", erläutert Wikirating-Gründer Dorian Credé im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".
Die seit zwei Monaten aktive, von Credé und Erwan Salembier ehrenamtlich geführte Online-Plattform, an der über ein Jahr gebastelt wurde, bietet gegenwärtig zwei Methoden zur Bewertung der Kreditwürdigkeit an: Eine subjektive, bei der jeder User sein Wissen zur Bewertung einzelner Länder oder Unternehmen einbringen kann und eine objektiv-mathematische Methode, die wirtschaftliche Grunddaten wie Wirtschaftswachstum, Verschuldungsgrad oder Arbeitslosigkeit heranzieht, gewichtet und daraus die Kreditwürdigkeit errechnet. Für Credé sind diese beiden Ansätze freilich nicht mehr als ein Anfang: "Man muss mit irgendwas beginnen. Das Ziel ist, die Methoden zu verbessern, zu verfeinern und auf Richtigkeit zu überprüfen."
Und genau das werde die Community leisten: "Die Einschätzung von Kreditwürdigkeit soll keine geheime Logenwissenschaft sein, die nur wenige beherrschen", meint Credé, "sondern jeder Interessierte soll sich damit beschäftigen und mitwirken können." Davon, dass Wikirating bei der zu erwartenden Vielzahl an – auch nicht fundierten Meinungen – dennoch zu einem exakteren Urteil als Ratingagenturen gelangen könne, ist Credé überzeugt. "Ich sehe das in Analogie zu Wikipedia. Dahinter steckt zweifellos eine Vielzahl von Amateuren, aber eben auch zahlreicher Experten. Je bekannter das Angebot wird, desto mehr werden Leute werden daran teilnehmen und so ein fundiertes Modellkonstrukt für Ratings erschaffen, als wenn nur einzelne Wissenschaftler und Fachleute das unter sich ausmachen", so der Schweizer, der zugleich auch diese Gruppe dezidiert zum Mitwirken einlädt.
Verständnis für das "Lebewesen" Markt
Hinter der Idee der Plattform Wikirating steht die Überzeugung, dass die breite Gemeinschaft über ein größeres und adäquateres Gespür für wirtschaftliche Gegebenheiten verfügt als Bonitätsprüfer, die sich bei ihren Beurteilungen lediglich auf einzelne wirtschaftliche Indikatoren stützen. "Der Markt ist ein Lebewesen, reagiert sehr subjektiv und häufig nicht rational", erinnert Credé, der genau dieses lebendige und dynamische Verständnis des Marktes anzapfen will.
Im Vergleich mit den klassischen Ratingagenturen will man neben exakteren Ratings vor allem mit einem punkten: Transparenz und Nachvollziehbarkeit. "Ratingagenturen agieren plötzlich, liefern für ihre Urteile Prosaerklärungen ab, lassen Fundiertes aber häufig vermissen. Auf Wikirating hingegen werden sich die Daten ununterbrochen aktualisieren und dynamisch, für jedermann nachvollziehbar verändern. Das Modell ist auf größtmögliche Transparenz ausgerichtet, jedermann kann alles sehen, jederzeit Kritik äußern und Verbesserungsvorschläge liefern", so Credé, der damit auch die Möglichkeit des Missbrauchs relativiert. Wie Wikipedia setzt Credé auf die selbstregulierende Kraft der Community: "Sobald etwas versucht wird, zu verstecken, sieht man es." Ein aus der Wissenschaft entlehntes Peer Review-Konzept, also eine Begutachtung durch andere User, sorge dafür, dass missbräuchliche Eingriffe in die Bewertung der Kreditwürdigkeit bemerkt und verhindert werden.
Partizipation soll Glaubwürdigkeit verschaffen
Dass der Weg dahin ein längerer ist, ist auch den Initiatoren der Plattform bewusst: "Wikirating hat momentan noch keine Glaubwürdigkeit", gibt Credé unumwunden zu, "In zwei, drei Jahren, wenn die Plattform bekannter ist, kann das aber bereits einen enormen Einfluss haben", glaubt der Schweizer, um zu verdeutlichen: "Je mehr Leute partizipieren, desto reifer wird Wikirating." Finanzieren soll sich die Plattform freilich auch dann nicht durch Werbung. "Das ganze Projekt ist idealistisch. Wir wollen einen Gegenpol zu Ratingagenturen schaffen, egal ob sie profitgesteuert sind oder von Staaten gelenkt werden."
"Das ist eine gute Idee", zeigt sich auch Mostböck vom Wikirating-Projekt angetan, "aber nur dann, wenn große Investment Professionals wie institutionelle Investoren, Pensionskassen oder Fonds auf der Plattform auftreten und dann eine Konsensmeinung abgeben." Einen ähnlichen Blick in die ferne Zukunft wagt auch Credé. "Ich könnte mir vorstellen, dass eines Tages Fondsgesellschaften, Banken oder Unternehmen auftreten, um eine Mischung aus Spenden und Lizenzgebühren das Projekt zu führen." An der Bedeutung der Community bei der Bewertung der Kreditwürdigkeit werde das freilich nichts ändern: "Wenn man nicht will, dass einem die Community davonläuft, muss man die Plattform transparent und offen halten." Denn schließlich gehe es bei dem ganzen Projekt darum, Bonitätsurteile, die die Allgemeinheit betreffen, auch der Allgemeinheit zu überantworten.
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