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Wem gehören unsere Berggipfel?

Von Herbert Hutar

Wirtschaft
Nach einem Wurstproduzenten wurde in der Osttiroler Gemeinde Prägraten der Mullwitzkogel benannt.

Heiligtümer oder Wirtschaftsgüter: Dürfen Berge Ware sein?


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Wien. Als die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) im Sommer 2011 zwei Berggipfel in Osttirol, den Roßkopf und die Große Kinigat, verkaufte, geriet die Volksseele ins Kochen: Hatte sich doch eine deutsche Softwarefirma unter die Bewerber eingereiht und erklärt, die Gipfel umbenennen zu wollen. Schnell war die allgemeine Empörungsmaschine in Gang gesetzt, beruhigt hat sich alles erst nach Wochen, als die beiden Gipfel an die Österreichischen Bundesforste gingen.

Unter den Empörten war auch Tirols Landeshauptmann Günther Platter. Als Verteidigungsminister hatte er allerdings selber einen Gipfel privatisiert: Der Zirbitzkogel an der Grenze zwischen der Steiermark und Kärnten wechselte 2006 vom Bundesheer zum Industriellen Ernst Lemberger. Der findet gegenüber der BIG die Diskussion um die Osttiroler Gipfel wörtlich "verwunderlich und sogar ein bisschen lächerlich".

Nicht ganz so verwunderlich findet das Peter Zellmann, Leiter des Instituts für Freizeit- und Tourismusforschung. Er meint: "Der Alpenraum als Lebensraum ist für die Österreicherinnen und Österreicher sinnstiftend und zugleich Identität gebend. Der Berg ist Besinnungsmöglichkeit ebenso wie Sportplatz in der Natur." Daher sei es verständlich, wenn die Emotionen hochkochen.

Wie die Wurstfirma auf denBerg kam

Das erfuhr auch die Osttiroler Gemeinde Prägraten. "Wir haben ja den Berg nicht verkauft, nur umbenannt", musste sich Bürgermeister Johann Kratzer verteidigen. Der Gemeinderat hatte beschlossen, den 2767 Meter hohen Mullwitzkogel nach einer Wurstfirma in "Wiesbauerspitze" umzubenennen. Immerhin hat die Firma für 14.000 Euro einen Steig auf den bis dahin schwer zugänglichen Berg angelegt. Auf den Internetseiten von Prägraten, der Osttiroler Tourismuswerbung und der Wurstfirma Wiesbauer gibt es genaue Wegbeschreibungen auf die "Wiesbauerspitze".

Für den Österreichischen Alpenverein (ÖAV) und sein Kartenwerk jedoch bleibt es beim "Mullwitzkogel", denn er weigert sich, dem Werbegag zu folgen. Der Innsbrucker Verfassungsrechtler Karl Weber meint: Namensgebungen seien bisher in Österreich nach langer traditioneller Überlieferung erfolgt, aber eine Umbenennung dürfe der Eigentümer - in dem Fall die Gemeinde - vornehmen. Der ÖAV ist restriktiv: "Der neue Name muss über einen längeren Zeitraum auch allgemeiner Sprachgebrauch werden, bevor er in die offiziellen Karten Eingang findet", erklärt Peter Haßlacher, Leiter der Fachabteilung Raumplanung und Naturschutz im ÖAV, "dann entscheidet die Ortsnamenkommission."

Der ÖAV ist Eigentümer von 50 Berggipfeln mit über 3000 Metern Höhe, darunter der Großglockner und der Großvenediger. "Das Grundeigentum des Alpenvereins über 335 Quadratkilometer wurde mit klaren Widmungen erworben", sagt Peter Haßlacher. "In der Glocknergruppe gibt es die Schenkung aus dem Jahr 1918 durch den Villacher Holzindustriellen Albert Wirth mit dem Wunsch, dies in einem Naturschutzpark einzubringen." Auch der Kaufvertrag über andere Teile der Hohen Tauern sei ganz klar gekoppelt an den Schutz dieses Gebietes und die Schaffung eines Nationalparks.

Hohe Gipfel waren über Jahrhunderte lebensfeindliches Ödland. Um 1850, zur Zeit der franzisko-josefinischen Kartenaufnahmen, galten sie als unproduktives Gebiet. Das Interesse hat sich auf Almwirtschaft und Jagd beschränkt, später kamen Bergsteiger und alpine Vereine hinzu.

Alpenverein sieht Grenzenerreicht

Die wirtschaftliche Bedeutung hoher Gipfel war noch bis in die Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts bescheiden. Sie hat mit dem Vordringen von Skiliften in hohe Lagen, mit den ersten Gletscherskigebieten allerdings immens zugenommen. Der überwiegende Teil der Dreitausender stand und steht im Eigentum von Gemeinden und Agrargemeinschaften. "Damals war man froh, ohne hohe Kosten für Grund und Boden den Wintertourismus ankurbeln zu können", meint Peter Haßlacher. Seilbahnbetreiber, Hoteliers und Gemeinden haben gleichermaßen davon profitiert.

Jetzt, meint der Alpenverein, seien die Grenzen erreicht. Der ÖAV übt Selbstbeschränkung: "Keine neuen Weganlagen, keine neuen Schutzhütten mehr, sondern nur mehr Erhaltung und Verbesserung bestehender Schutzhütten sowie die Pflege und der Erhalt der alpinen Wegeinfrastruktur", so Haßlacher.

Nicht ganz so eng, wenn auch - gemeinsam mit dem Alpenverein - an die Vorgaben der Alpenkonvention gebunden, sehen die Österreichischen Bundesforste ihre Aufgaben. Die Bundesforste sind Eigentümer von 284 der insgesamt 946 Dreitausender in Österreich und damit größter Berggipfelbesitzer im Land. Hat der Alpenverein den höchsten Berg, den Großglockner (3798 Meter), so haben die Bundesforste den zweithöchsten Berg, die Wildspitze (3768 Meter). Daran schließt sich eines der größten Skigebiete Österreichs an, nämlich Sölden, das den Bundesforsten einen großen Teil ihrer Pachteinnahmen aus dem Skiliftbetrieb von neun Millionen Euro pro Jahr bringt. Das ist allerdings nur ein Bruchteil der Einnahmen aus der Holzwirtschaft der ÖBF, die rund zehn Prozent der Fläche Österreichs besitzen. ÖBF-Sprecher Bernhard Schragl: "Wir verstehen uns als Betreuer und Bewirtschafter der Natur, jedoch gibt es immer wieder berechtigte Regionalinteressen." Der Umgang mit Interessenkonflikten gehört zum Alltag. "Auf einer einzigen Wiese kann es Jagdinteresse, Forstinteresse, touristisches Interesse und ein Naturschutzprojekt geben. Dann kann noch der Wasserschutz dazu kommen, und das alles müssen wir abstimmen", sagt Schragl, "und der Ausgleich gelingt uns auch meistens." Und was werden die Bundesforste mit den neu erworbenen Gipfeln Großer Kinigat und Roßkopf in Osttirol tun? Bernhard Schragl: "Die werden ausschließlich jagdlich und touristisch genutzt."

Der Druck, immer höhere Lagen wirtschaftlich zu nutzen, wächst jedoch, nicht zuletzt wegen des Klimawandels. ÖAV-Experte Peter spricht von unsittlichen Angeboten aus den Bereichen Energie und Tourismus, die der Alpenverein abgelehnt hat. ÖBF-Sprecher Bernhard Schragl berichtet von international tätigen Fonds, die systematisch Flächen auch in extremen Hochlagen aufkaufen, um sie irgendwann einmal nutzen zu können.