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Wechselseitige Abhängigkeiten

Von Reinhard Heinisch

Politik

Trotz des schnellen Erfolges der USA in Afghanistan bleibt das Verhältnis zwischen Washington und der islamischen Welt ein problematisches, das weitgehend von Widersprüchen und viel Emotion geprägt ist. Amerikanische und auch arabische Nahost-Experten führen dies im Wesentlichen auf die bestehenden wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen den regionalen Eliten und den Vereinigten Staaten zurück.


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Diese Sicht der Konfliktursachen widerspricht eher der in Europa weit verbreiteten Auffassung, wonach das zentrale Problem der amerikanischen Nahostpolitik vor allem in Washingtons einseitiger Unterstützung Israels liege. Kommentatoren in kontinantaleuropäischen Medien meinen durchwegs, dass eine andere Position in der Palästinafrage Jerusalem zum Einlenken bringen und so dem palästinenischen Terror den Boden entziehen würde. Weiters wird vor allem in Frankreich, aber auch in anderen europäischen Ländern die harte Haltung der US-Regierung in der Frage der Sanktionen gegen den Irak als Mitursache für den unverminderten arabischen Radikalismus angesehen. Obwohl beide Konfliktherde, Palästina und Irak, zweifelos eine große Rolle spielen, so sind sie doch eher vordergründiger Natur und versperren die Sicht auf ein darunter liegendes grundsätzliches Problem.

Serie blutiger Attacken

Seit beinahe zwanzig Jahren sind die USA immer wieder das Ziel arabischen Terrors, beginnend mit dem Anschlag auf die US-Marines in Beirut, die Präsident Reagen seinerzeit als "Friedenstruppen" in den Libanon entsandte. Dem folgten unter anderem der erste Angriff auf das World Trade Center 1993, verschiedene blutige Attacken gegen US-Truppen in Saudi Arabien, die Bombenanschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania, sowie die Operation gegen den US-Zerstörer Cole im Hafen von Aden. In keinem dieser Fälle gab es allerdings eine schlüssige Verbindung zur palästinensischen Sache. Gleichzeitig folgte eine umfangreiche Terrorwelle verschiedener palästinesischer und libanesischer Gruppen, die sich jedoch ausschließlich gegen israelische Ziele richtete.

Es liegt also die Vermutung nahe, dass abgesehen von zweifellos bestehenden Querverbindungen, antiamerikanische und antiisraelische Aktionen verschiedenen Ursprungs sind. Weiters gibt es beispielsweise kaum überzeugende Indizien dafür, dass dem Al Qua'ida-Führer je besonders viel am Schicksal der Menschen in Gaza und im Westjordanland gelegen wäre. So gibt es keinen dokumentierten Angriff seiner "islamischen Märtyrer" gegen den "zionistischen Erzfeind."

Mittelschichts-Attentäter

Die Attentäter des jüngsten Anschlages auf die USA und deren Hintermänner waren keinem palästinensischen Flüchtlingslager entsprungen, sondern entstammten durchwegs der saudischen und ägyptischen Mittel- bis Oberschicht, beziehungsweise waren in verschiedenen Teilen der islamischen Welt rekrutiert worden. Diese Tatsachen verwundern bei näherer Betrachtung auch nicht weiter, denn wieso auch sollte sich der radikale Islamist Bin Laden für die Ziele des säkularen Nationalisten Arafat einsetzen, dessen Traum vom neuen Palästina ein so ganz anderer zu sein scheint, als die fundamentalistische Theokratie vom Schlage der Taliban.

Aus heutiger Sicht mag es überraschen, dass die islamische Welt - und hier besonders die Araber - mit den USA traditionell gute Beziehungen unterhielten. Historisch gesehen waren die "imperialistischen" Gegner des aufkeimenden arabischen Nationalismus vor allem die Briten und Franzosen, die nach der osmanischen Herrschaft den Nahen und Mittleren Osten unter einander aufgeteilt hatten. Washington wurde dagegen von den Arabern eher mit Wohlwollen betrachtet, da es den kolonialen Ambitionen der Europäer (wohl aus Eigeninteresse am Ölreichtum) entschieden entgegen trat und beispielsweise in der Suezkrise eine britisch-französische Wiederbesetzung der Kanalzone verhinderte. Seit dem (militärischen) Rückzug der Europäer aus der Region entstand jedoch ein dichtes Flechtwerk wechselseitiger Abhängigkeiten zwischen Washington und der arabischen Welt, das jedoch für beide Seiten immer mehr zum Verhängnis werden sollte.

USA abhängig vom Rohöl

Für die Vereinigten Staaten sind enge Beziehungen zum Nahen Osten, der Region mit den größten Rohölvorkommen der Erde, von überragender wirtschaftlicher Bedeutung. Obwohl die rohstoffreichen USA theoretisch weit weniger von Ölimporten abhängig wären als Europa, bedingt jedoch die verschwenderische amerikanische Energiepolitik, dass ohne das nahöstliche schwarze Gold kein Auskommen wäre. Damit der kostbare Rohstoff in Ruhe fließen kann, bedarf es aus Washingtons Sicht freundschaftlich gesonnener Regierungen und ein hohes Maß an politischer Stabilität in dieser traditionell unruhigen Region. Aus diesem Grund ist für die USA ein militärisch überlegenes Israel ein wichtiger Eckpfeiler dieser Politik. Denn keines der arabischen Länder würde einen offenen Krieg mit Jerusalem riskieren (die Unruhen in den besetzen Gebieten werden dabei eher als lokal begrenztes Problem und daher als sekundäres Risiko eingeschätzt).

Des Weiteren versucht Washington alles, um Störenfriede wie Hussein oder Gaddafi militärisch zu schwächen und international zu isolieren. Andere politische Sorgenkinder wie beispielsweise Ägypten versucht man wiederum mit enormen finanziellen Zuwendungen ruhig zu halten. Außerden bietet die US-Regierung den politischen Eliten der Region im Gegenzug für deren politische Freundschaft den Schutz und Schirm der Supermacht vor allen inneren und äußeren Feinden an. Diese stabilitätsfördernden Maßnahmen schränken den Handlungsspielraum arabischer Regierungen ein. Für die Saudis wird es beispielsweise unmöglich, die USA wegen ihrer Palästinapolitik offen anzugreifen. Die Hand, die einen schützt, darf man eben nicht beißen. Dies wiederum ist zunehmend ein Dorn in den Augen der Bevölkerung, die den wachsenden Einfluss der USA über die Machthaber in der Region mitverfolgt.

Bündnis gegen die Sowjets

Als während des Kalten Krieges die Sowjetunion Schutzmacht diverser antiwestlicher und nationalrevolutionärer Regime (Syrien, später Irak) und Bewegungen (darunter auch Teile der palästinensischen Befreiungsbewegung) wurde, gesellte sich für Washington zur wirtschaftlichen auch noch eine strategische und geopolitische Komponente. In der Abwehr antiklerikaler und revolutionärer Strömungen in der arabischen Welt trafen sich die Interessen der herrschenden Feudaleliten und Islamisten mit den antisowjetischen Intentionen Washingtons. Der gemeinsame Antikommunismus erwies sich als tragfähige Basis gemeinsamer Interessenspolitik, die mit der Intervention der UdSSR in Afghanistan, einem islamischen Land, einen Höhepunkt erlangen sollte.

Die pro-amerikanischen Regime der Region verfolgten jeweils eine von zwei unterschiedlichen Strategien in ihrer Kooperation mit dem Westen. Es gab einerseits Staaten, in denen die politischen Eliten die westliche Kultur und Lebensart im großen Stil importierten und offen eine umfassende Modernisierung und Säkularisierung des eigenen Landes anstrebten. Dazu zählten der Libanon und vor allem der Iran wie, wenn auch in geringerem Ausmaß, einige der kleineren Golfstaaten. Ägypten war ebenfalls eines jener relativ säkularisierten arabischen Länder, das selbst in seiner antiwestlichen Phase unter Nasser mehr nationalistisch als islamistisch geprägt war. Diese Staaten, in denen die politischen Eliten eine explizit am Westen orientierte Politik verfolgten, taumelten schließlich vielfach in die politische Katastrophe. Der Libanon versank im Bürgerkrieg; in Teheran übernahmen die Mullahs die Macht; der Emir von Kuwait und seine privilegierten Landsleute wurden unter allgemeinem Beifall von den Irakis verjagt (bis die USA den Spieß umdrehten) und das ebenfalls (französisch) westlich-orientierte Algerien drohte in einer Spirale der Gewalt zu versinken. Lediglich Ägytpen entging haarscharf einem islamistischen Volksaufstand, bezahlte dies jedoch mit einer fortschreitenden Islamisierung der Gesellschaft, enormer staatlicher Repression und einer Serie blutiger Anschläge, denen unter anderem auch Präsident Sadat zum Opfer fiel.

Andere mit den USA verbündete Regime verfolgten eine alternative Strategie. Dort machten die politischen Eliten zwar mit dem Westen Geschäfte und waren vielfach auch in Amerika ausgebildet worden, offiziell und vor heimischen Publikum setzte man jedoch ganz auf den Islam. Hier wären besonders Saudi Arabien und auch Pakistan zu nennen. Solange der Kalte Krieg dauerte und die Sowjetunion mit Aghanistan ein islamisches Land besetzt hielt, konnten diese Regierungen ihre strategische Kooperation mit Washington vor den Islamisten als notwendige Allianz gegen den "gottlosen" Kommunismus rechtfertigen. Besonders die Saudis und Pakistanis versuchten den islamistischen Radikalismus sogar für eigene Zwecke zu instrumentalisieren.

Fundamentalismus-Export

Dem herrschenden Feudalclan der Saudis gelang es geschickt seine politische Macht mit Geld und kluger Taktik vor den Fundamentalisten abzusichern. Einerseits kam man den Islamisten politisch entgegen, indem man die wohl strengste Form des Islams nach den Taliban quasi zur Staatsreligion machte. Andererseits bot man dem fundamentalistischen Klerus enorme Geldsummen an, um sowohl im eigenen Land, wie auch in anderen islamischen Staaten entsprechende Koranschulen und Moscheen aufzubauen.

Auf diese Weise wurde der Saudische Wahhabismus beinahe in die gesamte Islamische Welt exportiert. Vor allem in den ärmsten Länderen, wo diese Schulen und damit verbundene Institutionen quasi konkurrentzlos sind, fasste diese kompromisslose Form des Islam Fuß. Dieser Geisteswelt entspringen sowohl Bin Laden wie auch jene Attentäter, die die US-Botschaft in Kenia auf dem Gewissen haben. Einer der Attentäter vom 11. September war in einer dieser Wahhabiten-Schulen auf den Komoren für Al Qa'ida rekrutiert und zunächst zur militärischen Ausbildung nach Afghanistan geschickt worden. Selbst Taliban war in ähnlichen Ausbildungsstätten in Nordpakistan entstanden, finanziert großteils mit saudischem Geld. Kurz gesagt, die Saudis haben, um ihren eigenen Kopf zu retten, ihren Fundamentalismus einfach exportiert.

Pakistans Islamisten

Ähnliches trifft auch auf Pakistan zu, wo ebenfalls der zunehmende islamische Radikalismus zum Exportobjekt nach Afghanistan wurde. Bereits in den Achziger Jahren hatten sowohl der pakistanische Geheimdienst wie auch der CIA entdeckt, dass religiös motivierte Mudschahedingruppen wesentlich effektiver in ihrem Kampf gegen die Sowjets waren, als andere Einheiten. Die Amerikaner förderten daraufhin gezielt die jeweils radikalsten islamischen Widerstandsgruppen in Afghanistan.

In logischer Fortsetzung dieser Politik spielte Pakistan später bei den Talibans Geburtshelfer. Zum einen konnte sich Islamabad auf diese Weise eines Teiles der eigenen Radikalislamisten entledigen. Zum anderen erschien ein afghanischer Klientelstaat für die Regierung Pakistans von unschätzbarem Nutzen, sowohl in Bezug auf den Kaschmirkonflikt mit Indien (als Lieferant fanatisierter Guerillakämpfer), wie auch um die nordafghanischen Turkvölker und die daran angrenzenden "-stans" in Schach zu halten.

Die Geister, die die Saudis und Pakistanis teilweise sogar mit amerikanischem Wohlwollen gerufen hatten, wurde man nicht mehr los. Mit dem Ende des Kalten Krieges war die "antiklerikale" Supermacht Sowjetunion Geschichte, dafür aber strahlte der amerikanische Stern mit all seinen westlichen Verführungen und liberalen Ideen umso heller. Der beinahe gleichzeitig stattfindende Golfkrieg wiederum verstärkte Washingtons Präsenz in der Region. Um sowohl das kostbare Rohöl wie auch die befreundenten Regime zu schützen, mussten erstmals US-Truppen in arabischen Ländern selbst stationiert werden.

Besonders deren Präsenz im "heiligen" Land Saudi Arabien erwies sich als Dorn in den Augen religiöser Moslems. Der wachsende politische, militärische und kulturelle Einfluss der USA in der islamischen Welt in Verbindung mit zunehmenden Legitimationsnöten der von Washington abhängigen Eliten in den pro-westlichen Staaten, wurde zur permanenten Quelle antiamerikanischer Strömungen.

Unmut über die Machteliten

In Saudi Arabien und Pakistan wurden die Widersprüche zwischen der weltabgewandten radikalislamischen Doktrin und dem an Konsum und Machterhalt orientierten Teilen der eigenen Führungsschicht nur allzu deutlich. Bis tief in die Mittelschicht hinein erstreckte sich der Unmut über die Korruption und den Machtmissbrauch der eigenen Eliten. Versuche, wie jener Bin Ladens, die Machthaber in Saudi Arabien zu stürzen, mussten letztendlich immer an der schützenden Hand Washingtons scheitern.

Der gewonnene Krieg in Afghanistan mag eine Chance zur Neuorientierung bieten und dürfte dem bewaffneten Radikalismus einen gewissen Dämpfer versetzt haben, er löst jedoch nicht das Grundproblem im Verhältnis zwischen den USA und der islamischen Welt. Dieses ist und bleibt Washingtons Unterstüzung für die durchwegs korrupten und autoritären Regime in der Region und das damit verbundene Gefühl der einseitigen Abhängigkeit von Uncle Sam.

Das Misstrauen unter der arabischen Bevölkerung gegenüber den USA ist ungebrochen groß, so dass weitere amerikanische Militäraktionen in der Region unweigerlich zu einer neuerlichen Eskalation des Hasses führen dürften. In jedem Falle ist eine weit reichende Destabilisierung der Region vorprogrammiert und damit das genaue Gegenteil dessen, was die USA mit ihrer Nahostpolitik zu erreichen versuchen.

Reinhard Heinisch ist Professor für Politikwissenschaft an der University of Pittsburgh (USA). Seine Analyse des gegenwärtigen Verhältnisses zwischen den USA und Europa können sie am Freitag, den 1.Februar 2002, im "EXTRA" lesen.