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Wenn das Kind übersetzen muss

Von Bernd Vasari

Politik

Ahamer: "Deutsch sprechen soll nicht an Integration gekoppelt werden."


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"Wiener Zeitung": Wie in Ihrem Buch beschrieben, müssen Jugendliche oft gegen ihren Willen dolmetschen. Leidet darunter eine der Sprachen (Deutsch oder Erstsprache)? Ändert sich der Bezug zu einer der beiden Sprachen?Vera Ahamer: Da das Prestige der Erstsprachen - etwa von Türkisch, Bosnisch/Kroatisch/
Serbisch oder Tschetschenisch - niedrig ist, wird der Gebrauch dieser in Anwesenheit von Deutschsprachigen mitunter als peinlich empfunden und vermieden. Dies kann sich auch auf das Dolmetschen auswirken: So gab ein Befragter konkret an, es sei ihm unangenehm, sich durch das Dolmetschen als Türkischsprachiger zu erkennen geben zu müssen, für andere wiederum sind die Sprachkenntnisse der Eltern peinlich.

Was in diesem Zusammenhang allerdings in mehreren Fällen angedeutet wurde, ist das Gefühl, Deutsch und/oder die Erstsprache nicht gut genug zu sprechen. Dies rührt daher, dass die dolmetschenden Jugendlichen im Gegensatz zu ihren nur deutschsprachigen Altersgenossen meist mit Inhalten und somit auch einer entsprechenden Terminologie konfrontiert sind, die ansonsten nur Erwachsenen vorbehalten sind - wobei in diesen Fällen selbst erwachsene Muttersprachler durchaus Probleme haben können. Daraus kann unter Umständen das Gefühl einer gewissen sprachlichen Unzulänglichkeit und Frustration resultieren, selbst wenn die sprachliche Entwicklung im Deutschen oder in der Erstsprache jener von gleichaltrigen Muttersprachlern entspricht, dies wiederum ist natürlich der Freude an Sprachen, an der eigenen Mehrsprachigkeit abträglich.

Welche Risiken gibt es für Jugendliche, die dolmetschen?

Die psychische Belastung ist sehr hoch. Viel haben das Gefühl, eine der beiden Sprachen nicht gut genug zu beherrschen, auch Konflikte in der Familie können entstehen. In der Schule kommt es zu Fehlstunden aufgrund von Dolmetscheinsätzen. Mitunter wird dadurch der Kontakt zu Gleichaltrigen eingeschränkt. Altersbedingt gibt es oft eine mangelnde Vertrautheit mit der Terminologie. Das führt zu unvollständiger Dolmetschung, was wiederum Eltern wichtige Informationen - wie etwa schulische Leistungen und daraus folgend Auswirkungen auf Schullaufbahn - vorenthält.

Welche Potenziale gibt es?

Vorteile für den Spracherwerb vor allem im Hinblick auf die
Lexik, Selbständigkeit und den Stolz auf sprachliche Leistung. Es wäre allerdings eine gefährliche Schlussfolgerung zu sagen, Dolmetschen könne als Übung dienen, also einen nützlichen Nebeneffekt abwerfen, denn die Belastung überwiegt im Allgemeinen. Entscheidend ist bei der Praxis des Dolmetschens der Kontext. Erfolgt dies im ungeschützten Bereich, wo die Dolmetschenden mit Autoritäten und Hierarchien konfrontiert sind und die Eltern mitunter als Bittsteller auftreten müssen, so überwiegen sicherlich die Risiken. Erfolgt das Dolmetschen hingegen im geschützten Bereich, zum Beispiel im Rahmen eines Tages der offenen Tür an einer Schule, wo die Kinder in ungezwungener Atmosphäre den Eltern ihre Sprachkenntnisse unter Beweis stellen können, so kann das Dolmetschen durchaus von Vorteil sein. Entscheidend ist also: Werden die Sprachkenntnisse genutzt oder benutzt.

Wie haben Jugendliche reagiert, als sie schlechte Nachrichten überbringen mussten?

Das ist eine sehr sensible Thematik, insbesondere im medizinischen Bereich, was in den Interviews nicht offen bzw. nur indirekt ausgesprochen wurde. Es ist davon auszugehen, dass Reaktionen unterschiedlich ausfallen können, bis hin zur Unterschlagung von negativen Nachrichten. Von Erwachsenen, die zu ihren Dolmetscherfahrungen als Kinder befragt wurden, wurde retrospektiv berichtet, dass dies eine große psychische Belastung darstellte.

Inwieweit sehen österreichische Behörden das Dolmetschen der Jugendlichen nicht als besondere Tätigkeit, sondern als selbstverständliche Hilfe?

Insofern, als es keine Dolmetschdienste gibt. Das Fehlen dieser beantwortet die Frage von selbst. Man muss hier allerdings unterscheiden zwischen den Behörden und den einzelnen Akteuren. Für einzelne Beamte, Lehrer, Ärzte und so weiter stellt das Dolmetschen durch Minderjährige wohl eher eine Notlösung dar, obwohl sie durchaus für andere Lösungen zu haben wären. Dort, wo es andere Alternativen gibt, wird dies genutzt. Das zeigt, dass die seitens der öffentlichen Institutionen Involvierten ebenso mit diesem strukturellen Problem konfrontiert sind wie auch die Eltern, die mitunter nicht an notwendige Informationen herankommen. Es hängt also von einzelnen Personen ab, wie damit umgegangen wird, letzten Endes aber vom Angebot, und da dieses nicht oder nur kaum besteht, sind auch die Hände jener gebunden, die das Problem erkannt haben und sich Lösungen wünschen würden.

Wer ist gefragt: Sollen Eltern besser Deutsch lernen? Soll es dafür mehr Angebote geben? Sollen die Institutionen mehr Dolmetscher engagieren?

Dolmetschen oder Deutsch lernen - zwei Dinge, die zwar miteinander in Zusammenhang stehen, aber wenn es um eine konkrete Interaktion geht, nicht miteinander vermischt werden sollten. Sprich: Bei einer ärztlichen Untersuchung ist die Frage nebensächlich, wie es um den Spracherwerbsprozess des Patienten steht. Hier muss eine Diagnose und keine Sprachdiagnose gestellt werden. Gesetzt den "Idealfall", dass jemand in kurzer Zeit Deutsch lernt, so muss er auch in dieser Zeit vielleicht einmal einen Arzt oder eine Behörde aufsuchen. In der gegenwärtigen Situation erwartet man aber scheinbar eher, dass bereits Deutsch sprechende Menschen einwandern oder zumindest hier in kürzester Zeit die Sprache zur Perfektion, und bitteschön gefälligst ohne Akzent, lernen. Man muss abrücken von der, vielleicht populären, aber letztendlich für alle Beteiligten - also Beamte, Ärzte, Lehrer, Eltern - nicht hilfreichen Sichtweise, die Sprachenfrage an "Integration" zu koppeln und damit alle anderen logisch in Frage kommenden Instrumente auszuschließen. Was das Deutschlernen betrifft, müssten erst befriedigende Voraussetzungen geschaffen werden - genügend Kurse, auch leistbare, genügend qualifizierte Deutschlehrer, größeres Angebot in der Uniausbildung für Deutsch als Zweitsprache.

Zur Person



Vera

Ahamer

Die Historikerin und Translationswissenschafterin ist Universitätslektorin in Nizhny Novgorod (Russland). Ihre Forschungsschwerpunkte sind Kommunaldolmetschen sowie Spracherwerb in der Migration.