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Wenn im Unterricht kein Deutsch gesprochen wird

Von Barbara Ottawa

Politik

Mit "Good morning, children!" werden jeden Morgen etliche Kinder in Wien von ihren Lehrern begrüßt, aber nur zum Teil haben sie Englisch als Muttersprache. An der Vienna International School (VIS) etwa sind unter den Schülern 98 Nationalitäten mit 70 verschiedenen Sprachen vertreten. An anderen internationalen Schulen in Wien ist die Situation ähnlich: Der Unterricht findet in englischer Sprache statt, und Deutsch ist die erste lebende Fremdsprache - außer für die Österreicher.


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Internationale Schulen gibt es auf der ganzen Welt. Sie sollen Kindern, deren Eltern aus beruflichen Gründen öfter umziehen müssen, die Möglichkeit zu einer fundierten Schulausbildung bieten. Durch eine ähnliche Strukturierung der Schulen kann ein Kind leicht in jeder beliebigen Schulstufe einsteigen, ohne eine Klasse wiederholen zu müssen. Trotz dieser Auflagen sind die Schwerpunkte und Zielgruppen der einzelnen Institutionen in Wien verschieden.

Die Vienna International School (VIS) etwa, die 1978 aus der nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten "English School" hervorging, ist vor allem ein Angebot an die Familien, die bei den Vereinten Nationen (UNO) in Wien tätig sind. "60 Prozent der Eltern unserer Kinder haben diesen Arbeitgeber", bestätigt Doris Steinbacher, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der VIS, gegenüber der "Wiener Zeitung". Derzeit werden an der VIS 1.400 Schüler im Alter von drei bis 18 Jahren betreut. Wer beim Schuleintritt kein Englisch spricht, muss einen Kurs für Englisch als Fremdsprache ("English as a Foreign Language", EFL) absolvieren. EFL-Kurse gibt es an der VIS selbst sowie an den meisten anderen internationalen Schulen.

Akademisches Können und soziale Fähigkeiten

Abgeschlossen werden kann die VIS entweder mit der österreichischen Matura oder mit dem International Baccalaureat (IB). Der Lehrplan ist auf das IB ausgerichtet. Wenn auch arbeitsaufwendiger als die Matura, ist das IB dafür international anerkannt. Anders als bei dem österreichischen System müssen die Schüler nicht nur ihr akademisches Können unter Beweis stellen, sondern auch ihre sozialen Fähigkeiten.

Einen Hauch von "American way of life" vermittelt die American International School (AIS). Trotz der kulturellen Vielfalt der Schüler haben die Kantine und die Einrichtung einen US-amerikanischen Touch: Wasserspender und Spinde mit Zahlenschlössern säumen die Gänge. Fixpunkte auf der Speisekarte sind selbstverständlich Hamburger und Pommes Frittes.

Im Lehrplan haben musikalische Erziehung und Sport ebenso hohe Priorität wie die Fremdsprachenausbildung. In den meisten internationalen Schulen werden neben Deutsch und Englisch noch etliche andere Sprachen unterrichtet.

Vom Kindergarten bis zur Matura, bis zum IB oder einem US-amerikanischen Abschluss werden die Schüler an der AIS nach einem dem amerikanischen System angepassten Lehrplan unterrichtet. Wurde diese Ausbildungsstätte doch 1959 von den Botschaften Kanadas und der USA gegründet, um den Bedürfnissen der jeweiligen Landsleute in Österreich gerecht zu werden.

Wie an anderen internationalen Schulen beginnen auch an der AIS die Sommerferien schon im Juni. "Dann sind die Flüge nach Amerika billiger", erläutert Elizabeth Wollner-Grandville, an der AIS zuständig für Schulentwicklung.

Wirtschaft ist der Schwerpunkt der Danube International School (DIS). 1992 wurde diese Schule von österreichischen Geschäftsleuten gegründet, um "der internationalen Gemeinschaft zu dienen", erzählt Direktor John Plommer. Im Zuge des Lehrplans wird ein Business-Management-Kurs angeboten, der "sehr gut besucht ist", zeigt sich Plommer stolz. Schüler können nach Absolvierung der DIS wählen, ob sie das IB oder die österreichische Matura ablegen.

Eine ganz andere Zielsetzung hat die Vienna Christian School. Alle Schüler haben verpflichtende Bibelstunden. Während an den anderen internationalen Schulen Religion vom Unterricht ausgenommen ist, wird sie hier umso mehr betont. 180 Kinder mit den verschiedensten Glaubensbekenntnissen werden täglich mit der Bibel vertraut gemacht. Eine andere Eigenheit dieser Schule ist, dass die Kinder ein American Diploma erhalten. "Wir bereiten unsere Kinder auf eine Rückkehr in die USA vor", beschreibt Judith Avery die Vienna Christian School. Derzeit noch in der ehemaligen Textilfabrik am Kreil-Platz in Wien Döbling untergebracht, soll die Schule in zwei Jahren auf die Währinger Straße übersiedeln. "Wir platzen aus allen Nähten", so Avery. Dort werde man mehr Platz und Möglichkeiten haben.

Doch die internationalen Schulen in Wien haben nicht nur einen englischsprachigen Schwerpunkt. Im Lycée Francais de Vienne erfolgt der Unterricht in französischer Sprache. 1946 wurde es im Rahmen eines österreichisch-französischen Kulturabkommens gegründet. Heute bietet das Lycée 1.731 Schülern, die großteils aus französischsprachigen und arabischen Ländern stammen, eine Ausbildung vom Kindergarten bis zur Matura nach französischem Lehrplan. Österreichische Schüler müssen bestimmte Gegenstände in deutscher Sprache absolvieren, ansonsten findet der Unterricht von Mathematik bis Geographie gemeinsam en français statt. Aufgenommen werden Kinder in der ersten Volksschulklasse, oder wenn sie aus einer anderen französischen Schule kommen.

Daneben haben auch Kinder mit skandinavischer, japanischer oder arabischer Muttersprache Ausbildungsmöglichkeiten in Wien (siehe Kasten unten). Der Verein japanischer Schulen Wien, 1978 gegründet, unterrichtet derzeit in der Volks- und Pflichtschule 70 Kinder japanischer Herkunft. Der wichtigste Unterschied zu den anderen internationalen Schulen: Die Schüler müssen Japanisch können.

Kulturelle Vielfalt in der Schule kennen lernen

Vor so mancher internationalen Schule zeigen Flaggen die verschiedenen Nationalitäten der Schüler an. In den vergangenen Jahren mussten viele Fahnen erneuert werden. Neue Nationen brachten neue Schüler, die kulturelle Vielfalt stieg. Gerade dieser Umstand bewegt viele österreichische Eltern dazu, ihre Kinder an eine internationale Schule zu schicken. "Die Welt steht den Kindern dann weiter offen", sagt Wollner-Grandville von der AIS. Das Erlernen der Fremdsprache ist einer der meistgenannten Gründe.

Im Prinzip stehen internationale Schulen jedermann offen. Kinder, die Englisch nicht ausreichend beherrschen, werden in den EFL-Kursen die notwendigen Sprachkenntnisse vermittelt, damit sie dem Unterricht folgen können. "Ab einem gewissen Alter können wir Kinder, die kein Englisch sprechen, nicht mehr nehmen", erklärt Judith Avery von der Vienna Christian School.

Der Anteil österreichischer Kinder an den internationalen Schulen in Wien ist unterschiedlich: Die Danube International School liegt mit 40 Prozent an der Spitze, gefolgt von der American International School mit unter 20 Prozent. In der Vienna Christian School sind - auf Grund einer Quotenregelung - nur 25 der 180 Schüler Österreicher.

In der Regel besitzen die internationalen Schulen Öffentlichkeitsrecht, obwohl sie Privatschulen sind. Das bedeutet, dass die ausgestellten Zeugnisse die "Beweiskraft öffentlicher Urkunden haben", erläutert Peter Rumpler von der Privatschulabteilung im Bildungsministerium.

Was heimische Eltern dennoch davon abhält, ihre Sprösslinge an eine internationale Schule zu schicken, ist das Geld. Die Schulgebühren sind relativ hoch und können je nach Schulstufe und Institution bis zu 160.000 Schilling pro Jahr betragen. Die Lehranstalten bekommen aber großteils keine finanzielle Unterstützung von der öffentlichen Hand und sind hauptsächlich auf private Sponsoren angewiesen. Teuer sind vor allem die Lehrmittel, die importiert werden müssen, und das Personal.

Nächste Woche können Sie an dieser Stelle einen Bericht über bilinguale Projekte an öffentlichen Schulen in Wien lesen.