Zum Hauptinhalt springen

Wenn Buchstaben nur Bilder sind

Von Karl Vogd

Politik

Analphabetismus ist in Österreich ein relativ verbreitetes, aber oft vertuschtes Problem. Die "Wiener Zeitung" hat vor etwa einem Jahr einen Bericht über die Lebenssituation von sogenannten "funktionalen Analphabeten" gebracht. Zwölf Monate später scheint sich nur wenig geändert zu haben. Vor allem mangelt es an der Förderung von leseschwachen Kindern.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 20 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Jeder Einkauf im Supermarkt ist für den Salzburger Otto Huber (Name geändert) eine mühsame und riskante Expedition. Was er mit nach Hause bringt und wie viel er für seine Einkäufe bezahlt, gleicht einem Ratespiel.

Otto Huber kann weder die Aufschriften auf den Verpackungen noch die Preisangaben auf den Regalen lesen. Und auch mit dem Entschlüsseln der Rechnung hat der 45-Jährige Probleme. "Ich muss darauf vertrauen, dass man mich nicht über's Ohr haut", meint er achselzuckend. Ob der Rechnungsbetrag wirklich stimmt, könnte er aber sowieso nicht feststellen: Er kann weder addieren noch subtrahieren, von multiplizieren und dividieren gar nicht zu reden.

Mit dem Schreiben sieht es kaum besser aus. Er schafft es gerade, seinen Namen zu Papier zu bringen. Otto Huber ist ein Analphabet, obwohl er durchschnittlich intelligent ist und in Österreich neun Jahre lang die Schule besucht hat.

Die Angst vor dem Schreiben

"Ich habe versucht, meine Angst wegzutrinken", sagt er heute über sein Alkoholproblem. Es war die Angst vor der Entdeckung seines Makels, die Angst vor dem Schreiben, die Angst vor der Sprache. Die begleitet ihn seit der Volksschule. Da haben ihn die Mitschüler ausgelacht wegen seines Unvermögens.

Seit damals versucht er sein Defizit um jeden Preis zu verstecken. Als er bei einer Kranfirma zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, nahm er im letzten Moment Reißaus, aus Angst, einen Fragebogen ausfüllen zu müssen.

In Österreich ist die Angst ein ständiger Begleiter von Menschen, die nicht lesen und schreiben können. "Diese irrsinnige Scham und die Furcht vor der Entdeckung sind spezifisch für unser Land. In Deutschland wäre das nicht möglich", sagt Antje Doberer-Bey, Leiterin eines Alphabetisierungskurses an der Volkshochschule Floridsdorf. Analphabetismus ist ein Tabu in Österreich.

Keine genauen Daten

300.000 Menschen sollen in Österreich Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben, ermittelte die UNESCO. Diese Zahl ist aber wenig fundiert. Ihr liegt nämlich keine exakte Erhebung, sondern bloß eine Schätzung zugrunde. Und selbst die wurde nur in Deutschland gemacht; die Ergebnisse hat man anschließend auf Österreich übertragen.

Keine Übereinstimmung über die Zahl der Analphabeten gibt es, weil das Phänomen schwer zu definieren ist. Lange Zeit galt jemand als Analphabet, der nicht imstande war, mit dem eigenen Namen zu unterschreiben. Dieser "primäre Analphabetismus" wurde durch die Schulpflicht in Mitteleuropa eliminiert.

In den Siebziger Jahren tauchte aber in Europa das Phänomen Analphabetismus wieder auf, in Form der sogenannten "funktionalen Analphabeten". Das sind Menschen, die trotz Schulabschluss nicht über die als selbstverständlich geltenden Lese- und Schreibkenntnisse verfügen.

In Österreich wurden zum Thema Analphabetismus nie Untersuchungen gemacht, und auch an einschlägigen internationalen Studien hat sich Österreich nicht beteiligt. Die PISA-Studie durchleuchtete im Jahr 2000 erstmals systematisch die Lesekenntnisse der österreichischen Schüler. Die scheinen auf den ersten Blick gar nicht schlecht zu sein.

Leseschwierigkeiten

Bei genauerer Betrachtung der sehr umfangreichen Studienergebnisse wird aber deutlich, dass hier bildungspolitischer Sprengstoff verborgen ist. Ein beträchtlicher Teil der österreichischen Schüler hat nämlich mit dem Lesen erhebliche Schwierigkeiten. So erreichten 14 Prozent der Teilnehmer - getestet wurden Schüler des Geburtsjahrganges 1984 - nur die erste von insgesamt fünf Kompetenzstufen.

Die wirklichen Problemfälle sind aber Schüler, die unter Level 1 liegen. "Hier sind Lesekompetenzen praktisch nicht mehr feststellbar", erläutert der Salzburger Pädagogikprofessor Günter Haider, der für die Durchführung der PISA-Studie in Österreich verantwortlich ist. Leider ist diese "Risikogruppe" nicht klein. Vier Prozent des Jahrganges lagen unter Level 1. In absoluten Zahlen macht das 3.600 Schüler, die nach neun Jahren Schulunterricht nicht einmal einfachste Leseaufgaben erfüllen konnten.

In einem Zusatztest zur PISA-Überprüfung wurden auch die sogenannten "basalen Lesefähigkeiten" - beispielsweise das flüssige Lesen von Wörtern - überprüft. Das Ergebnis: Bei den unter Level 1 liegenden Schüler mangelte es vor allem an diesen basalen Lesefähigkeiten. "Das bedeutet, dass in diesen Fällen der Erwerb der Lesekompetenz gescheitert ist. Sie verlassen die Schule als funktionale Analphabeten", diagnostiziert Haider.

Probleme in der Kindheit

Wer etwas über die Wurzeln des Problems erfahren will, der muss in die Kindheit und in die ersten Monate der Schulzeit zurückgehen.

"Für das Lesenlernen war ich immer viel zu müde", erzählt der Steirer Kurt Berger (Name geändert). "Ich wuchs beim Stiefvater auf, der war Alkoholiker. Wenn ihm bei seinen Zechereien nachts der Wein ausging, dann weckte er mich auf und schickte mich zum Weinhändler um Nachschub. Am nächsten Tag kam ich unausgeschlafen in die Schule, die Nachmittage verbrachte ich auf der Straße." Die Vormittage verdöst, keine Unterstützung beim Schreiben der Hausübungen und eine tyrannische Lehrerin, die ihren Anweisungen durch Schläge mit einem langen Holzlineal Nachdruck verlieh. Nach drei Monaten landete Berger, heute funktionaler Analphabet, in der Sonderschule. Dort langweilte sich der aufgeweckte Bub den ganzen Tag: "Es ging zu wie in einem Kindergarten." Lesen und Schreiben erlernte er dort aber nicht.

Dass dieser Lebensweg in vielen Bereichen typisch verlaufen ist, bestätigt Doberer-Bey. Sie hat in ihrer sprachwissenschaftlichen Dissertation die Biografien von zwölf Alphabetisierungskursteilnehmern ausgewertet.

Früherkennung

Noch immer wird über Erfolg oder Misserfolg beim Erwerb der Schriftsprache in der ersten Klasse Volksschule entschieden. "Lese- und Rechtschreibschwächen haben eine hohe Stabilität", hat der Psychologe Christian Klicpera bei Leseuntersuchungen an Wiener Schülern herausgefunden. Und noch immer hat man in Österreich keinen gangbaren Weg gefunden, um Kindern mit Anfangsschwierigkeiten zu helfen.

Erst seit kurzem gibt es Ansätze einer Kurskorrektur. Bildungsministerin Elisabeth Gehrer startete im vergangenen Schuljahr die Initiative "Lesefit". Ein Projekt mit gut überlegten, sinnvollen Vorschlägen. So gibt es erstmals die Möglichkeit, die Lesekompetenz von Volksschulkindern einigermaßen objektiv festzustellen. Das Ministerium stellt den Schulen dazu ein Überprüfungsverfahren zur Verfügung, das am Institut für Psychologie der Universität Salzburg entwickelt wurde, das "Salzburger Lesescreening".

Die Schüler, die bei diesem Test auffallen, werden "in einem zweiten Schritt mit einem eigenen Lese- und Rechtschreibtest auf Probleme in Teilbereichen überprüft. Hat man die Ursachen herausgefunden, können gezielte Fördermaßnahmen beginnen," sagt die Volksschuldirektorin Britta Nahrgang.

Förderprogramme fehlen

Genau damit hapert es aber in Österreich. Vorgesehen ist in den Volksschulen für lese- und rechtschreibschwache Kinder ein besonderer Förderunterricht - meist im Ausmaß von einer Wochenstunde. Leider hat der aber keine messbaren positiven Auswirkungen auf die Lesekompetenz der Teilnehmer, wie Klicpera bei seinen Studien entdeckt hat.

Dass es mit dem österreichischen Fördersystem nicht gut bestellt ist, weiß auch der Wiener Landesschulinspektor Karl Blüml: "Die Fördermaßnahmen sind zu breit gefächert. Wir wollen quasi mit einem Breitbandantibiotikum ganz spezielle Krankheiten bekämpfen. Das ist, wie in der Medizin auch, wenig effizient".

Klicpera sieht zwei Gründe für das Versagen des Fördersystems: "Diese Kurse arbeiten oft nach einem veralteten Konzept aus den Sechzigerjahren. Und sie werden - zumindest in Wien - unabhängig vom tatsächlichen Bedarf angeboten. Die Zahl der Förderkurse ist in Favoriten und Hietzing gleich groß. Der Bedarf ist es aber erwiesenermaßen nicht." Zudem sei das Ausmaß des Förderunterrichts viel zu gering. Weiters können die Förderkurse nur dann abgehalten werden, wenn es dafür ein entsprechendes "Stundenbudget" gibt.

PISA-Sieger Finnland geht hier geschickter vor. Blüml weiß, warum die Finnen so gute Ergebnisse erzielten. "Der Grund ist das exzellente Fördersystem. Sobald bei Schülern Leseschwierigkeiten auftauchen, wird sofort gezielt nach den Ursachen gefragt. Es gibt dabei in jedem Fall professionelle Unterstützung von Psychologen und Sozialarbeitern", erzählt der Landesschulinspektor. Das sei zwar teuer, aber effizient. Das alles ist möglich, weil in Finnland die Kosten für Psychologen und Sozialarbeiter nicht von der Schule zu tragen sind. "In Österreich wird ein gleich gutes Leistungspaket von der Schule erwartet, die dafür nötigen finanziellen Mittel bekommt sie aber nicht."

Hilfe kommt spät aber doch

Investiert wird auch in Österreich. Das Unterrichtsministerium beteiligt sich an den Kosten der Alphabetisierungskurse für Erwachsene. In einem solchen Kurs sitzt Otto Huber. Er hofft, dort den Volksschulabschluss zu schaffen. "Das Lesenlernen geht schnell. Nach einem einjährigen Kurs können die Teilnehmer einfache Texte problemlos lesen", beschreibt Doberer-Bey die Fortschritte ihrer Schützlinge. Mit dem Schreiben sei es schwieriger. "Das dauert länger, manchmal sehr lange. In einem Jahr sind in der Regel keine großen Veränderungen festzustellen." Eine schwer zu meisternde Hürde sind die Besonderheiten der deutschen Rechtschreibung, beispielsweise Groß- und Kleinschreibung sowie Vokaldehnungen.

Die Kurse seien aber in jedem Fall enorm wichtig für das Selbstbewusstsein der Teilnehmer: "Sie merken, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind. Zum ersten Mal können sie mit jemandem offen über ihre Unsicherheit sprechen."

Vier Alphabetisierungs-Institute gibt es mittlerweile in Österreich. Im vergangenen Jahr wurden dort rund 200 Personen unterrichtet. Für mehr Teilnehmer fehlt das Geld.

Obwohl die Investition in diese Kurse sinnvoll ist, wird man damit allein das Problem des Analphabetismus sicher nicht bewältigen. Auf der einen Seite 3.600 Jugendliche, die jedes Jahr die Schule verlassen, ohne lesen zu können. Auf der anderen Seite 200 Erwachsene, die sich quälen, diese Fähigkeiten nachträglich zu erwerben. Es ist offensichtlich, dass hier etwas nicht stimmt.

VHS-Kurse

Ab Oktober beginnen mit dem neuen Semester an diversen Volkshochschulen auch wieder Alphabetisierungskurse für Erwachsene.

Nähere Informationen im Internet auf der Homepage http://www.vhs.at oder unter der Telefonnummer 01/893 00 83.