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Weg mit den Postern - wir wollen Originale!

Von Julia Urbanek

Reflexionen

Um 135 Millionen Dollar wurde Klimts "Goldene Adele" verkauft. Die Werke im Kunstsupermarkt kosten 50 bis 299 Euro - und sind ebenfalls Unikate. Peter Doujak brachte die Idee des Spaniers Mario Teres jetzt nach Wien.


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Eine Giraffe wird aufgehängt. Wie ein überdimensionales Puzzle sieht sie aus - mit Bildern ihres langen Halses, der zierlichen Beine, des kleinen Kopfes. 17 einzelne Bilder ergeben ein großes Ganzes: Wer will, kann also nur Giraffenunterschenkel mit nach Hause nehmen. Wer viel Platz hat, kann die ganze Giraffe mit einer Gesamthöhe von 4,6 Metern in seinen persönlichen Großstadtdschungel hängen. Ein Bild kostet 299 Euro, soviel ist jedenfalls fix.

Und die Giraffe (von Benno Geisler) ist in bester Gesellschaft: Dicht drängen sich in den Räumen des Kunstsupermarktes verschiedene Bilder in unterschiedlichsten Stilen, Farben und Größen. Wer vor dieser Fülle steht, weiß gar nicht, wohin er zuerst schauen soll. Oder in welche Ecke der eigenen Wohnung welches Bild passen würde. Denn eines haben die fast 4000 Bilder im neuen Kunstsupermarkt an der Mariahilferstraße gemeinsam: sie sind erschwinglich. Entweder 50, 99, 199 oder 299 Euro kosten die Werke von über 70 Künstlern, die hier hängen. Also: Keine Aller-

weltsbilder aus Möbelhäusern, keine Monet-Poster aus dem Museumsshop mehr - Originale müssen an die Wand!

Die Idee, Kunst erschwinglich zu machen und Hemmschwellen niederzureißen, gibt es schon lange. Vor zehn Jahren hat der spanische Kunsthistoriker und Ausstellungsmacher Mario Teres in Marburg den ersten Kunstsupermarkt gegründet - das Konzept von damals hat sich bis heute gehalten: vier fixe Preise, dichte Hängung der Bilder und Zugang für alle.

Die Idee kam nach Berlin, nach Frankfurt, Sylt, nach Solothurn, Gießen. Immer mehr Künstler, immer mehr Fans kamen dazu - und nun ist der mittlerweile etablierte Kunstsupermarkt heuer zum ersten Mal in Wien. Vor einem Jahr lernte der österreichische PR-Profi Peter Doujak Mario Teres kennen und war von dem Projekt fasziniert, im Februar setzte man sich zusammen - Anfang November wurde jetzt der erste Kunstsupermarkt dieser Art in Wien eröffnet.

Bis Jahresende. Ganz so einfach war die Sache aber nicht, beteuern sie: Das Schwierigste sei gewesen, einen Raum für relativ kurze Zeit zu bekommen - denn der Kunstsupermarkt ist zeitlich begrenzt. Am 32. Dezember ist es zu spät, würde eine alte Bankenwerbung sagen. Ende des Jahres schließt der Markt wieder seine Pforten, um im nächsten Herbst mit neuen Werken wiederzukommen.

Gerade das Temporäre habe aber seinen Reiz, erklären Doujak und Teres: In den Monaten vor Weihnachten haben die Menschen mehr Lust zu kaufen, ihre Umgebung zu erneuern, andere Menschen zu erfreuen. Außerdem orientiert man sich an Ausstellungen in Museen, die ebenfalls nur ein paar Monate laufen und so mehr Reiz besitzen. Und auch die jährlichen Ortswechsel beleben: "Wir wollen flexibel und nicht immer im Museumsviertel bleiben", betont Teres. Können Spätentschlossene in den letzten Dezembertagen noch aus dem Vollen schöpfen oder finden sie dann nur noch "Restposten"? "Es wird hoffentlich viel verkauft sein, aber es wird sicher noch genug geben", ist sich Doujak sicher: "Wenn jemand sehr gut verkauft, können die Künstler auch nachliefern." Außerdem, ergänzt Teres: "Wir haben 4000 Bilder, das ist viel."

Die Wiener nehmen die neue Institution in den ersten Tagen begeistert auf. Das Experiment ist also geglückt - auch wenn sich Teres und Doujak in den vergangenen Wochen mit Streitereien herumschlagen mussten: Im April eröffnete im siebenten Bezirk ebenfalls ein Kunstsupermarkt, M-ARS, der sich nun bedroht fühlt: Der neue Konkurrent im sechsten Bezirk nennt sich nämlich "1. Wiener Kunstsupermarkt". Damit ist aber einerseits nur die Chronologie gemeint, erklärt Doujak, in Frankfurt findet zum Beispiel heuer der "9. Kunstsupermarkt" statt. Andererseits betont er, dass Teres der Erfinder des Konzepts sei, auf das sich auch andere Märkte wie M-ARS berufen: "Wir haben jetzt weder Lust noch Zeit, mit ihm in einen Gerichtsstreit zu gehen." Also werden die Einser auf den Flyern ausgepinselt - und nächstes Jahr wird die Welt wieder in Ordnung sein, wenn der "2. Wiener Kunstsupermarkt" eröffnet wird.

Die Ziele der Supermärkte sind dennoch ähnlich: Man will Kunst für alle öffnen. Der Kunstsupermarkt "soll neue Schichten ansprechen. Die, die sich bis jetzt nicht in eine Galerie getraut haben", erklärt Doujak. Mit niedrigen Fixpreisen hat man in anderen Städten genau diese erreicht: "Leute, die nie in Galerien gegangen sind, sind richtige Sammler geworden", freut sich Teres: "Wir sehen, wie sich der Kunde entwickelt". Viele kaufen im ersten Jahr ein Bild für 50 Euro, zwei Jahre später erkennen sie bereits die verschiedenen Stile, wissen genau, was sie wollen - und kaufen drei Werke um 299 Euro.

Die Demokratisierung der Kunst - ein Trend der Zeit? "Jeder will was Persönliches an der Wand haben, ein Original. Der Zeit der Poster, wie vor 20 Jahren, ist vorbei", erklärt Doujak.

Pool an Künstlern. Wer nun im Kunstsupermarkt stöbert und sich in ein Bild verliebt, bekommt noch mehr als das: Eine Biografie des Künstlers wird jedem Käufer mitgegeben, das Werk kann vor Ort gerahmt werden - und dann bleibt immer noch die bestehende Möglichkeit, um 50 Euro das Bild eines zukünftigen Stars der Kunstszene erstanden zu haben. Denn der Preis allein sagt wenig über den Wert der Künstler aus.

Gibt es bei Künstlern manchmal die Angst, in eine "Billig-Ecke" gedrängt zu werden? "War van Gogh früher weniger wert? Er hat kein einziges Bild verkauft", meint Doujak sehr bestimmt. In Österreich nahm man über die Ö1 Talentebörse Kontakt zu österreichischen Künstlern auf - zu Ingrid Mauthner und Jason Neuwersch etwa. Auch sie verkaufen im Kunstsupermarkt ihre Werke, die im nächsten Jahr vielleicht auch nach Berlin und Frankfurt wandern. Durch die vielen Standorte, Künstler und die lange Erfahrung ist nämlich mittlerweile ein großer Pool an beeindruckenden Werken entstanden. Etwa 1000 Künstler bewerben sich pro Jahr um eine Teilnahme, Teres kann also selektieren. Er kennt alle ausgestellten Künstler persönlich, kann zu jedem eine kleine Geschichte erzählen und vertraut auf deren Qualität: Auch wenn einmal einer sehr wenige Bilder verkaufen sollte: "Wenn wir glauben, dass er gut ist, dann bleibt der bei uns".

Wenn Peter Doujak durch die wild behängten Ausstellungsräume wandert, wirkt er fasziniert: "Es macht wirklich eine Freude, da einzutauchen". So ein Konzept in Österreich zu verwirklichen, "schließt an das an, was ich vorher schon gemacht habe: die breite Öffentlichkeit zur Kultur zu führen." Der 40-jährige Doujak hat die "Lange Nacht der Museen" nach Österreich gebracht: "Ich habe das in Berlin erlebt, das war ein komplett neuer Zugang". Als er das Projekt für Österreich vorschlug, gab es zunächst Skepsis - würden die alteingesessenen Museumsmitarbeiter in der Nacht arbeiten wollen? Sie wollten - und der ORF setzte das Konzept um, Doujak organisierte es in den ersten beiden Jahren. Mittlerweile hat das Museums-Event weit über 300.000 Besucher in einer Nacht. Auch beim Kunstsupermarkt sieht es ganz so aus, als könnte er ein Erfolg werden. Gute Ideen und gute Leute zusammenzubringen - "wenn das gelingt, ist das toll", meint er. Doujak ist gerne Impulsgeber, wandert dann aber weiter: "Es macht Spaß, was Neues zu gestalten. Wenns funktioniert, interessierts mich schon wieder nimmer." Deshalb steht bald ein neues Projekt an. Aber "da gibts noch viele Widerstände". Ist es nicht frustrierend, mit guten Ideen manchmal gegen Mauern zu laufen? Auch da gibt sich Doujak optimistisch und selbstbewusst: "Nein. Man muss nur genug haben."

info

WIENER KUNSTSUPERMARKT.

in der Mariahilferstraße 103

(in der Passage), 1060 Wien,

U3 Station Zieglergasse

Bis 31. Dezember 2007

Öffnungszeiten: Montag bis Mittwoch von 11:00 bis 19:00 Uhr, Donnerstag und Freitag von 11:00 bis 20:00, Samstag von 10:00 bis 18:00 Uhr

www.kunstsupermarkt.at