Zum Hauptinhalt springen

Wenn alle nach Osten gehen

Von Michael Schmölzer

Europaarchiv

Die EU-15 sollten sich weniger Gedanken über einen Massenansturm billiger Arbeitskräfte nach der EU-Erweiterung machen. Viel wahrscheinlicher ist es, dass hoch qualifizierte Arbeitskräfte aus den bisherigen EU-Ländern bald gen Osten strömen.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 20 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Diese unkonventionelle Ansicht vertritt die holländische Expertin für Arbeitsmigration, Nannette Ripmeester. Und das zu einer Zeit, in der die überwiegende Mehrheit der EU-Länder Möglichkeiten zum Schutz ihres Arbeitsmarktes nach dem Mai dieses Jahres beschließen. Holland selbst hat zuletzt entschieden, vorerst nicht mehr als 22.000 Arbeitssuchende aus Osteuropa auf dem Arbeitsmarkt zuzulassen.

Eine "Flut billiger Arbeitskräfte aus dem Osten" wird es nach Ripmeester jedenfalls nicht geben. "Ich glaube nicht, dass wir uns plötzlich mit einem Ansturm polnischer Arbeiter konfrontiert sehen werden", so die Expertin im Internet-Portal www.EurActiv.com. Viel wahrscheinlicher sei, dass es zu einer gleichmäßigen Verteilung der mobilen EU-Bürger kommen werde, die dorthin gingen, wo sich Möglichkeiten auftäten. Und da sind viele Szenarien denkbar. Etwa das, dass ein Deutscher sehr wohl selbst für eine etwas geringere Gage nach Prag gehen könnte. Die Lebensbedingungen dort sind ausgezeichnet und die Preise immer noch niedrig, so dass dem Unternehmungslustigen unterm Strich mehr Geld zur Verfügung steht. "Jeder im Westen befürchtet den Zuzug hoch Qualifizierter aus dem Osten. Das kann am Anfang durchaus so geschehen. Man darf aber nicht vergessen: Es wird auch zu Bewegungen in die Gegenrichtung kommen", betont die Arbeits-Expertin.

"Neue" schlagen zurück

Wenn die durch die Abschottungspolitik der "alten" EU-Länder bereits brüskierten "Neuen" derartigen Ambitionen nicht einen Strich durch die Rechnung machen. In Prag etwa erwägt man schon Beschränkungen für EU-Ausländer. Vor allem multinationale Konzerne, die lieber auf Leute aus dem Westen zurückgreifen als an Ort und Stelle auf Personalsuche zu gehen, könnte das empfindlich treffen.

Können etwa Polen erst legal in Holland arbeiten, dann würde die Zahl der Interessierten vielleicht kurzzeitig etwas ansteigen. Aber die, die schon seit Jahren als Erntehelfer schuften, wären endlich unter akzeptablen Bedingungen tätig, gibt Ripmeester zu bedenken: "Der Unterschied wird sein, dass sie nicht mehr in Bussen sondern anständig in Betten schlafen werden können."