Zum Hauptinhalt springen

Welterklärung für Dummies

Von Walter Hämmerle

Kommentare

Die Naturwissenschaft sucht eine elegante Universalformel, Gesellschaftswissenschaftler haben sie schon gefunden. Fast jedenfalls.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 7 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Zugegeben, es ist alles andere als leicht, tatsächlich sogar verdammt schwierig, unsere verwirrende Gegenwart in knappen Sätzen prägnant und erhellend zugleich zusammenzufassen. Und vielleicht ist es sogar unmöglich, das zu schaffen. Versuchen müssen und sollten wir es trotzdem. Auch im Scheitern findet sich bisweilen Erkenntnisgewinn.

In den Naturwissenschaften streben die Forscher deshalb nach möglichst einfach gebauten Modellen und Theorien von allgemeiner Gültigkeit. Dabei gilt: je weniger Variablen, desto besser - mit dem bisher unerreichten, und ziemlich sicher auch unerreichbaren Endziel einer eleganten "Weltformel", also einer Theorie, die das Funktionieren unseres gesamten Universums zu erklären vermag.

Wonach die Naturwissenschaftler noch fieberhaft suchen, dem scheinen ausgerechnet die Gesellschaftswissenschafter schon erstaunlich nahe gekommen zu sein: nämlich einer simplen Formel, die dazu geeignet sein könnte, sämtliches Unbill oder jedenfalls einen Großteil davon in wunderbarer Einfachheit zu erklären. Und praktischerweise gibt es diese universale Weltformel gleich in zweifacher Ausfertigung, deren Anhänger allerdings noch erbittert darum ringen, die Konkurrenz durch empirische Falsifikation lächerlich zu machen. Also jetzt einmal unwissenschaftlich gesprochen.

Die Konstanten der beiden gesellschaftswissenschaftlichen Universalerklärungsformeln lauten auf der einen Seite Neoliberalismus x Rechtspopulismus und auf der anderen Seite Migration x Islam. Mit Hilfe dieser simplen Kombination sehen sich beide Neigungsgruppen "Welterklärung für Dummies" locker in der Lage, auch noch die kleinsten Übel dieser Welt zu erklären, von den großen gar nicht zu reden.

In anderen Wissenschaftsgebieten würde man mit solch erbärmlichen Versuchen, unsere Welt in all ihren Facetten zu erklären, bestenfalls mitleidig belächelt werden, in den Blasen der polit-ökonomisch-sozialen Universalgelehrten - den Journalismus ausdrücklich miteingenommen - kann man es mit solchen Thesen dagegen bis ziemlich weit nach oben bringen.

Die eine wie die andere Weltformel ist natürlich ausgemachter Blödsinn. Hier werden teilweise Zusammenhänge konstruiert, wo es keine gibt, und Ungleiches einfach für gleich erklärt, obwohl einem doch die Unterschiede bei unvoreingenommener Betrachtung doch ins Auge springen. Trump, Putin, Erdogan und Strache sind eben nicht aus einem Holz geschnitzt, genauso wenig, wie dichte Grenzen und ein Verbot des Islams Europa wieder zu einer terrorfreien Zone werden ließen. Die Welt, in der wir leben, übersteigt das Abstraktionsvermögen der beiden Glaubensrichtungen.

Bleibt die Frage, warum sich die beiden dann trotzdem so großer, ja geradezu überwältigender Beliebtheit erfreuen, obwohl sie doch so wenig zu erklären vermögen.

Die Antwort ist so simpel wie bedenklich: Weil wir alle es lieber einfach haben, wenn die Alternative kompliziert ist.