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Wenn die Prinzessin fährt

Von WZ-Korrespondentin Agnes Tandler

Politik

Als letztes Land der Welt erlaubt Saudi-Arabien Frauen ab Sonntag das Autofahren.


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Dubai. Sie hält eine Hand lässig am Steuer, ihre dunklen Haare fallen perfekt, das Weiß ihrer Kleidung schmiegt sich gegen den Sand und die sanften Dünen im Hintergrund. Prinzessin Haifa bint Abdullah Saud, eine von mehr als 20 Töchter des verstorbenen Königs Abdullah, hat sich so auf dem Fahrersitz eines Luxusautos für die Titelseite der Modezeitschrift "Vogue Arabia" ablichten lassen, um ein historisches Datum für die Frauen in Saudi-Arabien zu feiern. An diesem Sonntag erlaubt das Königreich ihnen als letztes Land der Erde das Autofahren. "In unserem Land gibt es ein paar Konservative, die Veränderung fürchten ... ich selbst unterstütze diese Veränderungen mit großer Begeisterung", ließ das Magazin die Prinzessin zu Wort kommen.

"Schamlos und unsensibel", kritisierten saudische Frauen den "Vogue"-Titel. Die Prinzessin habe sich nie für die Rechte von Frauen eingesetzt und sei als Mitglied des Königshauses stets privilegiert genug gewesen, einen eigenen Fahrer zu haben.

Im September 2017 hatte der junge Kronprinz Mohammed bin Salman die Aufhebung des Autofahrverbotes mit einer Reihe anderer Modernisierungsmaßnahmen angekündigt, wie etwa die Eröffnung von Kinos im Königreich und der Öffnung von Sportveranstaltungen für Frauen. Mit großem Presseaufgebot händigte die Regierung Anfang Juni den ersten zehn Frau eine Fahrerlaubnis aus. "Tausende Glückwünsche den Töchtern unseres Landes", hieß es in einem auf Twitter geteilten Video, das die Übergabe der Behörden zeigte.

Aktivistinnen hinter Gittern

Doch während die elegante Prinzessin am Steuer eines roten Mercedes 450 SL das Bild eines Landes vermittelt, dass es in Zukunft mit der Glitzermetropole Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten aufnehmen will, ist von einer echten Aufbruchstimmung in eine weniger repressive und mehr demokratische Gesellschaft kaum etwas zu spüren. Ausgerechnet zwei Dutzend saudische Aktivistinnen, die jahrelang für eine Aufhebung des Fahrverbotes gekämpft hatten, sind in den vergangenen Wochen festgenommen worden. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International erklärte, dass sie trotz der bevorstehenden Aufhebung des Autofahrverbotes für Frauen "sehr besorgt über die allgemeine Menschenrechtssituation in Saudi-Arabien" sei. Den verhafteten Frauen wird unter anderem Spionage vorgeworfen, eine Straftat, für die ihnen bis zu 20 Jahren Gefängnis droht.

Die drei unerschrockensten Kritikerinnen, Loujain al Hathloul, Aziza al-Yousef and Eman al-Nafjan, sind auch Mitte Juni weiter in Haft. Alle drei hatten in der Vergangenheit mit Autofahraktionen dem saudischen Verbot getrotzt und waren mehrfach deswegen verhaftet worden. Dies zeigt, welche enge Grenzen die Reformbemühungen haben, die der saudische Kronprinz auf den Weg gebracht hat. Am Montag wurde Ahmed al-Khatib, der Chef der staatlichen Behörde für die Unterhaltungsindustrie, fristlos entlassen. Al-Khatib hatte sich offenbar mit einem Auftritt des "Cirque de Soleil" in Riad zu viele Feinde in konservativen Kreisen gemacht, die Anstoß an den teils eng anliegenden Kostümen der Zirkus-Darsteller nahmen.

Auch wenn Frauen nun das Autofahren erlaubt ist, bleibt doch das umstrittene Gesetz der männlichen Dominanz über Ehefrauen und Töchter bestehen. Frauen in Saudi-Arabien brauchen auch mit einem gültigen Führerschein weiterhin die Erlaubnis eines männlichen Angehörigen, in der Regel des Vaters oder Ehemanns, um auf Reisen zu gehen, eine Arbeit aufzunehmen oder heiraten zu können. Die Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" kritisiert dieses Gesetz als "das größte Hindernis für Frauen" in Saudi-Arabien.

Das Königshaus selbst ist keine Ausnahme: Seit mehr als 15 Jahren werden wenigstens zwei Schwestern von Prinzessin Haifa offenbar gegen ihren Willen unter Hausarrest gehalten, wenn man den Aussagen ihrer jordanischen Mutter Anoud-al-Fayez, der Tochter eines jordanischen Ministers, trauen darf. Offenbar soll Luxus und hedonistischer Konsum, für die Saudi-Arabiens wohlhabende Elite bisher gern über das Wochenende in das benachbarte Dubai fuhr, künftig kein Tabu mehr sein, doch politisch soll sich im Königreich hingegen nichts grundlegend ändern.