Zum Hauptinhalt springen

Weltkonzern auf Identitätssuche

Von Ronald Schönhuber

Wirtschaft

Die Abberufung von Peter Löscher als Vorstandsvorsitzender löst die vielen Probleme von Siemens nicht.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 10 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

München. So wirklich warm geworden war Peter Löscher mit Siemens nie. Sechs Jahre lang stand der Österreicher an der Spitze des deutschen Weltkonzerns, doch nur wenige Mitarbeiter hätten den 55-jährigen Weltbürger aus Kärnten zu irgendeinem Zeitpunkt wohl als "Siemensianer" bezeichnet. Das lag nicht nur daran, dass Löscher anders als die bisherigen Vorstandsvorsitzenden kein Siemens-Eigengewächs war, sich jahrzehntelang in verschiedenen Positionen im Konzern nach oben gedient hatte und mit jeder Faser seiner Körper das atmete, was den Geist des 166 Jahren alten Traditionsunternehmens nach Meinung vieler Mitarbeiter ausmachte. "Proud to be Siemens" hatte der begeisterte Skifahrer zwar als Wahlspruch ausgegeben, nachdem er den Konzern erfolgreich aus dem großflächigen Korruptionsskandal geführt hatte. Doch angesichts von zahlreichen unternehmerischen Fehlentscheidungen, massiven Qualitätsproblemen und eines großangelegten Stellenabbaus waren sich in der Ära Löscher zuletzt wohl viele der 370.000 Mitarbeiter nicht so sicher, worauf sie denn eigentlich stolz sein sollten. Als sich der Aufsichtsrat am Wochenende zur Abberufung des ehemaligen Pharma-Managers durchrang, stand die Arbeiternehmerseite denn auch geschlossen hinter dieser Entscheidung.

Pleiten, Pech und Pannen

Formell soll die Weitergabe des Siemens-Staffelholzes an Finanzvorstand Josef Kaeser bei der Aufsichtsratssitzung am Mittwoch vollzogen werden. Doch auch wenn die Umgestaltung an der Konzernspitze, die Aufsichtsratschef und Löscher-Mentor Gerhard Cromme zunehmend unter Druck bringt, so wie geplant gelingt, sind die Probleme von Siemens alles andere als gelöst. Denn der Österreicher, der nach seinem Ausscheiden neun Millionen Euro bekommen soll, hinterlässt einen Scherbenhaufen.

Löscher hatte erst am Donnerstag überraschend die Rendite-Prognose für das Jahr 2014 gekippt - der vorläufige letzte Tiefpunkt in einer langen Reihe von Misserfolgen in der Amtszeit des 55-Jährigen. Was mit dem überteuerten Einkauf des Labordiagnostikgeschäfts und massiven Verlusten im Solargeschäft begann, mündete zuletzt in einer Reihe von kostspieligen und den Ruf ankratzenden Fehlschlägen: Bei den ICE-Zügen wurde der Liefertermin um ein Jahr verfehlt, in den USA brachen Windkraftanlagen einfach auseinander und der Anschluss der Nordsee-Windparks an das Stromnetz geriet zum Fiasko.

Viel schwerer wiegt aber wohl noch die unklarer Ausrichtung und Struktur des Unternehmens, das auch in Österreich - von wo aus die Geschäftstätigkeit in Südosteuropa gesteuert wird - knapp 9000 Mitarbeiter beschäftigt. Über Jahrzehnte war Siemens der europäische Elektrokonzern schlechthin gewesen. Das Markenetikett der Münchner fand sich auf allem, was über ein Stromkabel oder Batterien verfügte: Von der Waschmaschine und den Kühlschrank bis hin zu Computern, Telefonen und Hörgeräten.

Dazu kamen Eisenbahntechnik, Kraftwerksausstattung und Telekommunikationslösungen. Vom traditionsreichen, alles im Angebot habenden Bauchladenkonzern sind heute allerdings nur noch vier große Sektoren übrig, in denen Siemens weltweit tätig ist: Energie, Gesundheitswesen, Industrie sowie "Infrastruktur und Städte". Die vielen Endverbrauchergeräte, die heute unter dem Label Siemens vermarktet werden, gehören hingegen in vielen Fällen nicht mehr zum Konzern. Was Siemens heute eigentlich ist oder sein will, wissen oft die Spitzenmanager des Unternehmens nicht so genau zu beschreiben.

Von den vier großen Sektoren des Konzerns kämpfen zudem drei mit Problemen. So ist der Sektor Industrie etwa extrem konjunkturanfällig, die Energiesparte leidet an den Windparkproblemen und der Konkurrenz aus Fernost und der Bereich Infrastruktur wirkt wie ein Sammelbecken all dessens, was sonst nirgends hineinpasst.

Zudem erwirtschaftet Siemens zwei Drittel seines 78-Milliarden-Euro-Umsatzes heute in gesättigten Märkten, in denen kein größeres Wachstum zu erwarten ist. Als neuer Chef wird Kaeser all diese Baustellen angehen müssen. Auf allzu großen Rückenwind darf er dabei allerdings nicht hoffen. Denn wenn Kaeser am Donnerstag als einer seiner ersten Amtshandlungen die neuen Quartalszahlen präsentiert, werden diese wohl eher durchwachsen ausschauen.

Josef Kaeser, der Peter Löscher ablösen soll, liebt die große Bühne, vor Publikum läuft der bisherige Siemens-Finanzvorstand zur Hochform auf. In eleganten Anzügen überzeugt der 56-Jährige mit seinem Detailwissen und ließ den bisherigen Vorstandschef regelmäßig blass aussehen. Während Löscher sich häufig in Phrasen und Allgemeinplätze aus dem Handbuch für Management-Sprech flüchtete, hatte Kaeser selbst die abseitigsten Zahlen im Kopf und für alle Fragen eine Antwort parat. Immer wieder ließ er durchblicken, dass er sich für den eigentlichen Chef des Technologieriesen hält. Kaeser, der von Vertrauten nur Joe gerufen wird, ist ein echtes Siemens-Urgestein. Sein ganzes Berufsleben verbrachte er bei dem Konzern. Neben Medizintechnikchef Requardt ist er der einzige Vorstand, der den Schmiergeldskandal überstand.