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Pläne für über 30 Neubauprojekte. | Staat fördert trotz großer Risiken. | Washington. Kann es sein, dass die Schauspielerin und Politaktivistin Jane Fonda Schuld an der Klimaerwärmung hat? Ja, lautet die überraschende Antwort der beiden Wirtschaftswissenschaftler Steven Levitt und Stephen Dubner, die im Magazin der "New York Times" unter dem Titel "Freakonomics" eine wöchentliche Kolumne publizieren.
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Ihre Beweisführung, kurz zusammengefasst: Nach wie vor wird der überwiegende Teil des amerikanischen Stroms mit Kohle, Gas und Öl hergestellt. Dabei fällt eine Unmenge von Schadstoffen an. So produzieren diese Kraftwerke 40 Prozent des gesamten Kohlendioxid-Ausstoßes in den USA. Derweil fristet der Atomstrom ein Mauerblümchen-Dasein, mit einem für Industrieländer sehr niedrigen Anteil von 20 Prozent im vergangenen Jahr.
Und Schuld daran haben Jane Fonda - und zwei Ereignisse, die sich im März 1979 im Abstand von zwölf Tagen abspielten: Zuerst startete in den US-Kinos Fondas Film "Das China Syndrom", in der sie als Fernsehjournalistin auf die Spur eines vertuschten Unfalls in einem Atomkraftwerk (AKW) kommt. Und dann ereignete sich in der Nähe von Harrisburg (Pennsylvania) im Reaktor Three Mile Island tatsächlich ein Störfall, der weidlich zur Promotion des Filmes genutzt wurde. Die Folge dieser Überlagerung von Fiktion und Fakt: Investoren und Stromfirmen ließen seither die Hände von Neubauprojekten. Seit fast dreißig Jahren beläuft sich die Zahl der amerikanischen Kernkraftwerke konstant auf rund 100 Anlagen in derzeit 31 Staaten.
Energiebedarf steigt
Angesichts der auch in den USA geführten Debatte um die Klimaerwärmung sowie der steigenden Preise für fossile Brennstoffe bahnt sich nun allerdings ein Umdenken an. Für die kommenden zwei Jahre rechnet die zuständige Bewilligungsbehörde in Washington mit 32 Baugesuchen für neue Kernkraftwerke, berichtete dieser Tage die "Washington Post" - darunter beispielsweise zwei Reaktoren, mit denen die Firma NRG Energy eine bestehende Anlage in Texas ergänzen will.
Deren Geschäftsführer David Crane sieht bereits "einen neuen Tag für die Energieproduktion in Amerika" anbrechen. Denn Atomkraftwerke der jüngsten Generation würden dazu beitragen, dass das Land weniger stark als bisher von Ölimporten aus dem Ausland abhängig sein werde. Auch könne die Kernkraft die immer noch steigende Nachfrage nach Energie befriedigen. Das entspräche auch den Wünschen der Bevölkerung: Gemäß einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup unterstützen 53 Prozent der befragten Amerikaner die Nutzung von Kernenergie.
125 Mio. für AKW-Bau
Die Eile, die Firmen wie NRG Energy plötzlich an den Tag legen, hat aber auch mit einem großzügigen Geschenk zu tun, mit dem Politiker in Washington den Bau von neuen Kernkraftwerken fördern wollen. Vor zwei Jahren genehmigte der Kongress Steuergutschriften von 125 Mio. Dollar für jede Firma, die bis Ende 2008 eine Betriebsbewilligung in der Tasche hat. Hinzu kommen Darlehen für bis zu 80 Prozent der Baukosten in Milliardenhöhe.
Das finanzielle Risiko für die Geldgeber ist trotzdem enorm hoch. Eine Milliarde muss NRG Energy beschaffen, selbst wenn sie auf die staatliche Hilfe zurückgreift. "Das ist eine Menge Risikokapital", erklärt Crane. Die Euphorie der Stromkonzerne könnte allerdings auch noch aus einem anderen Grund schnell verfliegen. Denn nach wie vor gibt es in den USA keine Möglichkeit, den hochgefährlichen radioaktiven Abfall zu entsorgen.
Zwar hat die Regierung Bush seit langer Zeit die Bergkette Yucca Mountain im Bundesstaat Nevada im Auge. Bis 2017 soll dort eine moderne Deponie entstehen. Doch die Lokalpolitiker - darunter auch Harry Reid, der demokratische Mehrheitsführer im US-Senat - wehren sich mit Händen und Füßen gegen diese Pläne. Sie verweisen beispielsweise auf die hohen Kosten: Bis zu 80 Mrd. Dollar würde der Bau und Unterhalt dieser Deponie bis ins Jahr 2119 kosten, wie die Verantwortlichen kürzlich vor dem Budgetausschuss des Parlaments eingestehen mussten. Umstritten ist die Anlage auch, weil es geologische und umweltpolitische Bedenken gibt. Und schließlich gilt auch in den USA das Sankt-Florian-Prinzip: Nevada hat keine Lust darauf, zum Abfallkübel für den radioaktiven Müll Amerikas zu werden.
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