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Wenn das Vieh im "Zud" krepiert

Von Ulrich Göttke-Krogmann und G. Seiser

Politik

Die Mongolei rückt selten in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Heuer ist dies allerdings bereits zweimal geschehen. Im Frühjahr häuften sich Schreckensmeldungen und Hilfsaufrufe. An die drei Millionen Herdentiere verendeten in den Steppen, eine allgemeine Hungersnot wurde befürchtet. Und am 2. Juli fanden die vierten demokratischen Wahlen zum mongolischen Parlament, dem Volkskhural, statt. Die - jetzt reformkommunistische - Mongolische Revolutionäre Volkspartei (MRVP) erreichte 72 von 76 Mandaten, bei den letzten Wahlen vor 4 Jahren waren es 25. Wir reisten im Rahmen einer ethnologischen Exkursion durch die Mongolei und stellten fest, dass das eine mit dem anderen wohl etwas zu tun hat.


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Die Republik Mongolei - ein flächenmäßiger Riese und etwa 18-mal so groß wie Österreich - liegt, angrenzend an die sibirische Taiga, mitten im zentralasiatischen Steppen- und Wüstengebiet zwischen den Giganten China und Russland. Weltpolitisch und weltökonomisch nahezu bedeutungslos und mit etwa 2,4 Millionen Einwohnern bildet sie dennoch regionalpolitisch einen wichtigen Puffer zwischen den einander nicht immer freundlich gesinnten Nachbarn. Seit der Unabhängigkeit von China 1921 und der Ausrufung der Volksrepublik 1924 galt die Mongolei als Vasallenstaat Moskaus.

Sowjetisch-chinesische Spannungen vor allem in den 60er Jahren führten zu massiver Präsenz sowjetischer Soldaten in der Wüste Gobi im Grenzbereich zu China. Sowjetische Wirtschaftshilfe ermöglichte den Aufbau einer bescheidenen Industrie, die sich freilich auf wenige Gebiete rund um die Hauptstadt und im Norden des Landes beschränkte.

Ungewöhnliche Entwicklung

Die politische Wende begann im Herbst 1989 mit Hungerstreiks und Protestdemonstrationen auf dem zentralen Sukhbaatar-Platz in der Hauptstadt Ulan Bator (Ulaanbaatar). Die "Staatspartei", die MRVP, reagierte mit einer vorsichtigen politischen Öffnung, die 1990 zu ersten freien Wahlen zum Volkskhural führte. Die weitere politische Entwicklung verlief durchaus ungewöhnlich für postkommunistische Staaten.

Einer Bestätigung der MRVP 1990 und 1992 folgte 1996 ein Sieg des "Oppositionellen Bündnisses", einer Koalition verschiedener neugegründeter Parteien (Nationaldemokraten, Sozialdemokraten, Grüne und Religionspartei).

Sensationeller Sieg

Die jüngsten Wahlen im Juli brachten wieder einen geradezu sensationellen Sieg der MRVP, die jetzt - in anerkannt freien Wahlen - 95 % der Abgeordneten stellt. Das Regierungsbündnis von 1996 erwies sich als brüchig, verschiedene Spitzenpolitiker der letzten Jahre waren in massive Korruptionsskandale verwickelt oder konnten Vorwürfe persönlicher Bereicherung nicht entkräften. Zudem war es ihm nicht gelungen, die sich rapide verschlechternde wirtschaftliche Lage in den Griff zu bekommen. Auslöser für den Erdrutschsieg der MRVP war aber wohl die unfähige Reaktion des Regierungsbündnisses auf den "Zud" des Vorjahres, der als einer der schwersten des Jahrhunderts gilt.

Einem "schwarzen Zud" im Sommer und Herbst 1999 war im darauffolgenden Winter ein "weißer" gefolgt. "Zud", meist mit "Dürre" übersetzt, bezeichnet genau genommen den Umstand, dass dem Vieh der Zugang zum Futter unmöglich wird. Die schwarze Dürre (char zud) tritt im Sommer auf, wenn aus Mangel an Niederschlägen das Gras verdorrt oder gar nicht erst wächst.

Gefährlicher noch sind große Schneemengen im Winter, die sogenannte "weiße Dürre" (cagaan zud). Hoher Schnee, verbunden mit oft tagelangen schweren Stürmen, lässt die Steppe in Schnee und Eis erstarren. Den Pferden wird es unmöglich, mit den Hufen den Schnee wegzuscharren und somit gelangen auch die anderen Herdentiere nicht an ihr Winterfutter. Diese Dürren sind regelmäßige Erscheinungen im Leben der mongolischen Hirtennomaden und tauchen mehr oder weniger heftig etwa im Abstand von fünf Jahren auf.

Vor Ort stellten wir fest, dass die Einheimischen den "Zud" selbst, seine Ursachen und Folgen deutlich differenzierter beurteilten als die Medien bei uns. Dieser "Zud" sei zwar ein Jahrhundertereignis gewesen, zu einer Katastrophe machte ihn aber erst die wirtschaftliche und politische Entwicklung der letzten zehn Jahre (Privatisierung der Herden, massive Bestandserhöhungen, fehlendes Weidemanagement). Und drei Millionen tote Herdentiere seien - ohne die ruinösen Folgen für einzelne Familien herunterspielen zu wollen - gesamt gesehen nicht schlimm, denn es ständen noch immer fünf Millionen Stück Vieh zuviel auf den überweideten Steppen.

Ökonomischer Hintergrund

In der einzigen Großstadt, der Hauptstadt Ulan Bator, leben mit ca. 780.000 Einwohnern fast 30 % der Gesamtbevölkerung. Dennoch ist die Mongolei einer der wenigen Staaten der Welt, in denen nomadisch lebende Viehzüchter heute einen Anteil von über 40% der Gesamtbevölkerung stellen.

Das war aber nicht immer so, vielmehr muss von einer massiven Reagrarisierung im Laufe der letzten zehn Jahre gesprochen werden. Viele ehemalige Arbeiterinnen und Arbeiter aufgelassener, privatisierter oder "gesundgeschrumpfter" Staatsbetriebe versuchten der Arbeitslosigkeit zu entkommen, indem sie sich mit kleinen Herden selbständig machten und - wie in den Jahrhunderten zuvor - begannen, als Hirtennomaden durch die Steppe zu ziehen. Im Jahr 1989 waren 186.000 von etwa 640.000 in der Wirtschaft Beschäftigten in der Land- und Viehwirtschaft tätig, 1998 arbeiteten bereits 400.000 Personen in der Viehwirtschaft bei insgesamt etwa 810.000 Beschäftigten.

Weideland weiter staatlich

Das Weideland ist nach wie vor in staatlichem Besitz, der Staat hat allerdings nach der Privatisierung des Viehs aufgehört, die Regulierung der Weiderechte zu organisieren.

Von 1990 bis 1999 nahm die Zahl der Weidetiere von ca. 25 Millionen auf ca. 33 Millionen zu, vor allem die Zahl der ökologisch besonders problematischen Ziegen explodierte förmlich wegen der Aussichten auf gute Geschäfte mit Kaschmirwolle. Auch traditionelle Wertvorstellungen wie jene, dass das Prestige einer Person von der Zahl der Hufe abhängt, die sie besitzt, haben die Herden rasch anwachsen lassen. Die politischen Vertreter einer radikalen Marktwirtschaft hatten keine wirksamen Rezepte zur Verfügung, um dieser Entwicklung gegensteuern zu können.

Knapp außerhalb der Hauptstadt beginnt bereits das Land der Viehzüchter. Tausende Pferde und Rinder, abertausende Schafe und Ziegen ziehen über die ungeteilten Weiden und bedeuten ein immer größeres ökologisches Problem. Überweidung ist ein zentraler Begriff in der mongolischen Alltagswirklichkeit geworden, vor allem rund um Ulan Bator.

Neunzig Prozent der Herden sind zu Beginn der 90er Jahre privatisiert worden, viele ihrer Besitzer leben in der Hauptstadt und lassen die Herden von bezahlten Hirten beaufsichtigen. Um selbst eine gewisse Kontrolle und Nähe zum Absatzmarkt Ulan Bator zu haben, bleiben die zu vielen und zu großen Herden in der Nähe.

Das Problem der Überweidung betrifft aber auch Gebiete, in denen es der unbedarfte Beobachter nie und nimmer erwarten würde. So sind die Aimaks (Provinzen), die das Gebiet der Wüste Gobi umfassen, äußerst gefährdet durch dieses Phänomen (Halbwüste und Wüste bilden den größten Teil des Südens und Ostens des Landes). Die Jahres-Niederschläge schwanken dort zwischen 20 und 100 mm, natürliche Wasserstellen sind äußerst selten. Viele der in kommunistischer Zeit angelegten Brunnen, die auch der Versorgung der im Grenzgebiet zu China stationierten ca. 100.000 sowjetischen Soldaten dienten, sind verfallen bzw. durch mangelnde Wartung unbrauchbar. So konzentrieren sich die Herden auf wenige verbleibende Wasserstellen und belasten die extrem dünne Vegetation über Gebühr.

Exportrückgänge

Ökonomisch ist das massive Anwachsen der Herden und damit der Druck auf die knappen Ressourcen kontraproduktiv: Die Weigerung, die Tiere zu schlachten, hat zu enormen Exportrückgängen geführt und die Qualität der Tiere leidet unter fehlender Zuchtauswahl.

Jene Viehzüchter, die keine Vorerfahrungen im Hirtennomadismus hatten, mussten durch den "Zud" besonders starke Verluste hinnehmen, setzt jener doch nicht nur viehzüchterische Kenntnisse voraus, sondern vor allem Wissen um geeignete Sommer- und Winterweiden und die Bereitschaft, Herden und Jurten über weite Distanzen zu verlegen. Bevorratung von Winterfutter gibt es traditionell kaum. Deshalb schlachteten erfahrene Hirtenfamilien bereits im Herbst die alten und schwachen Tiere, führten ihre Herden weg von den Ballungszentren und schafften es so, verhältnismäßig unbeschadet den schneereichen Winter zu überstehen. (Details über die wirtschaftlichen Perspektiven der Mongolei im Kasten unten.)

Ulrich Göttke-Krogmann (Wien) ist Ethnologe mit dem Schwerpunkt Ukraine, Gertraud Seiser (Wien) Ethnologin mit den Schwerpunkten Arbeit und Wirtschaft. Für die Texte auf dieser Seite wurde auch der Mongolei-Spezialist Klaus Koppe (Leipzig) konsultiert.