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Weniger Schulungen, mehr Arbeitslose

Von Simon Rosner

Politik

Vor allem in Wien wirkt sich ein Strategiewechsel in der Arbeitsmarktpolitik sehr deutlich aus.


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Wien. Gott sei Dank nicht", sagt der Bekannte bei der Schnellrecherche. Gott sei Dank ist ihm ein AMS-Kurs erspart geblieben in den paar Monaten, in denen er arbeitslos gemeldet war. Die Art der Reaktion ist bezeichnend und für das Arbeitsmarktservice wenig schmeichelhaft. Die Kurse werden als Schikane empfunden, die keinen Nutzen hat.

Es gibt auch die absurden Beispiele, die weitergetragen werden und sich zu urbanen Mythen auswachsen, etwa Computerkurse für Programmierer und Englischunterricht für Native Speaker. Ob solche Kuriositäten tatsächlich passiert sind oder nicht, ist dabei gar nicht so sehr von Bedeutung. Einzelne Fehler und Missverständnisse sind bei den vielen Kursen vielleicht gar nicht zu vermeiden, doch selbst als Stille-Post-Erzählung tragen solche Beispiele zur kollektiven Furcht vor den AMS-Kursen bei.

472.539 Personenim Jänner arbeitslos

Im abgelaufenen Jänner waren in Österreich 66.300 Personen in Schulungen des AMS, die Anzahl der Arbeitslosen ist im Vergleich zum Vorjahresmonat auf 472.539 Personen gestiegen, das entspricht einem Plus von 5,1 Prozent. Vor allem in Wien ist der Anstieg besonders drastisch ausgefallen, was vom Arbeitsmarktservice auch mit dem weiterhin hohen Zuzug in die Hauptstadt erklärt wird.

Ein anderer Grund ist ein Strategiewechsel beim Wiener AMS, das die sogenannten Bewerbungstrainings weitgehend abgeschafft und ein neues, modulares Kurssystem eingeführt hat. Arbeitslose sind in Wien seltener, dafür aber länger in den Schulungen, die man auch ganz anders bezeichnen kann, als es sich umgangssprachlich eingebürgert hat: als Weiterbildung.

Auf zweitem Bildungswegzum Lehrabschluss

Das ist die andere Seite der "aktiven Arbeitsmarktpolitik", dem System der Wahl in Österreich, das vom AMS seit seiner Schaffung im Jahr 1994 administriert wird. Diese andere Seite kennt auch andere Geschichten, Erfolgsgeschichten, auf die immer wieder verwiesen wird, wenn etwa Hilfskräfte die Arbeitslosigkeit nutzen, um sich besser zu qualifizieren und den Lehrabschluss nachmachen, auf den sie Jahre zuvor im jugendlichen Trotz gepfiffen haben. Oder wenn saisonal beschäftigte Tourismuskräfte in den Leerzeiten zwischen Sommer und Winter Fortbildungen absolvieren, die einen beruflichen Aufstieg oder einen Umstieg in andere Branchen erlauben. Und noch etwas ist wichtig: Die Kurse sind für die Teilnehmer kostenlos.

Die Besserqualifizierung von Arbeitskräften, vor allem bei jüngeren Erwerbslosen, ist das Erfolgsprogramm des AMS, ebenso die FIT-Schulungen, bei denen Frauen für technische Berufe angelernt werden. Zumindest statistisch reduziert sich durch einen Lehrabschluss die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu sein, um beinahe die Hälfte.

Dem AMS wird in den kommenden Jahren allerdings etwas weniger Geld für Schulungen zur Verfügung gestellt wie bisher. Zwar bleibt das Budget des Arbeitsmarktservice für 2015 mit rund 1,14 Milliarden Euro nahezu unverändert im Vergleich zum Vorjahr, allerdings werden nicht mehr 62, sondern nur mehr 60 Prozent dieses Betrags in Kurse gesteckt. Dafür fließt wiederum mehr Geld in direkte Beschäftigungsmaßnahmen wie die Eingliederungsbeihilfen. Auch die aktuellen Zahlen für den Jänner schreiben wieder den Trend der vergangenen Monate weiter, dass ältere Arbeitnehmer von der angespannten Situation auf dem Arbeitsmarkt besonders stark betroffen sind. Deshalb hat die Regierung im Vorjahr 370 Millionen Euro, verteilt auf drei Jahre, für Eingliederungsbeihilfen für Personen über 50 Jahre zweckgewidmet, das sind direkte Förderungen für Betriebe bei der Einstellung älterer Arbeitnehmer. Damit will die Politik zumindest teilweise kompensieren, dass es schwieriger geworden ist, in Früh- oder Invaliditätspension zu gehen.

Welche Kurse vom AMS angeboten werden, hängt stark vom regionalen Arbeitsmarkt und den dort benötigten Qualifikationen ab. In der südlichen Steiermark werden andere Arbeitskräfte benötigt als in der industriell geprägten nördlichen Steiermark, und Wien stellt jedenfalls ein Spezifikum beim AMS dar, hier verhält sich der Arbeitsmarkt besonders dynamisch.

Modulares Kurs-Systemfür Wien

Das neue System in Wien setzt auf Fortbildungsmodule, die nach und nach absolviert werden können. Grund dafür ist auch, dass sich in heutigen Erwerbsbiografien immer wieder Phasen von Arbeitslosigkeit finden. Doch auch wenn diese nur von kurzer Dauer sind, sollten sie nicht ungenutzt verstreichen.

Manche arbeitslos Gemeldete versuchen zwar, den Kursen zu entgehen, die das AMS vorschreibt (und mit denen die Zahlungen verbunden sind). "Man sollte die Kurse aber nicht als Schikane sehen, denn man muss aktiv bleiben. Arbeitslosigkeit ist manchmal ein Acht-Stunden-Job", sagt eine AMS-Sprecherin. Durch höhere Qualifikation steigen die Chancen nicht nur auf eine neue Stelle, sondern auch darauf, künftig keine Zeiten der Arbeitslosigkeit mehr zu erleben. "Eine Garantie", sagt die AMS-Sprecherin, "gibt es aber leider nie".