Zum Hauptinhalt springen

Weil es die Religion verbietet

Von Yordanka Weiss

Politik
Schweinefleisch gilt in Judentum und Islam als unrein und ist daher verbotene Kost.
© © © Sebastian Marmaduke/Image Source/Corbis

Schweinefleisch gilt in Islam und Judentum als unrein. Warum eigentlich?


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 12 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Wien. Als Allesfresser verzehrt der Mensch pflanzliche wie tierische Produkte. Seine Nahrungswahl wird soziokulturell erworben und ist nicht wie bei Tieren vom Instinkt gesteuert. Von der Religion verbotene Nahrungsmittel werden meistens mit dem Gefühl des Ekels assoziiert. Das bekannteste Nahrungstabu ist das Verbot des Schweinefleischverzehrs bei Juden und Muslimen.

"Es ist ein rein religiöses Verbot, nicht ein ökonomisches. Unsere Ernährungsregeln gelten seit 3325 Jahren", betont Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg von der Israelitischen Kultusgemeinde. Von den Tieren dürfen Juden nur Paarhufer und Wiederkäuer essen - also etwa Rinder, Schafe, Ziegen, Hirsche, Rehen, Büffel aber auch - rein theoretisch - Giraffen. Sie gelten als koscher und sind erlaubt. "Nur wenn man im Lebensgefahr ist, kann man nicht-koscheres Fleisch wie Schweinefleisch verzehren, zum Beispiel im Gefängnis oder im Konzentrationslager", erläutert Eisenberg.

Schweinefleisch gilt als unrein. "Vom Fleisch dieser Tiere dürft ihr nicht essen und ihr Aas dürft ihr nicht berühren", heißt es im fünften Buch Mose. Der populäre US-amerikanische Anthropologe Marvin Harris (1927-2001) führt solche religiös begründete Nahrungstabus auf ökonomische und ökologische Zwänge zurück. Er hat die Nahrungsmittel-Repertoires unterschiedlicher Völker untersucht und festgestellt, dass es das Schweinefleischverbot bereits gab, bevor es als religiöses Verbot in der Tora festgehalten wurde. Das Schweinefleischverbot sei zunächst eine Reaktion auf die Lebensbedingungen gewesen.

Archäologische Funde belegen, dass früher in der Region des Nahen Ostens - wo Judentum und Islam ihre Wurzeln haben - Schweine gehalten und gegessen wurden. Während des Neolithikums (6000 bis 4000 v. Chr.) gab es dort genug Wälder, wo Schweine Futter fanden. Mit dem Bevölkerungswachstum wurden Wälder abgeholzt, um Ackerland zu gewinnen. Das Schwein wurde zum Haustier, aber man konnte dieses weder melken noch als Zugtier nutzen. Unter dem Kosten-Nutzen-Gesichtspunkt wurde dessen Haltung unökonomisch und in weiterer Folge verboten.

Eine andere These vertritt der Wiener Religionspolitologe Michael Ley. Im Polytheismus seien den Göttern noch Menschen und Tiere wie das Schwein geopfert worden. "Das Schwein war ein Opfertier." Der Ein-Gott-Glaube habe das Opfer überwunden: "Als das Judentum als erste monotheistische Religion entstand, wurde ein Opferverbot ausgesprochen. Juden durften nicht mehr Schweinefleisch essen, es wurde ein Tabu."

"Im Prinzip ist alles erlaubt, was nicht explizit verboten ist", erläutert Orhan Elmaz über das Essen im Islam. Elmaz ist Islamwissenschaftler im Institut für Orientalistik der Universität Wien. Im Koran sei das Schweinefleischverbot viermal zu finden. Das ausführlichste Nahrungstabu finde man in Sure 5, Vers 3: "Verboten ist euch (der Genuss von) Fleisch von verendeten Tieren, Blut, Schweinefleisch und (von) Fleisch, worüber (beim Schlachten) ein anderes Wesen als Allah angerufen worden ist." Auch der Koran bezeichnet Schweinefleisch als "unrein" (Sure 6, Vers 145).

Laut Elmaz wird in den Hadithen - den Überlieferungen der Handlungen des Propheten Mohammed - auch der Verzehr anderer Tiere wie des Hausesels verboten. Fische seien generell erlaubt. Am Land lebende "blutlose" Tiere, also Wirbellose wie Spinnen, seien auch verboten, wobei Heuschrecken laut Hadith erlaubt wären. Auch Raubtiere, die mit ihren Zähnen oder Klauen ihre Beute erlegen, dürfe man nicht verzehren. Es gebe jedoch Unterschiede zwischen den Rechtsschulen, etwa bei der Bewertung von Meerestieren.

Ein Gebot, viele Gründe

Auch Muslime dürfen in Lebensgefahr Schweinefleisch essen. "Die Formel, dass Gott den Verzehr von Verbotenem in Notlagen vergeben würde, findet sich an drei der vier Stellen im Koran, in denen Schweinefleisch verboten wird", sagt Elmaz.

Die Erklärung, das Schwein sei ein unreiner Allesfresser, dessen Fleisch Trichinose hervorrufen kann, kenne man auch im islamischen Kontext. Die Interpretationen des Schweinefleischtabus könnten vom Volk zu Volk unterschiedlich ausfallen. "Ein Tunesier erzählte mir, dass nur ein Teil des Schweins nicht rein ist. Da man aber nicht weiß, welcher Teil es ist, isst man sicherheitshalber das ganze Schwein nicht", sagt Ines Dallaji, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Orientalistik. Weiters hat sie von Muslimen gehört, dass im Unterschied zu anderen Fleischarten Schweinefleisch schnell verdirbt. Da es zu der damaligen Zeit keine Kühlschränke gab, wurde die Art des Nahrungsverbots ausgewählt, um die Gesundheit der Menschen zu schützen.

Für Nicht-Muslime bleibt der Grund der "Unreinheit" des Tieres rätselhaft, könnte doch ein Huhn, das auch ein Allesfresser ist, genauso "unrein" sein wie ein Schwein. Eine weitere Begründung dazu weiß der Tschetschene Sultan Baibatirow: "Das Schwein ist ein unreines Tier, denn sein Fleisch ist schlecht für die Gesundheit." Baibatirow. Wenn man einige Fleischarten kocht, entstehe auf der Oberfläche des Wassers ein Schaum, der schlecht schmecke und entfernt werde, da dies die Gifte des Fleisches seien. Nur beim Schwein gebe es diesen Schaum nicht, die Gifte blieben im Fleisch und würden vom Menschen verzehrt. Weiters trage das Schweinfleisch viele Krankheiten in sich.

Ernährungswissenschafter teilen diese Meinung nicht ganz. "Es ist es nicht bewiesen, dass Verzehr von Schweinefleisch der Gesundheit schadet. Schädlich ist nur der übermäßige Verzehr, sprich: mehr als einmal wöchentlich wegen des hohen Fettgehalts", berichtet Karin Gatternig vom Institut für Ernährungsmedizin in Wien.