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"Wenn man viel mit den Leuten tratscht, dann entsteht auch was"

Von Nada Andjelic

Politik
Mit freiwilligen Spenden der Mieter hat Leopold Schiel (r.) sein Büro eingerichtet.
© © Stanislav Jenis

In seinem Gemeindebau ist Schiel beliebt, andere Mieterbeiräte meiden ihn.


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Wien. Seit fünf Jahren ist Leopold Schiel einstimmig gewählter Mieterbeirat des Gemeindebaus in der Angeligasse in Wien-Favoriten. Im seinem aus Spenden der Mieter eingerichteten Büro werden Kaffee und Kuchen in der gemütlichen Essecke serviert. "Wir sind hier alle eine große Familie", meint "da Leo", wie er von allen genannt wird. Finanziert wurden die Einrichtungen teils über den von ihm eingerichteten Sparverein des Gemeindebaus, bei dem die Mieter freiwillig mitmachen können - "oder auch nicht".

Wie entstehen hier Gemeinschaft und Zusammenhalt? "Einer muss da sein, der mit den Leuten red’", antwortet darauf der Mieterbeirat. Er wendet auch die interkulturelle Gesprächsführung bei Unterhaltungen mit Migranten an. Einen Kurs für interkulturelle Kompetenz hat er dafür aber nicht besucht. Vielmehr hat Schiel Tipps aus erster Hand bekommen, von einem türkischen Freund. "Für einen österreichischen Mann ist es ein Kompliment zu hören, er habe eine hübsche Frau. Einem Türken sagt man, er habe eine brave oder fleißige Frau", erklärt Leopold Schiel. Über Diversity Management diskutiert er nicht, er will es leben.

Schiels Rezept klingt einfach: "Wenn man viel mit den Leuten tratscht, dann entsteht auch was." Doch gerade die zwischenmenschliche Verbindung zwischen Beirat und Mietern sei es, die meistens zu kurz käme. Bei "Wiener Wohnen" hat der lockere Wiener schon einen Vortrag darüber gehalten, wie man am Besten auf Mieter zugehe.

Oft sei die Herangehensweise zu unpersönlich und bürokratisch, kritisiert Schiel. Bei den monatlichen Zusammenkünften der Mieterbeiräte würde man sich darauf beschränken, protokollierte Vorfälle aufzuzählen und dann darauf zu warten, dass "Wiener Wohnen" - eventuell - aktiv werde. Die meisten Mieterbeiräte würden bei Problemen nur die jeweiligen Paragrafen zitieren, aber nichts weiter unternehmen. Vor vier Jahren schlug Schiel "Benimmregeln" im Umgang mit Mietern vor. Vereinzelt wurden diese auch angenommen.

Der Kontakt zu Migranten, Kindern und Unruhestiftern

Wenn sich ein Mieter über einen anderen beschwert, rät Leopold Schiel zur direkten Kommunikation an der Haustür. Wie bei Zuwanderern so solle man auch hier bei Unruhestiftern eine spezifische Vorgangsweise wählen. "Wenn ich an die Tür gehe und zum Beispiel eine Gondel in der Wohnung hängen sehe, dann frage ich gleich, ob er in Venedig war", erzählt Schiel. Auf solche Dinge versuche er in Gesprächen anzuknüpfen: "Da kommt’s dann gleich automatisch zu einem freundschaftlichen Verhältnis statt einem ,Heast, seid’s leise!‘."

Unruhestifter hat es in der bunt gemischten Wohnanlage schon gegeben. "Wir hatten einen Mieter, der so empfindlich war, dass er, sobald ein Wasserhahn in der Nachbarwohnung aufgedreht wurde, mit dem Besen gegen die Decke oder die Rohre klopfte, um für Ruhe zu sorgen; und das Tag und Nacht", erzählt der "Gemeindebau-Missionar" Nove Micovski. Der pensionierte Priester ist gebürtiger Makedonier und studierter Theologe. Besagter Mieter hat laut Schiel unter Klaustrophobie gelitten: "Er hat eingepfercht in seiner Wohnung gelebt. Da muss man ja deppert werden." In der Zwischenzeit sei der Mann in psychiatrischer Behandlung.

In manchen Gemeindebauten hat die Zunahme von Familien mit Migrationshintergrund zu Spannungen geführt, speziell wegen des Lärms der Kinder, über den sich viele beschweren. Viele würden den Fehler machen, die Kinder anzubrüllen anstatt ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen, sagt Schiel. Wer auf Kinder locker zugehe, ohne herablassend zu sein, verschaffe sich auch ihren Respekt und werde nicht beschimpft, wie das leider oft der Fall sei. "Die Eltern stacheln ihre Kinder auch nicht auf, wenn sie sehen, dass man lösungsorientiert auf sie zugeht. Wer die Kinder nur anschreit, braucht sich net wundern, dass sie zurückschimpfen", erklärt "Leo".

Leopold Schiels TV-Auftritt wurde zum Eklat

Der 84-jährige Otto Tucek, der seit seinem zweiten Lebensjahr in der Wohnanlage wohnt, erinnert sich: "In den 1930er Jahren haben noch 30 bis 40 Kinder hier gespielt. Heute sind nur noch vereinzelt welche zu sehen, und auch über die regen sich einige auf." In der "guten alten Zeit" bedeuteten Kinder noch Glückseligkeit und waren kein Störfaktor.

Schiel installierte im Hof einen kleinen Teich mit Goldfischen, um den die Gemeindebau-Maskottchen springen: zwei bis drei wilde Hamster. Satirisch könnte man von einer Disney-Idylle sprechen, doch die Harmonie sei echt, bekräftigen die Mieter. Sie treffen sich öfters im Büro des Mieterbeirats. Otto Tucek und seine Frau haben eine Kaffeemaschine beigesteuert. Darüber hinaus sponserte Tucek den Flatscreen in Schiels Büro, das vorzugsweise als Aufenthaltsraum für nachbarschaftliche Begegnungen genutzt wird. Bei der nächsten Sitzung soll über eine Wandhalterung für das neue Fernsehgerät entschieden werden. "Diejenigen mit größerem Durst bleiben schon mal bis zwei Uhr Früh da", lacht Schiel.

Vor rund einem Jahr kippte die Idylle und Leo wurde zum "schwarzen Schaf". Da er auch als Schauspieler auftritt - etwa beim bekannten österreichischen Filmer Ulrich Seidl -, nahm er eine Rolle bei der ATV-Sendung "Wir leben im Gemeindebau" an. Dabei spielte er einen lüsternen Chauvinisten, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, mit "sexy Haserln" einen Gemeindebau-Kalender aufzuziehen. Statements wie "die is’ sicher a Schweinderl" sorgten für Lacher im Publikum - und Empörung bei der Stadt Wien. Die Rolle blieb nicht ohne Folgen: Er wurde zur Persona non grata. Die anderen Mieterbeiräte meiden seit Ausstrahlung der ATV-Folgen den Kontakt zu Schiel. Man wollte ihn sogar von seiner Stelle entfernen, doch die Mieter blieben hinter ihm.

Bis heute stößt der Mieterbeirat bei einigen wegen seines TV-Auftritts auf Spott und Hohn. Manche scheinen Schiel mit der von ihm gespielten Rolle zu verwechseln: "I bin hoit a guata Schauspieler!", lacht Schiel.