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Wenn die Nacht in Stille stirbt

Von WZOnline / Ralf E. Krüger

Europaarchiv

Paris. Paris sorgt sich um sein Nachtleben. In der örtlichen Clubszene herrscht seit langem schon Alarmstimmung, von gähnender Langeweile ist die Rede. Was ist aus der glitzernden, pulsierenden Lichterstadt an der Seine geworden?


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Im Internet machen Kritiker mit quandlanuitmeurtensilence.com (Wenn die Nacht in Stille stirbt) auf das Phänomen aufmerksam. Lärmschutzverordnungen, hohe Mietpreise, prozessfreudige Anrainer, Rauchverbote und immer neue Behördenauflagen machen dem Partyvolk das nächtliche Clubleben schwer.

Bürgermeister Bertrand Delanoe zog nach Brandbriefen der Betroffenen, nach Petitionen und hitzigen öffentlichen Debatten die Notbremse. Der bisher unerschütterliche Ruf einer auch nachts vibrierenden Glitzerstadt steht auf dem Spiel. Um als Partystadt wieder von sich reden zu machen, organisierte die Stadt nun ein fünf Nächte dauerndes Festival mit etwa 500 DJs und Musikern. "Paris ist auch nachts lebendig. Es hat seinen eigenen Rhythmus, seine Lebensart und eine große Partylust", betonte Delanoe bei der Vorstellung der "Nuits Capitales", die bis zum 21. November dauern. An etwa 60 Orten sollen Konzerte und Partys stattfinden, darunter in einer Metrostation und auf einem Seine-Boot.

Machtspiele auf dem Trottoir

Doch die Aktion ist nur ein Balsam-Tröpfchen auf die wunden Seelen der frustrierten Nachtschwärmer der Seine-Metropole. Sie beklagen immer lautstärker, dass die Gehsteige schon vor Mitternacht hochgeklappt werden. Vorher spielt sich auf dem Trottoir noch ein Kräftemessen der besonderen Art ab: Das Rauchverbot in den Discos zwingt qualmende Nachtschwärmer in Scharen ins Freie - wo die Lärmbelästigung dann schlafgestörte Anrainer in Rage bringt.

Zudem würden zunehmend mehr Tanztempel durch kostspielige Auflagen zum Schließen gezwungen, lautet die Kritik. Und die, die geöffnet bleiben, seien für die Geldbeutel vieler Jugendlicher außerhalb der finanziellen Reichweite. Der seit Jahren anhaltende Kaufkraftverlust bedrängt im Verbund mit explodierenden Mieten selbst urfranzösische Institutionen wie die populären Bistros. Flossen Cognac und Pastis in den 1960er Jahren noch in mehr als 210.000 französischen Bistros, so geht die Branche heute gerade noch von einem Siebtel aus.

Vorbei also die Zeiten, als der Chansonnier Jacques Dutronc noch Nachtschwärmer besingen konnte, die erst 5.00 Uhr auf dem Weg ins Bett waren? Im Rathaus wie im Tourismus-Büro der Stadt stemmt man sich vehement gegen eine solch pessimistische Party-Sicht. Immerhin habe die Stadt mehr als 330 Bars, Restaurants und auch Discos. Doch dass es ein Problem gibt, mussten auch die Verantwortlichen zugeben - und organisierten kürzlich eine Generalaussprache mit etwa 1.000 Betroffenen. Dabei wurde ein Komitee gegründet, das vom kommenden Jahr an dem Pariser Nachtleben wieder frischen Schwung bringen soll. (dpa)

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Website:"http://www.quandlanuitmeurtensilence.com"