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"Wenn Hedgefonds zusammenbrechen, lösen sie die nächste Systemkrise aus"

Von Konstanze Walther

Wirtschaft
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Zerschlagung allein reiche nicht, meint Hickel.
© Jenis

Ökonom Hickel plädiert für eine stärkere Regulierung der Banken.


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"Zerschlagt die Banken. Zivilisiert die Finanzmärkte", heißt das Buch von Rudolf Hickel, Professor für Finanzwirtschaft und ehemaliger Direktor des Instituts Arbeit und Wirtschaft in Bremen. Hickel war für einen Vortrag des Kreisky-Instituts in Wien.

"Wiener Zeitung":Bertolt Brecht hat die rhetorische Frage gestellt, ‚Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?‘. Sie sind mit Ihrem Buch wohl auch eher auf Brechts Seite?

Rudolf Hickel: Ich glaube, wenn Brecht die Situation gesehen hätte, welche die Finanzmarktkrise, vor allem die Bankenkrise, weltweit zustande gebracht hat, hätte er auch gewarnt, dass einmal gegründete Banken nicht zu groß werden dürfen. Das Problem war ja "Too big to fail", wenn man die Banken einstürzen lässt, wäre das mit einem Systemrisiko verbunden. Jetzt haben wir zwei Probleme: Erstens werden die Kunden in die Haftung genommen, die für die Geschäfte und die Risiken gar nichts können, und zweitens der Staat, der ebenfalls die Haftung übernimmt. Weltweit gab es ja irrsinnig viele Programme zur Rettung von Banken, in Deutschland gibt es noch immer ein 480-Milliarden-Programm. Jetzt in der Eurokrise sind viele Länder in Folge der Bankenkrise überhaupt erst in ihre prekäre Lage gekommen, beispielsweise Spanien. Die Geschäftsmodelle der Banken müssen so sein, dass es so weit gar nicht mehr kommt.

Dann heißt es, dass man in einer globalisierten Welt aber globale Banken braucht - große Entitäten.

Ich wettere ja nicht dagegen, dass Banken Unternehmen weiter an die Börse bringen. Und auch die internationalen Geschäfte durchführen. Entscheidend ist, und das war der Kern der Krise, dass - vor allem in den USA und Großbritannien - die Banken gar nicht mehr Geschäfte für Kunden gemacht, sondern Eigenhandel betrieben haben. Sie haben eigene Spekulationsinstrumente erfunden und haben damit selber spekuliert. Meine These der Zerschlagung, als ich sie vor einem Jahr in dem Buch publiziert habe, war noch richtig revolutionär, da wurde dagegen polemisiert, aber jetzt haben wir seit ein paar Tagen das sogenannte Abspaltungsgesetz in Deutschland, in dem steht, dass ab einer bestimmten Größe, einer bestimmten Bilanzsumme, die Banken ihren Eigenhandel, wenn sie Eigenhandel machen, nicht mehr im normalen Kundengeschäft abwickeln dürfen. Es geht um den Eigenhandel. Die Alarmwirkung ist da. Aber würde ich das Buch heute schreiben, würde ich die Gefahr der Hedgefonds, der Schattenbanken, stärker in den Vordergrund rücken.

Dabei mussten Hedgefonds noch nicht von der Öffentlichen Hand gerettet werden.

Die Hedgefonds sind zwar noch nicht in dem Sinne zusammengebrochen, obwohl gerade wieder einer pleite gegangen ist. Aber wenn sie zusammenbrechen, lösen sie wieder eine Systemkrise aus. Warum? Weil die Hedgefonds sehr stark verbandelt sind mit dem traditionellen Bankensystem. Beispielsweise gibt es Banken, auch die Deutsche Bank, die haben Kreditbeziehungen zu Hedgefonds. Zudem finanzieren Schattenbanken viele Projekte in der Realwirtschaft. Hedgefonds machen inzwischen 65 Billionen mit Finanzmarktpapieren. Zudem reicht die Spaltung der Bank in Geschäftsbank und Investmentbank nicht aus. Lehman Brothers war gar keine Universalbank, das war eine Investmentbank. Wir müssen die hochspekulativen Investmentpapiere zurückdrängen. In Deutschland hat es schon mehrere Prozesse gegeben, in denen das Gericht festgestellt hat, dass die Deutsche Bank Instrumente geschmiedet hat, die juristisch kriminell sind. Bleiben wir bei der Deutschen Bank, weil ich die sehr gut kenne und weiß, wie die reagiert. Da sagt mir der Vorstandsvorsitzende Paul Achleitner, der aus Österreich kommt, ‚Wir haben jetzt ein völlig neues Risk-Management‘. Auf meine Frage, was sie jetzt machen, erklären mir die, dass sie jetzt das erste Mal in der Bank ein System eingeführt haben, das ein Papier, wenn sie es konstruieren, bis zum Zusammenbruch zu Ende denkt. Jetzt haben sie eine Abteilung dafür. Aber früher hat die Deutsche Bank kein Risikomanagement gemacht, sondern sich nur gedacht, ’Irgendwie wird das Papier schon Profit machen’. Bei den Spread-Geschäften sind sie so vor dem Kadi gelandet. Heute simulieren sie den Fall, dass es schiefgeht, inklusive dem Prozess, wer verliert und was die öffentliche Meinung dazu sagen würde. Ich traue dem neuen System zwar nicht sehr viel zu, aber immerhin kommt so eine eingebaute Schranke in das Bankensystem hinein.

Sie sitzen auch im wissenschaftlichen Beirat von Attac, die sich sehr für die Finanztransaktionssteuer eingesetzt haben. Derzeit sieht es so aus, als würde die Steuer verwässert und nur Aktien betreffen.

Ja. Es gibt Gegenwind. Nun setzt sich selbst ein SPD-Finanzminister gegen die Steuer ein, weil sie seine Landesbank, die LBBW, stark in die Knie zwingt. Ich habe immer gesagt, wenn man die Steuer nicht spürbar macht, dann ist es die schlimmste Steuer. Dann hat der Staat zwar Einnahmen, hat aber bei der Regulierung nichts gewonnen.