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Ein Fußballspiel sagt mehr als tausend Worte. | Fußball ist viel mehr als nur ein Spiel. Es ist eine Kulturtechnik: An der Art, wie eine Mannschaft den Ball in ihren Reihen rollen lässt, kann auf ihren Charakter, ihr soziales Gefüge und - last but not least - ihr Verständnis von Macht geschlossen werden. Und natürlich lässt sich all das trefflich inszenieren, wenngleich die wahre Natur des Spiels stets sichtbar bleibt. Womit wir wieder bei der Politik angelangt sind.
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So gesehen hat das Benefizfußballspiel zwischen dem "FC EU-Präsidentschaft" und dem "FC EU-Kommission" die rare Gelegenheit geboten, insgesamt acht Regierungschefs, einem EU-Kommissionspräsidenten und einem EU-Kommissar bei ihrer Interpretation des Spiels auf die Beine zu schauen - und dabei viel über den aktuellen Zustand des Kontinents zu erfahren.
Da wäre zunächst einmal der Umgang mit sich selbst. Von der sozialen Kälte des Neoliberalismus war auf dem Parkett im Wiener Budo-Center keine Spur. Andernfalls hätte das Präsidentschafts-Team von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel wohl eine herbe Niederlage einstecken müssen: 3:7 lag man kurz vor Schluss noch zurück. Aber die EU-Kommission muss eben zurückstecken, wenn nationale Interessen betroffen sind - und sei es, dass notfalls einfach die reguläre Spielzeit verlängert wird.
Noch deutlicher spiegelt sich das Selbstverständnis Europas im Endergebnis wieder: Die EU darf gemäß ihrer eigenen Ideologie schließlich nur Gewinner produzieren, Verlierer sind da nicht vorgesehen. Das Ausgleichstor zum 7:7 wenige Sekunden vor dem Schlusspfiff gehorcht dieser Weltsicht aufs Wort.
Also Elfmeterschießen. Das Team der EU-Kommission mag aus dem Spielverlauf die reifere, technisch beschlagenere Truppe gewesen sein, im Duell Mann-gegen-Mann vom Siebenmeter-Punkt aus war es jedoch den erprobten Einzelkämpfern um Schüssel und den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan hoffnungslos unterlegen.
Apropos Schüssel und Erdogan: Dass die beiden passionierten Hobby-Kicker nicht nur in einer Mannschaft, sondern sogar in einer Linie gemeinsam stürmten, gehört wohl zu den gelungensten Inszenierungen des gesamten Gipfeltreffens. Beide erzielten einen Treffer, wobei Erdogan allerdings fast schon fahrlässig mit der Vielzahl von Chancen umging, die ihm seine Mitspieler auf dem Silbertablett servierten. Ein Ausgleich für die kalte Schulter, die den EU-Ambitionen der Türkei in vielen Ländern Europas gezeigt wird?
Der Kanzler selbst interpretierte seine Rolle übrigens nach dem ungeschriebenen Gesetz jeder EU-Präsidentschaft. Ganz Mannschaftsspieler war er stets bemüht, den Nebenmann einzusetzen. Den einen oder anderen Sololauf ließ er sich jedoch deshalb nicht nehmen. Chancen boten sich ihm nicht viele. Dem Tor, das er schoss, lag ein schwerer Fehler des gegnerischen Goalies zugrunde. Ein Sinnbild für die Wahlen im Herbst?
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