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Wenn der Sport im Alltag gegen den Wohlstand ankämpfen muss

Von Alexander Strecha

Politik
Staatssekretär und Marathonläufer Karl Schweitzer strampelt sich für den Sport ab. Strecha

Staatssekretär Karl Schweitzer über den Sinn des Sports.


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"Wiener Zeitung":Herr Staatssekretär, was darf man vom heurigen Tag des Sports erwarten?Karl Schweitzer: Wir werden einen Tag des Sports in einer Dimension erleben, die es bis dato nicht gegeben hat. Mehr als 130 Vereine und Verbände werden sich am Heldenplatz präsentieren. Wir hoffen, dass wir die Besucher für die Sportarten begeistern können. Dazu werden sämtliche Stars des Sports anwesend sein.

Ist es durch die Events gelungen, mehr Jugendliche zum Sport und zu den Vereinen zu bringen?

Ja, zum Beispiel beim Billard, Rope Skipping oder Tanzen. Dort kommen wieder jüngere Leute auf den Geschmack. Wichtig ist, wie sich die Sportarten auf dem Heldenplatz präsentieren.

Welche Veranstaltungen wird es im Rahmen der EU-Präsidentschaft geben?

Es wird ein informelles Treffen der Sportminister bei der Skiflug-WM geben. Danach folgt eine Sportdirektoren-Konferenz im März in der Hofburg.

Was ergab zuletzt das EU-Sportminister-Treffen in Liverpool?

Wir haben dort unsere Vorstellungen, den Sport als Dienstleister am Gesundheitssystem zu forcieren, vorgetragen und sind auf ein positives Echo gestoßen. Weiters ging es um die Finanzierung des Sports. Die Dienstleistungs-Richtlinie der EU ist derzeit so konzipiert, dass unter Umständen das Glücksspiel-Monopol und damit das Sportsponsoring gefährdet sind. Das würde Probleme mit sich bringen, nicht nur in Österreich. Diesbezüglich haben wir Lobbying betrieben. Ich denke, dass wir das abwenden können. Auch die Anti-Doping-Richtlinien waren ein Thema. Die USA wehren sich dabei mit Händen und Füßen.

Wenn man den Sport der letzten 60 Jahre betrachtet - wie hat sich sein Stellenwert in der Gesellschaft verändert?

Das Vereinsleben hat früher eine größere gesellschaftliche Rolle gespielt als heute, vor allem in einer Zeit, in der alles auf der Basis der Freiwilligkeit abgelaufen ist.

Hatte das etwas mit Selbstbewusstsein zu tun?

Natürlich. Wenn man nach dem Krieg eine schwere Zeit durchlebt hat, dann war es eine logische Entwicklung, dass man versucht hat sich neben dem Wiederaufbau auf eine andere Weise zu verwirklichen. Sport war damals eine der wenigen Möglichkeiten, die Freizeit sinnvoll zu gestalten. Das hat sich geändert. Es gibt eine Vielfalt an Angeboten, die für den Sport nicht gut sind.

Kämpft der Sport gegen den Wohlstand?

Ich würde sogar sagen, dass es zum Teil zu einer Wohlstandsverwahrlosung kommt. Überall wird der körperliche Zustand der Jugendlichen beklagt. Oder die Gewalt an den Schulen. Der Sport hat früher eine Rolle erfüllt, die solche Probleme minimiert hat. Man muss mit Nachdruck darauf hinarbeiten, dass der Sport diese Rolle einnimmt.

Warum kann er sie nicht mehr einnehmen?

Weil die Idealisten, die den Sport an junge Leute herantragen, immer weniger werden. Die Arbeit der Freiwilligen gibt es nicht mehr wie früher. Jeder will für etwas bezahlt werden. Mehr Sport in Kindergärten und Schulen kann die Gewaltbereitschaft abbauen, vor allem der Mannschaftssport. Gewalt passiert, wo Frust und Misserfolg herrschen. Wenn ich jemandem die Gelegenheit gebe, Frust über Bewegung abzubauen und erfolgreich zu sein, dann kann man einiges erreichen.

Wie sehen Sie die Entwicklung im Sport hin zur Event-Kultur?

Ich sehe das kritisch. Es ist toll, wie manche Leute eine Sportart als Transportmittel für andere Zwecke verwendet haben, siehe Beachvolleyball. Nur muss man kritisch anmerken, dass viele dorthin kommen, ohne dass sie am Sport selbst Interesse haben. Da geht es mehr um das Dabeisein. Für den Sport selbst ist zu hinterfragen, ob das auf lange Sicht nicht eher kontraproduktiv ist. Bei Veranstaltungen wie dem Tag des Sports steht der Sport im Mittelpunkt, nicht das Buffet und sämtliche Side-Events.

Gibt es Sportarten, die besonders prädestiniert sind, Positives für die Gesellschaft zu bewirken?

Grundsätzlich ist jede Mannschaftssportart dazu geeignet. Man ist Teil eines Ganzen, wie in der Gesellschaft. Man kann seine Stärken einbringen, um ein optimales Resultat zu erreichen. Allein kann man dies nicht schaffen. Man lernt, dass man die Unterstützung anderer braucht. Das ist das Grundlegende, wenn man in einer Gesellschaft gut leben will. So gesehen ist der Sport die ideale Schule für das Leben.