Welche Werte sind uns wichtig?

Von Cathren Landsgesell

Wissen

Die Diskussion "Dialogic" von Ludwig Wittgenstein Gesellschaft und "Wiener Zeitung" beschäftigte sich mit der Frage, ob digitale Technologien neue Werte erfordern.


Wien. Die dritte Ausgabe von "Dialogic" widmete sich am Mittwoch Abend der Frage "Welche Werte sind uns wichtig?". Die Philosophin Elisabeth Nemeth diskutierte mit Anne Siegetsleitner, Professorin für Praktische Philosophie an der Universität Innsbruck, und Walter Hämmerle, Chefredakteur der "Wiener Zeitung", über die Bedeutung von Werten in einer digitalisierten Welt. "Dialogic" ist eine gemeinsame Diskussionsreihe der Österreichischen Ludwig Wittgenstein Gesellschaft und der "Wiener Zeitung". Dialogic widmet sich aus der Perspektive der philosophischen Kritik aktuellen Themen der Gegenwart.

Die menschliche Welt ist per se eine Welt, die sich ständig verändert. Bereits jeder Mensch stellt einen Neubeginn dar, wie Hannah Arendt schreibt. Als homo faber gestaltet der Mensch die Welt und verändert sie permanent. Alles ist im Fluss und in diesem Sinne können Werte in einer menschlichen Gesellschaft nicht unveränderlich sein, wie Elisabeth Nemeth erläuterte. Aber, so ihre Frage, wissen wir eigentlich, was auf dem Spiel steht?

Ergebnis sozialer Kämpfe

Wenn neue Technologien den Menschen neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen - etwa die der lückenlosen Überwachung des öffentlichen Raumes -, bleibt die Art und Weise, wie Menschen mit diesen neuen Möglichkeiten umgehen, gestaltbar. "Ja, der Geist ist aus der Flasche", so Nemeth, "in dem Sinne, dass wir eine technologische Entwicklung nicht mehr rückgängig machen können. Aber wir haben die Möglichkeit zu handeln. Was wir zulassen und was nicht, ist Gegenstand von Aushandlungsprozessen, und diese passieren permanent." Auf Max Schrems verweisend, der die Herausgabe seiner Daten von der sozialen Plattform Facebook erstritt, suchte Nemeth deutlich zu machen, dass die Welt wie wir sie vorfinden, ein Ergebnis sozialer Kämpfe ist und diese sind auch in einer digitalen Welt nie abgeschlossen.

Moderator Walter Hämmerle setzte dem Verweis auf Max Schrems den Mitbegründer der Veröffentlichungsplattform "Wikileaks", Julian Assange, entgegen. Wikileaks hatte seit 2006 geheim gehaltene Dokumente von Regierungen, Institutionen und Privatpersonen veröffentlicht. Julian Assange wurde in den letzten Jahren zur umstrittenen Leitfigur. Er befindet sich aktuell in Großbritannien in Haft. "Ist Max Schrems ein Held und Julian Assange ein Dämon?", fragte Walter Hämmerle in die Runde.

Naivität ist verloren gegangen

"Wir brauchen kein pauschalierendes Urteil über die Frage, ob Julian Assange ein Held ist oder ein Dämon", antwortete Anne Siegetsleitner. "Man könnte ihm persönlich vorwerfen, dass er keine Rücksicht darauf genommen hat, ob Menschen zu Schaden kommen. Aber wichtiger ist, dass wir durch Assange die Naivität verloren haben und dass wir genauer hinschauen müssen. Ich wehre mich im Übrigen ganz entschieden dagegen, dass mit den neuen Technologien Konflikt und Auseinandersetzung obsolet werden. Wir sehen ja, dass es einen Unterschied macht, ob Daten nur für einen Monat gespeichert werden dürfen oder über viele Jahre." Julian Assange zeige, dass wir uns auch heute mit der Frage auseinandersetzen müssen, "was zu welchem Zweck gerechtfertigt" ist, ergänzte Elisabeth Nemeth.

Doch existieren gesellschaftliche Werte und Technologien wirklich unabhängig voneinander? Manifestieren sich Werte nicht bereits in den Technologien? Die Diskussion streifte die Entstehung von neuen Technologien nur kurz: "Wir haben die Verantwortung, was wir programmieren und welche Maschinen wir letztlich auf die Straße lassen", sagte Siegetsleitner mit Blick auf autonome Fahrzeuge. Die Ethikkommission der deutschen Bundesregierung habe etwa das Zufallsprinzip als Entscheidungsalgorithmus bei Dilemmata abgelehnt. Es war zu Diskussion gestanden, nach welchen Kriterien autonome Fahrzeuge Entscheidungen treffen sollen. Sollen sie etwa so programmiert sein, dass sie Kinder schonen und im Dilemma eher die ältere Person überfahren? Elisabeth Nemeth hält den Ausschluss des Zufalls für berechtigt: "Wir können die Wertedebatte, um die es dabei geht, nicht der Maschine überlassen, indem wir sie als ‚Zufall‘ deklarieren, denn auch diese Entscheidung treffen wir. Wir können uns der Verantwortung nicht entledigen."

Vernetzung und Veränderung

Die Sitzreihen in der Wienbibliothek waren voll besetzt; das Publikum brachte schließlich zwei mögliche Kandidaten für neue Werte ins Spiel: Vernetzung und Veränderung. Der Wissenschaftsphilosoph Friedrich Stadler griff den Vernetzungsbegriff auf: "Wir agieren nicht als Individuen, sondern als Kollektive", erklärte er. In diesem Sinne, so Elisabeth Nemeth schließlich, erreichen wir durch die technologische Vernetzung ein neues Level der Kollektivität. "Indem das Kollektiv mehr Bedeutung bekommt, müssen wir weniger über neue Werte nachdenken als uns vielmehr zu fragen, wie wir uns als handelnde Wesen sehen."

Das Thema Digitalisierung wird bleiben: Die nächste Dialogic-Veranstaltung findet voraussichtlich Ende September statt und widmet sich der Aktualität von Ludwig Wittgenstein.