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Weit hinter dem Horizont

Von Christian Hoffmann

Wissen

In den Jahren 1621 bis 1628 hat Christoph Carl Fernberger von Eggenberg auf erstaunliche Art seinen Horizont erweitert. Er hat als erster Österreicher die Welt umsegelt, wenn auch ganz und gar unfreiwillig.


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In der Nähe der Marktgemeinde Vorchdorf, Bezirk Gmunden, liegt das Schloss Eggenberg, heutezutage vor allem bekannt durch die Bierbrauerei. Seit dem Jahr 1531, so viel steht fest, war dieses Schloss Stammsitz der Fernberger, einer Adelsfamilie, die möglicherweise aus dem Fränkischen kam, sich auf jeden Fall aber seit 1490 in Tirol aufhielt und im Dienst der dortigen Landesfürsten stand. Irgendwann zwischen 1596 und 1600 wurde Christoph Carl in diese Familie hineingeboren, ein Umstand, dem er sowohl eine umfangreiche humanistische Bildung als auch eine solide militärische Qualifikation verdankte. Es wird wohl an dieser umfassenden Ausbildung liegen, dass der junge Mann eine der abenteuerlichsten Weltreisen jener Zeit nicht nur überlebte, sondern auch noch in einem Tagebuch dokumentierte, einem der berührendsten Reiseberichte in deutscher Sprache.

Dass Christoph Carl in einer ungewöhnlichen Familie aufwuchs, zeigt auch die Geschichte seines Onkels Georg (Georg Christoph Fernberger, 1557-1593), der auf dem Landweg über den Nahen Osten bis nach Indien kam und ebenfalls seine Reise sorgsam dokumentierte, allerdings im Gegensatz zu seinem Neffen noch in geschliffenem Latein. Wie auch immer, die Fernberger scheinen nicht nur eine Sippe von Haudegen sondern auch außergewöhnlich gebildet und weltoffen gewesen zu sein.

Trotz dieser Vorbelastung hatte Christoph Carl allerdings keineswegs vor, die Welt zu bereisen. Als Offizier der kaiserlichen Armee war er am spanischen Krieg gegen die Niederlande beteiligt. Diese nördliche Provinz des habsburgischen Reiches entwickelte sich in jener Zeit durch den Kolonialhandel zu einer der neuen starken Mächte Europas und setzte in einem achtzig Jahre dauernden Krieg ihre Unabhängigkeit durch. Zu jener Zeit, als Christoph Carl bei den Spaniern Dienst tat, ging wieder einmal ein provisorischer Waffenstillstand zu Ende, die Kämpfe begannen von Neuem und Christoph Carl geriet in niederländische Gefangenschaft.

Der erste Schiffbruch

An dieser Stelle setzt das Tagebuch ein. Es schildert die Verhandlungen Fernbergers mit Prinz Moritz von Oranien im Oktober 1621, die dazu führen, dass Fernberger gegen die Übergabe seiner gesamten Barschaft freigelassen wurde. Wenig später findet er sich vollkommen pleite in Amsterdam wieder und sucht eine Möglichkeit, nach Hause, nach Österreich, zurückzukehren. Es sah schlecht aus, da die Niederländer kriegsbedingt alle Verbindung nach Brabant und Flandern unterbrochen hatten. Da fand Christoph Carl im Hafen von Amsterdam ein Schiff, das angeblich nach Venedig unterwegs war, und es gelang ihm, als Küchenhilfe anzuheuern.

Ob diese Schiffsreise auf einem Missverständnis oder auf Betrug beruhte, wird nicht klar. Auf jeden Fall stellte sich spätestens auf dem Atlantik ("vil höhere wellen und vil geferlicher") heraus, dass das Ziel der Reise Sierra Leone in Afrika war, wo man einige Handelsgeschäfte erledigte und am 26. Jänner wieder auslief. Bald danach geriet das Schiff in einen heftigen Sturm und trieb drei Tage und Nächte mit geborgenen Segel und festgezurrtem Ruder steuerlos über das Meer, "alßo das der schiffer zu uns sagt, man, befehl ieder sein seel zu gott, wier haben leib und guet verloren". Wenig später kracht das Schiff dann gegen die Felsküste der Insel Boa Vista, die zu den Kapverdischen Inseln gehört. Fernberger, der nicht schwimmen kann, klammert sich an ein Stück Holz und wird glücklich von einem Mitreisenden mit einem Seil an Land gezogen.

Einige Tage später sichten die Schiffbrüchigen eine Flotte, fünf holländische Schiffe, die bereit sind, sie aufzunehmen. Allerdings handelt es sich um Schiffe im Dienst der Ostindischen Kompanie, der mächtigen holländischen Kolonialorganisation, die nach Indonesien unterwegs sind. Diese Perspektive ist für einige der Schiffbrüchigen so entsetzlich, dass sie lieber auf dem Felsen auf dem Atlantik ausharren. Nicht zu unrecht, denn von den 1300 Mann, die auf fünf Schiffen unterwegs waren, sollten gerade einmal 318 Jakarta erreichen, davon die Hälfte schwer verletzt oder todkrank. Von den fünf Schiffen mussten mangels Besatzung im Lauf der Reise vier aufgegeben werden.

Doch Fernberger kümmerte sich nicht um solche Bedenken, stieg um und reiste mit den Holländern weiter nach Süden, dann über den Atlantik, entlang der Küste Südamerikas bis zur Magellan-Straße, durch die die Flotte den Pazifik erreichte. Entlang der Küste ging es dann weiter bis nach Kalifornien, wobei allerlei Abenteuer zu bestehn waren, von den Frauen der Araucaner im heutigen Chile, die den Europäern "anleitung zu unzucht gaben", über Hungersnöte an Bord bis zu wilden Seegefechten mit spanischen Schiffen.

Vor Kalifornien ging das verbliebene Schiff, die "Guete Fortuen", auf westlichen Kurs und traf am 25. Juli 1623 mit knapp dreihundert Mann in der Stadt Jacatra ein, heute Jakarta. Fernberger war zu diesem Zeitpunkt so schwer krank, dass "ich gott meine arme seel bevelhen tet". Doch wie durch ein Wunder erholte er sich, wurde beim holländischen Gouverneur vorstellig und erhielt das Angebot, fünf Jahre im Dienst der Ostindischen Kompanie Handel zu treiben und danach als freier Mann nach Hause zurückzukehren.

Nun begann eine intensive Zeit. Fernberger lernte Malaiisch und unternahm lange Reisen, die ihn bis China und Japan führten. Sorgsam beschreibt er Land und Leute und Episoden, die jedem Hollywood-Film Ehre machen würde. So zum Beispiel, als er in den Dienst der Sultanin von Patanien trat, einem längst untergegangen Reich im Südwesten von Thailand, das zu jener Zeit von Frauen regiert wurde. Er schildert die Herrscherin als eine Frau in den vierzigern, die absolut regiert, einen großen Hofstaat um sich hat und auf weißen Elefanten reitet, während die "manßpersonen mueßen alle zu fueß gehen".

Da Patanien während Fernbergers Besuch von thailändischen Truppen angegriffen wurde, organisiert der Hauptmann den Widerstand, schlägt die Thailänder zurück und bekommt zum Dank von der Königin einen orangefarbenen Schlafsack zugesandt. Er erfährt jedoch, dass dieses Geschenk bedeutet, dass die Herrscherin ihn des Abend aufsuchen werde und flüchtet auf einem kleinen Schiff außer Landes, denn "die königin were gar hizig, und so ich nit bestehen wurdte, so wurdte die mich gewiß lassen umbbringen".

Nach zahlreichen ähnlichen Abenteuern inklusive einem weiteren Schiffbruch bei Ormuz, bei dem ihn ein armenischer Kaufmann rettet und eine Weile als Sklaven mitführt, kann Fernberger schließlich am 1. Oktober 1627 die Heimreise antreten, die abgesehen von ein paar kriegerischen Begegnungen ruhig verläuft. Am 26. Juli 1628 erreichte er Amsterdam, den Ausgangspunkt seiner Reise, und schafft es, auf dem Landweg nach Österreich zurückzukehren. Er tritt wieder in kaiserliche Dienste und lässt sich in Brunn am Gebirge nieder, wo er anhand der Aufzeichnungen, die er unterwegs gemacht hat, seinen Reisebericht niederschreibt, eine geradezu verstörende Erweiterung des Horizonts für jene Zeit. Christoph Carl Fernberger starb am 7. Dezember 1653 und wurde am Ortsfriedhof von Maria Enzersdorf bei Wien beigesetzt. Anhand von zwei erhalten gebliebenen Handschriften editierte der Historiker Karl Wernhart im Jahr 1972 diese Aufzeichnungen neu und machte sie in einer gut kommentierten Fassung allgemein zugänglich.

Artikel erschienen am 24. August 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 10-13

Literatur:
Karl R. Wernhart: Christoph Carl Fernberger. Der erste österreichische Weltreisende 1621 - 1628. Lit Verlag, Wien 2011