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Wenn der Zweite zum Sieger wird

Von Rainer Mayerhofer

Politik

Vor vier Jahren blickte die Welt 36 Tage lang nach Florida, von dessen Wahlresultat es abhing, wer neuer Chef im Weißen Haus wird - der Demokrat Al Gore, der bundesweit 543.895 Simmen mehr bekommen hatte, oder der Republikaner George W. Bush, der letzten Endes mit 537 Stimmen Vorsprung in Florida, wo sein Bruder Jeb Gouverneur war, die für seine Wahl notwendigen 25 Wahlmännerstimmen zugesprochen bekam -, letzten Endes weil der Oberste Gerichtshof der USA eine weitere Nachzählung der Stimmen in Florida stoppte.


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In dem wochenlangen Wahlkrimi im Sonnenscheinstaat Florida war es um irreführende Stimmzettel und veraltete Wahlmaschinen gegangen, die auf den Wahlzetteln Löcher nicht anständig ausgestanzt hatten. Bereits vor den Wahlen hatte die republikanische Innenministerin des Bundesstaates die Wählerverzeichnisse bereinigen lassen und viele Schwarze, die traditionell demokratisch wählen, hatten sich an den Wahlurnen ihres Wahlrechts beraubt gesehen, wegen geringfügiger Vorstrafen oder weil sie zufällig den gleichen Namen hatten, wie irgendein Vorbestrafter.

Die Zeitung "Orlando Sentinel" berichtete erst dieser Tage, dass man auch heuer beim Vergleich der Wahlregister Floridas mit denen der Bundesstaaten Georgia und North Carolina mehr als 68.000 Menschen gleichen Namens und Geburtsdatums in zwei Staaten als Wahlberechtigte entdeckt habe. Und ähnliche Unregelmäßigkeiten bei der Wählererfassung werden auch aus anderen Bundesstaaten gemeldet, wo es am kommenden Dienstag sehr knapp werden könnte.

Florida zählte mit der Wahl Bushs vor vier Jahren schon zum zweitenmal zu den Staaten, deren Ergebnis jenen Kandidaten zum neuen Präsidenten machte, der nach Stimmenzahl eigentlich nur an zweiter Stelle gelandet war. Bereits 1876, als für die Republikaner der Gouverneur von Ohio, Rutherford B. Hayes, und für die Demokraten der Gouverneur von New York, Samuel J. Tilden, als Präsidentschaftskandidaten angetreten waren, hatte Tilden mit 51 Prozent der Stimmen Hayes, auf den bloß 48 Prozent entfallen waren, klar überflügelt. Ein monatelanger Streit um die Wahlmänner aus den vier Bundesstaaten Florida, Louisiana, South Carolina und Oregon war die Folge, nachdem am Wahlabend aus diesen Bundesstaaten je zwei Wahlmännerlisten durchgegeben worden waren. In den drei Südstaaten wurden von republikanischen Wahlkommissionen zahlreiche demokratische Stimmen für ungültig erklärt und schließlich entschied eine eigens geschaffene Wahlkommission aus je fünf Mitglieder des Repräsentantenhauses, des Senats und des Obersten Gerichtshofes über den Wahlausgang. Die acht republikanischen Mitglieder dieser Kommission erklärten gegen die sieben Stimmen der Demokraten Hayes zum Sieger der Wahl, auf den 185 Wahlmänner entfielen - gegenüber 184 für Tilden. Hayes trat bei der Wahl 1880 nicht wieder an, Tilden schlug zwei weitere Nominierungen der Demokraten aus.

Allerdings war Hayes nicht der erste Präsident, der als eigentlicher zweiter der Wahlen das Rennen machte. 1824 hatte Andrew Jackson mit 43,1 Prozent der Stimmen und 99 Wahlmännern John Quincy Adams, der nur 30,5 Prozent und 84 Wahlmänner erreicht hatte, klar deklassiert. Adams wurde dann im Repräsentantenhaus dennoch zum Präsidenten gewählt. Gerüchte, dass er seinen Mitbewerber Henry Clay, auf den 13,2 Prozent der Stimmen und 37 Wahlmänner entfallen waren, mit dem Posten des Außenministers geködert habe, verstummten nicht und bei den Wahlen im Jahr 1828 unterlag Adams klar dem wiederkandidierenden Jackson, der auch 1832 siegreich blieb.

Die dritte Präsidentenwahl, bei der der Zweite Erster wurde, fand 1988 statt. Der amtierende demokratische Präsident Crover Cleveland hatte bei dieser Wahl mit 48,6 Prozent der Stimmen zwar um rund 98.000 Wähler mehr als sein republikanischer Herausforderer Benjamin Harrison, der auf einen Wähleranteil von 47,9 Prozent kam, auf Harrison entfielen aber 233 Wahlmänner und auf Cleveland nur 168. Der abgewählte Präsident trat dann 1892 erneut gegen seinen Nachfolger an und konnte mit 46,1 Prozent der Stimmen und 277 Wahlmännern das Weiße Haus wieder für die Demokraten zurückerobern. Harrison kam nur auf 43 Prozent der Wähler und 145 Wahlmänner.

Diese in der US-Geschichte einmalige Wiederkehr eines abgewählten Präsidenten brachte übrigens die Zählung der Staatsoberhäupter in Unordnung. Da Cleveland sowohl als 22. als auch als 24. Präsident gezählt wird, hat George W. Bush, der 43. Präsident nur 41 Vorgänger.