Zum Hauptinhalt springen

Weg mit den Grenzen - und her mit neuen

Von Martyna Czarnowska

Kommentare

Mit dem Beitritt zum Schengen-Raum grenzt sich Slowenien stärker vom kroatischen Nachbarn ab. | Auf dem Markt im alten Zentrum Rijekas spielt die Grenzziehung keine Rolle. Die Rotbarsche und Tintenfische, die auf Steintischen in der um die Jahrhundertwende erbauten Halle liegen, wurden in der Adria gefischt - ob im slowenischen oder kroatischen Gebiet, ist den Käuferinnen trotz der bilateralen Streitigkeiten um Fischereigründe egal. An den Ständen rund um das Backsteingebäude werden Maroni aus Lovran, italienische Mandarinen und Prsut aus dem Karst ebenso angeboten wie in Asien produzierte Jacken und Unterwäsche.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 18 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Nur wenige Schritte weiter entfernt, auf dem Platz vor dem Stadttheater, nehmen ein paar Marktbesucher einen schnellen Kaffee zu sich. Sie sitzen draußen; noch Anfang November haben die Kaffeehäuser die Tische und Sessel nicht weggeräumt.

Das gegenüberliegende Theatergebäude, konzipiert vom Architektenduo Hermann Helmer und Ferdinand Fellner, zeugt wie die Gründerzeithäuser ringsum von der k.u.k-Vergangenheit der Hafenstadt. Noch vor hundert Jahren war Rijeka Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie, verwaltet von Budapest.

Nach dem Ersten Weltkrieg besetzten italienische Freischärler unter der Führung des Nationalisten und Schriftstellers Gabriele dAnnunzio die Stadt, bevor diese für kurze Zeit zum Unabhängigen Freistaat Fiume erklärt wurde.

1924 kam Rijeka zu Italien - und 1947 zu Jugoslawien. Sechzig Jahre später haben die Einwohner schon wieder eine andere Staatsbürgerschaft: die kroatische. Und die nächste Grenze wird bereits hochgezogen: Rijeka, 20 Kilometer von Slowenien und rund 50 Kilometer vom italienischen Triest entfernt, wird schon nächstes Jahr hinter der Schengen-Grenze liegen.

*

Ende Dezember tritt Slowenien - wie acht andere ost- und südosteuropäische EU-Mitglieder - dem Schengen-Raum bei, in dem Grenzkontrollen wegfallen. Die slowenisch-kroatische Grenze hingegen wird als EU-Außengrenze stärker überprüft. Um das zu garantieren, hat die Regierung in Laibach an die 300 Millionen Euro investiert und die Zahl der Polizisten kräftig erhöht. Rund 3000 Beamte sollen die Grenze bewachen. Die Autobahn von Zagreb nach Maribor ist zwar noch nicht ganz fertig, doch der Grenzübergang bei Macelj ist schon auf mindestens acht Spuren ausgebaut. Eine Abfertigungshalle für Lkw wird gerade errichtet, mächtige Betonplatten sichern den dahinter liegenden Berghang vor Erdrutschen.

Mehr als 50 Millionen Menschen fahren und gehen pro Jahr über die 670 Kilometer lange slowenisch-kroatische Grenze. Kroaten werden auch in Zukunft kein Visum brauchen, um ins Nachbarland und damit in die Europäische Union zu gelangen. Doch vor allem für Pendler, die in Italien oder Slowenien beschäftigt sind, wird der Weg in die Arbeit beschwerlicher. Schon im Sommer war zu sehen, welche Warteschlangen sich bilden können, wenn die Slowenen Visa von türkischen oder serbischen Staatsbürgern überprüfen, die nach dem Urlaub nach Deutschland oder Österreich fahren, wo sie arbeiten.

Doch auch der kleine Grenzverkehr wird schwieriger. Es gibt zwar rund 60 Grenzübergänge nach Kroatien, aber um illegales Passieren zu verhindern, will Slowenien an die hundert Straßen und Wege schließen. So mancher Steg über Grenzflüsse zwischen den Ländern - oft illegal errichtet - wird abgerissen.

Wollen die Bewohner der Grenzdörfer zum Nachbarn auf die andere Seite gehen, so wie sie es jahrzehntelang getan haben, müssen sie nun lange Umwege in Kauf nehmen.