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Wenn Freiheit wichtiger als das Leben ist

Von Klaus Huhold

Politik

Denis Goldberg kämpfte als Weißer gegen die Apartheid. Dafür saß er 22 Jahre im Gefängnis.


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Wien. Aber. "Was für ein wunderschönes Wort", sagt Denis Goldberg. Einen ganz besonderen Klang entwickelte dieses "Aber" für Goldberg am 12. Juni 1964.

An diesem Tag rechnete er damit, im Alter von 31 Jahren zum Tode verurteilt zu werden. Der Richter bei diesem Prozess in Südafrika sagte zunächst, dass für Goldberg und die anderen Anti-Apartheidskämpfer bei einer Verurteilung wegen Hochverrats die angemessene Strafe die Todesstrafe sei. Doch dann sagte er: "Aber." Aber sie seien wegen Sabotage angeklagt, weshalb er ein wenig Milde walten lassen könne. Und das bedeutete: lebenslänglich.

Im Publikum saß seine Mutter, die das Urteil nicht gehört hatte. "Wie lautet es, Denis?", rief sie ihm zu. "Leben. Und das ist wundervoll", antwortete er.

Beim sogenannten Rivonia-Prozess, der in die Geschichte Südafrikas einging, saß Goldberg mit prominenten Anführern des African National Congress (ANC) auf der Anklagebank. Sie hatten sich gegen die Apartheid erhoben, gegen ein System, das die Bewohner in verschiedene Rassen teilte und in dem das Regime den Weißen die Herrschaft über den Rest der Bevölkerung zuschrieb. Mit Goldberg angeklagt waren auch Nelson Mandela und Walter Sisulu, einer der wichtigsten Denker und Ideengeber des ANC. Von den elf Angeklagten wurden acht zu lebenslanger Haft verurteilt. Was Goldberg von den anderen Verurteilten unterschied: Er war weiß.

Seine kommunistischen Eltern politisierten ihn

Bei zwei Vorträgen, in der Forschungseinrichtung Sadocc (Dokumentations- und Kooperationszentrum Südliches Afrika) und in der UNO-City vor Diplomaten, berichtete der heute 84-Jährige vergangene Woche in Wien von seinem ereignisreichen Leben. Politisiert wurde der Sohn jüdischer Einwanderer schon als Schulkind von seinen Eltern, die Kommunisten waren.

Die Vorbilder und Helden des jungen Denis Goldberg waren die Partisanen und Widerstandskämpfer, die sich während des Zweiten Weltkrieges gegen Faschismus und Nationalsozialismus erhoben. "Das waren Menschen, die ihr Leben für die Freiheit aufs Spiel setzten, weil ihnen die Freiheit wichtiger als das Leben war", sagt Goldberg. "Ich wusste, dass ich als Erwachsener genau so handeln muss."

Somit verzichtete er auf das privilegierte Dasein, das er als Weißer hätte haben können, und schloss sich dem Widerstand gegen das Apartheid-Regime an. "Wenn in einer Gesellschaft etwas fundamental falsch läuft, dann muss man handeln. Wer schweigt, ist Teil der Unterdrückung", sagt Goldberg.

Und diese Unterdrückung nahm in Südafrika immer brutalere Züge an, die sich in aller Deutlichkeit beim Massaker von Sharpeville zeigten. Am 21. März 1960 töteten Sicherheitskräfte bei einer Protestaktion in einem Township 69 Menschen - die meisten von ihnen mit Schüssen in den Rücken. Es folgten landesweite Unruhen, woraufhin das Regime den ANC verbot.

Die Ereignisse waren ein Wendepunkt für die Widerstandsbewegung: Sämtliche Demonstrationen, Streiks, Kongresse und Dialogaufrufe an die Regierung hatten nichts genutzt, die Machthaber hatten nur mit immer mehr Gewalt reagiert. Mandela und andere Anführer des ANC kamen zu dem Schluss, dass ihnen nun nichts anderes mehr blieb, als selbst in den bewaffneten Widerstand zu gehen. Dabei sollten durch Sabotageakte die Institutionen des Apartheid-Regimes geschwächt und zivile Opfer vermieden werden.

Goldbergs Wissen war nun gefragt. Als Weißer hatte er ganz andere Ausbildungsmöglichkeiten als seine schwarzen Mitstreiter: Der Bauingenieur wurde als Konstrukteur gebraucht.

Die Aufständischen schmiedeten große Pläne, wollten tausende Kämpfer ausbilden. Doch weit kamen die Konspirateure nicht. Am 11. Juli 1963 wurden entscheidende Akteure des bewaffneten Aufstandes, unter ihnen Goldberg, bei einem Treffen in Rivonia, einem Vorort von Johannesburg, verhaftet. Es folgte der "Rivonia-Prozess".

Für die weißen Wärter war Goldberg ein Verräter

Wenn Goldberg heute von den Tagen vor Gericht erzählt, dann macht er das noch immer voller Leidenschaft: Er hebt die Stimme, spricht voller Begeisterung von seinen Kameraden: "Walter Sisulu war, ich glaube, sechs Jahre in der Schule. Er hat den Staatsanwalt, den arroganten Doktor Yutar, beim Kreuzverhör intellektuell auseinandergenommen." Goldberg evoziert noch einmal den historischen Augenblick, als Mandela seine Rede mit den Worten schloss, dass er bereit sei, für das Ideal Freiheit und Gleichheit zu sterben: "Was für ein Moment. Was für ein Moment der absoluten Stille", sagt Goldberg und ist selbst für einige Sekunden still.

Der 84-Jährige gibt aber auch ironische Kommentare ab. Zum Beispiel: "Wir haben über das Urteil aus Erleichterung gelacht. Ich habe darüber gelacht, dass ich vier Mal sterben würde. Genau das bedeutet nämlich vier Mal lebenslänglich. Aber man bekommt ohnehin gleich eine Ermäßigung von 75 Prozent."

Tatsächlich saß Goldberg 22 Jahre ein. Während seine Kameraden nach Robben Island gebracht wurden, kam er in Pretoria hinter Gitter - selbst im Gefängnis wurden Weiße und Schwarze getrennt. Viele der weißen Wärter betrachteten ihn als Verräter, machten Goldberg das Leben so schwer wie möglich. 500 Worte waren in einem Brief erlaubt, akribisch zählten diese die Wärter ab und schnitten den Teil vom Brief ab, der darüber hinaus ging. Die Zusprüche, die ihm seine Frau schickte, bekam Goldberg oft gar nicht mehr zu lesen.

Nach seiner Freilassung 1985 ging er zunächst nach Israel und Großbritannien ins Exil, von wo aus er die Vertretung des ANC bei der UNO leitete. Der Kampf von Goldberg und seinen Mitstreitern war nicht umsonst: In den 1990er Jahren endete die Apartheid.

Heute ist es ihm ein Anliegen, dass das In-die-Knie-Zwingen des Apartheid-Regimes nicht als Heldengeschichte von ein paar prominenten Widerstandskämpfern erzählt wird. "137 Menschen wurden erhängt, mehr als tausend von Sicherheitskräften erschossen, und zusammengezählt ergeben die Gefängnisstrafen für das Aufbegehren gegen die Apartheid zehntausende Jahre", sagt Goldberg. "Es war eine Massenbewegung."

Heute regiert der einst verbotene ANC Südafrika. Goldberg fühlt sich der Bewegung noch immer stark verbunden, übt aber gleichzeitig harte Kritik an ihr. "Die politische und finanzielle Korruption in meiner eigenen Partei gefährdet unsere Demokratie", sagt der 84-Jährige.

Er ist zornig über unlautere Bereicherungen, die bis zu Präsident Jacob Zuma hinaufreichen, der vom Verfassungsgericht wegen des zunächst mit Staatsgeldern finanzierten millionenschweren Umbaus seines Anwesens verurteilt wurde. Er ist wütend über Funktionäre, die Schmiergeld nehmen, über eine Parteiführung, "die den Kontakt zu den Bürgern und den eigenen Parteimitgliedern verloren hat".

Gleichzeitig sagt er aber, dass Südafrika "in den 23 Jahren seit der Befreiung Wunder vollbracht" habe. "Wenn ich früher an die Universität ging, sah ich dort ein Meer von Weißen. Heute finde ich dort Stundenten verschiedenster Herkunft."

Stolz mache ihn auch der Grund seines Aufenthaltes in Wien, sagt Goldberg. Die südafrikanische Botschaft hatte den ehemaligen politischen Häftling als einen der Redner geladen, als sie mit dem UN-Büro für Drogen und Verbrechensbekämpfung (UNODC) nun die Gründung der "Gruppe der Freunde der Nelson-Mandela-Regeln" präsentiert hat. Die Nelson-Mandela-Regeln fassen Mindeststandards zusammen, die weltweit bei der Behandlung von Häftlingen gelten sollen - dass sie etwa einen Rechtsbeistand oder ein Anrecht auf medizinische Versorgung haben. Dass ausgerechnet sein Land die Einhaltung dieser Standards international forcieren will "zeigt an, wie viel wir erreicht haben", sagt Goldberg.

Er bleibt - bei allen Missständen in seinem Land - optimistisch. "Ich komme aus Kapstadt", sagt Goldberg. "Dort kann es tagelang regnen. Am Ende scheint doch die Sonne."