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Wenn Gesundheit zur Pflicht wird: Beispiel Rauchverbote

Von Christa Karas

Wissen

Gladys Frankson, Witwe eines 1999 im Alter von 57 Jahren an Lungenkrebs verstorbenen Rauchers, soll eine Entschädigung in Höhe von 20 Mill. Dollar erhalten. Dieses Urteil wurde vor einem Monat gegen den Zigarettenhersteller Brown & Williamson und zwei Tabakverbände von einer Jury im US-Staat New York verhängt. Bereits im Dezember 2003 hatten die Geschworenen das Tabakunternehmen - es ist Produzent der bekannten Marke "Lucky Strike" - zur Zahlung von Schadensersatz in der Höhe von 175.000 Dollar verurteilt.


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Interessieren solche Meldungen eigentlich noch irgendwen, außer jene, die bisher in Europa mit derartigen Klagen abgeblitzt sind? - Wohl kaum. Dass Zigaretten ungesund sind, weiß jeder Europäer seit zumindest 60 Jahren, doch dass sie das pure Gift sind, mit dem Raucher auch ihre Umwelt umbringen, wissen wir erst, seit die USA Schluss mit lustig gemacht und ihre Anti-Tabak-Feldzüge mittlerweile auch in der Alten Welt Erfolg haben.

Also gilt konsensuell: Raucher sind allein Schuld an ihrem Schicksal. Sie schädigen aber durch ihre Uneinsichtigkeit auch die Umwelt, weshalb man das Rauchen, wo auch immer, verbieten muss. In vielen Bundesstaaten der USA gilt dies sogar für den Wohnbereich (etwa wenn Kinder unter dem selben Dach leben oder der Vermieter keine Raucher duldet). In Italien, wo die neuen Nichtrauchergesetze auf verblüffend wenig Widerstand stießen, pofeln tatsächlich bereits viele Gäste draußen in der Kälte, weil´s in den Lokalen nur noch sehr bedingt erlaubt ist. Besser Lungenentzündung als Lungenkrebs, ist also die Devise, die Fernreisende seit gut 15 Jahren vor allem aus den USA und Australien gut kennen.

Gibt es indessen darüber hin-aus auch echte positive Effekte durch die in diesen beiden Ländern schon länger bestehenden Restriktionen? - Bisher lässt sich dies, wo es etwa um die "einschlägigen" Krebsarten geht, noch aus keiner Statistik herauslesen. Allerdings muss eingeräumt werden, dass die Zeitspanne dafür wohl wirklich noch zu kurz war, zumal sich COPD und Bronchialkarzinome schleichend über längere Zeiträume entwickeln.

Böse Indianer

Besser feststellbar sind hingegen die sozialen Effekte, etwa hinsichtlich von Diskriminierung. In den USA gilt mittlerweile als ausgemacht, dass, wer mit entsprechender Hautfarbe raucht, "white trash" ist, wie sonst im Polizeijargon Obdachlose, Alkoholiker, Junkies und Kriminelle genannt werden. Und die American Lung Association darf, gestützt auf ihren volksgesundheitlichen Auftrag, ungeniert das Böse auch auf ihrer Homepage nennen, nämlich dass es unter den verschiedenen US-Ethnien die "Native American Indians/Alaskan Natives" sind, unter denen sich (mit 32,7 Prozent) die meisten Raucher finden. (In Kanada gelten sie übrigens auch als die größten Trinker.)

Aber man muss gar nicht bis über den Atlantik schauen, der Blick über die Grenze - und wahrscheinlich nicht einmal so weit - tut´s auch. Die Deutsche Krebsgesellschaft etwa appellierte im November 2003 an die Öffentlichkeit, Menschen nicht zu stigmatisieren, die an Lungenkrebs erkrankt sind. Ursache dafür war eine britische Umfrage, derzufolge sieben von zehn Personen der Auffassung waren, dass solche Patienten für ihre Erkrankung alleine verantwortlich seien. Gerade 75 Prozent der Befragten hielten es für gerechtfertigt, diesen Patienten das gleiche Recht auf Behandlung einzuräumen wie allen anderen.

Ursachenforschung

Klaus Höffken, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, dazu: "Niemand auf der Welt verdient Lungenkrebs. Gerade Lungenkarzinome zählen auf Grund niedriger Überlebensraten und eingeschränkter Behandlungsmöglichkeiten zu den besonders tragischen Erkrankungen. Und auch Raucher dürfen wegen des Rauchens niemals stigmatisiert werden." Zumal, so Höffken, Lungenkrebs verschiedene Ursachen haben kann und etwaige genetische Faktoren bisher ungeklärt sind, während es viele Krebs erregende Stoffe (Asbest, Arsen, Nickel, Radon, aromatische Kohlenwasserstoffe etc.) am Arbeitsplatz gebe. - Tatsächlich werden die Ursachen für Todesfälle durch Lungenkrebs nämlich epidemiologisch kaum aufgeschlüsselt.

Unberücksichtigt blieb in Höffkens Aufzählung die zunehmende Belastung durch Feinstaub und Dieselruss, die vom Organismus nicht abgebaut werden können. Hier ahnt die American Lung Association aber zumindest etwas, wenn sie ihre Web-Kundschaft fragt: "Sind Sie einer von 137 Millionen Amerikanern, die ungesunde Luft einatmen?" Sicher ist sie sich aber dennoch, dass jährlich in den USA 3.000 Menschen als "Passivraucher" an Lungenkrebs sterben. Das wäre, grob geschätzt, ein Promille der Bevölkerung.