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Weniger Kassenärzte - mehr Zwei-Klassen-Medizin

Von Petra Tempfer

Politik
© gettyimages/ullstein bild/Kontributor/WZ-Montage

Wahlärzte verdrängen die Kassenärzte. Die Ärztekammer sieht die soziale Medizin gefährdet.


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Wien. Kassenarzt zu werden ist laut Österreichischer Ärztekammer nicht mehr attraktiv. Die überbordende Bürokratie und gering honorierten Leistungen seien vor allem für Jungärzte wenig motivierend. Ältere wiederum legten aus denselben Gründen vermehrt ihren Vertrag zurück, meinte Vizepräsident Johannes Steinhart am Mittwoch. Stattdessen steige die Zahl der Wahlärzte. "Das hat Konsequenzen für unsere Patienten: Wer es sich leisten kann, geht zum Wahlarzt. Wer es sich nicht leisten kann, wird über kurz oder lang von der Gesundheitsversorgung ausgeschlossen", so Steinhart.

Derzeit gebe es um rund 900 Kassenpraxen weniger als im Jahr 2000. Was die niedergelassenen Allgemeinmediziner mit Kassenvertrag betrifft, sind derzeit 3880 in Österreich tätig. Vor zehn Jahren waren es noch rund 4100. Von diesen würden mehr als 60 Prozent in den kommenden zehn Jahren das Pensionsalter erreichen, so Steinhart. Die Zahl der Fachärzte sei zwar stabil geblieben, allerdings würden in den nächsten zehn Jahren fast zwei Drittel das Pensionsalter erreichen. Bereits 70 Kassenstellen -vor allem in der Peripherie -seien österreichweit unbesetzt. Dadurch könnten rund 250.000 Patienten pro Jahr nicht versorgt werden. Aber sogar in Wien gebe es nur sechs Kinderpsychiater mit einer Kassenpraxis.

Befundberichte und Zeitbögen

Betrachtet man allerdings die Zahl der Wahlärzte, so ist diese in zehn Jahren um fast 50 Prozent gestiegen. 2006 habe es 7017 Wahlärzte gegeben, so Steinhart -heute seien es 10.346.

Steinhart führt diesen Trend auf die unattraktiven Rahmenbedingungen, die mit Kassenverträgen verbunden sind, zurück. "Befundberichte, Arzneimittelbewilligungen, Zeitbögen -das geht alles auf Kosten der medizinischen Behandlung", sagte Steinhart. Genauso wie die elektronische Gesundheitsakte Elga. Den Vorwurf des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, dass die Ärztekammer die Bewilligung von Ausbildungsstätten für Jungärzte blockiere, wies Steinhart als "falsch" zurück. Auch in diesem Fall macht er bürokratische Auflagen für die Verzögerungen verantwortlich.

Der Hauptverband sieht die Situation naturgemäß anders. Vorsitzende Ulrike Rabmer-Koller warf der Ärztekammer vor, mit "Horrorzahlen" Ängste zu schüren. Rabmer-Koller betonte in einer Aussendung, dass sich die Vertragsärzteschaft stabil entwickle. Zwischen 2000 und 2014 sei die Zahl der Vertragsärzte um 3,9 Prozent gestiegen. Die unterschiedlichen Zahlen erklärte Rabmer-Koller unter anderem damit, dass die Ärztekammer Gruppenpraxen nicht berücksichtige. Schließen sich drei Vertragsärzte zu einer Gruppenpraxis zusammen, zähle die Kammar nur eine Ordination. Rabmer-Koller forderte die Ärzte zur Zusammenarbeit auf und appellierte, nicht die gesamte Gesundheitsversorgung schlecht zu reden.

Tatsache ist dennoch, dass die Zahl der Wahlärzte steigt. Das bestätigt auch Christoph Sauermann, Gründer der Wiener Privatmedizin-Gesellschaft Mediclass, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Das liege aber nicht allein an den Rahmenbedingungen von Kassenverträgen, sondern auch am neuen Ärzte-Arbeitszeitgesetz vom Vorjahr. Gemäß dieser EU-Regelung dürfen Spitalsärzte nicht mehr maximal 72 Stunden, sondern nur noch 48 Stunden pro Woche arbeiten. Dadurch verlieren die Ärzte Überstunden und Geld, haben aber gleichzeitig mehr Zeit und Interesse, in ihrer Ordination zu sein. Die Patienten wiederum sind laut Sauermann geradezu gezwungen, in Privatordinationen zu gehen, weil die Spitäler aufgrund des neues Arbeitszeitgesetzes nicht mehr die gleichen Leistungen erbringen können und die Ordinationen dadurch überfüllt sind.

3,90 Euro für eine Behandlung

Freilich nähre man damit die Mehrklassen-Medizin. Sauermann spricht sogar von einer Drei-Klassen-Medizin: Jene in Kassenpraxen, jene für die, die sich einen Wahlarzt leisten können und jene, bei der es darum gehe, "dass man jemanden kennt". Tatsache sei, so Sauermann, dass es genug Patienten gebe, die bereit sind, für kürzere Wartezeiten und längere Arztgespräche eine Wahlarztrechnung zu bezahlen. Von der Krankenkasse bekommt man in der Regel 80 Prozent des Vertragstarifs zurück.

Die medizinische Qualität der Behandlung selbst sei bei Wahlärzten nicht höher, der Faktor Zeit sei aber ein ganz wesentlicher: Denn je früher es zu einer Diagnose und Therapie kommt, desto effizienter sei diese. Das bestätigt auch Alexander Ortel, stellvertretender Patientenanwalt von Niederösterreich. Das Problem dabei: Für Vertragsärzte gebe es "derzeit ein Honorierungssystem, das nicht die Qualität zahlt, sondern die Masse".

Eiko Meister, Internist und Gesundheitssprecher des Think Tanks "Weis[s]e Wirtschaft", präzisiert: In der Steiermark bekomme ein Arzt für die dritte Behandlung im Quartal nur noch 3,90 Euro. In Wien seien die Tarife besser. Für Meister wäre die Zusammenlegung der Kassen eine Möglichkeit, dass diese effizienter wirtschaften. Denn letztendlich gehe es um die Frage: "Was ist uns die medizinische Grundversorgung wert, und was beinhaltet sie?"