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Wenn Manager zu Praktikanten werden

Von Peter Kantor

Wirtschaft

Das Kürzel CSR steht für "Corporate Social Responsibility" und ist mittlerweile über Managementkreise hinaus bekannt. International und auch österreichweit bekennt sich eine wachsende Zahl von Unternehmen - unter ihnen Konzerne wie OMV, bauMax, Siemens und Philips - zur gesellschaftlichen Verantwortung und kommuniziert ihr Credo in der Öffentlichkeit.


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Eine besondere Gelegenheit, soziales Engagement im Unternehmen zu forcieren, bietet sich nun ab Sommer 2005 mit dem Projekt "Brückenschlag": Ein Weiterbildungsprogramm, das Führungskräfte fünf Tage in Sozialeinrichtungen Erfahrungen sammeln lässt.

Ein Top-Manager als Mitarbeiter in einer Notschlafstelle; eine Personalchefin als Praktikantin in einer Schuldnerberatungsstelle oder ein Sozialarbeiter als Trainee in einer Einkaufsabteilung: Im "Westen" kennt man diese Art des persönlichen Erfahrungsaustausches - Führungskräfte aus Wirtschaftsunternehmen und Sozialeinrichtungen, die für einige Tage in den jeweils anderen Alltag wechseln - schon lange. In der Schweiz etwa gibt es das Programm "SeitenWechsel" schon seit 10 Jahren (das deutsche Pendant heißt "Switch"), in Österreich ist Vorarlberg Vorreiter in Sachen CSR-Kultur.

Im österreichischen "Osten" startet "Brückenschlag" nun im Sommer mit zwei Programmdurchgängen. Basierend auf dem Konzept des Büros für Zukunftsfragen in der Vorarlberger Landesregierung, wird es von Reingard Lange, Geschäftsführerin der Akademie für Sozialmanagement (Caritas Wien), geleitet. "Dass uns so eine Form von Erfahrungsaustausch so unerhört vorkommt, deutet auf ungehobenes Potenzial hin. Ein Näherrücken der angeblich so unterschiedlichen Welten von Wirtschaftsbetrieben und Sozialeinrichtungen bringt wertvolle Impulse und Einsichten für Manager in Wirtschaft und Sozialwirtschaft mit sich", meint Lange. Das gelte gleichermaßen für Führungskräfte aus dem Personalbereich, für Projektverantwortliche, Nachwuchsführungskräfte, Leitende in der öffentlichen Verwaltung und Berater.

In Vorarlberg habe sich das Austauschprogramm schon bestens bewährt, erklärt Projektkoordinatorin Petra Rösler im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Über 20 erfolgreiche Programme wurden abgewickelt, mittlerweile wechseln Manager in Wirtschaft und Sozialwirtschaft in beide Richtungen. Das Feedback der Teilnehmer beziehe sich dabei übereinstimmend auf drei, vier zentrale Erkenntnisse: Die meisten sprechen von mehr Verständnis für eigene Mitarbeiter in Problemsituationen und mehr "Mut", darüber auch direkt zu kommunizieren statt wegzusehen, erklärt Rösler. Dann werde die wachsende Reflexion über eigene Management-Methoden und Strategien durch Kontakt mit dem "anderen" Feld sowie kritisches Feedback über eigene Bewältigungsmuster genannt. Viele sprechen auch von der Bereicherung durch persönlichen Kontakt mit einem oft nur oberflächlich bekannten Bereich der Gesellschaft. Nicht zuletzt ergeben sich daraus auch Anregungen zu konkreten Partnerschaften, Projekten sowie Hilfsaktionen. Persönliche Praxis

wichtiger als Theorie

"Was ich selbst beobachtet und erlebt habe, wirkt stärker und länger als theoretisch vermittelte Inhalte", bringt Michael Landau, Direktor der Caritas Wien, die Praxisnähe des Programms auf den Punkt. Der Einsatz im fremden Bereich biete der Führungskraft freien Raum, in dem sie - anders als sonst - Leistung und ihre Grenzen, Motivation und Steuerung, Verantwortung des Einzelnen und der Gesellschaft hinterfragen könne.

Auch aus Sicht von Martin Essl, Vorstandsvorsitzender von bauMax, ist es für Führungskräfte höchst lohnend, ihre Grenzen neu abzustecken und im sozialen Bereich Erfahrungen zu sammeln. "Offenheit und Mitgefühl machen den Menschen eigentlich erst lebendig. Darum werde ich selbst am Programm teilnehmen, um zu lernen, zu wachsen und vor allem in lebendigen Kontakt zu treten", erklärt Essl. bauMax habe seine Grenzen immer schon anders gezogen als das in der Wirtschaft üblich sei: "Christliche Werte prägen unsere Firmenphilosophie und den Umgang miteinander. Wir sehen Mitarbeiter als Teil einer Familie und als Teil des gemeinsamen Erfolges", so Essl.

Ähnlich argumentiert Wolfgang Ruttenstorfer, Generaldirektor der OMV: "Als internationaler Öl- und Gaskonzern haben wir uns zu Nachhaltigkeit gemäß der triple bottom line verpflichtet und unsere Wertehaltung in einem Code of Conduct festgehalten. Corporate Social Responsibility ist somit ein wesentliches Element unserer Konzernpolitik geworden und trägt dazu bei, unser Unternehmen langfristig wettbewerbsfähig zu halten". Die OMV unterstütze daher auch das Projekt "Brückenschlag", denn es eröffne Unternehmen die Möglichkeit, CSR in das Management zu integrieren und sowohl nach innen als auch nach außen erlebbar zu machen. Gleichzeitig bietet sich für Führungskräfte die Chance, die eigenen sozialen Fähigkeiten zu entdecken und zu fördern.

Wirtschafts- und Arbeitsminister Martin Bartenstein empfiehlt das Projekt bedingungslos. "Aus meiner Arbeit als Präsident der Kinderkrebshilfe Österreich kenne ich die Situation junger Menschen, die sich durch einen unvermuteten Schicksalsschlag an den Rand gedrängt sehen. Ich bin sicher, dass viele Teilnehmer ein Aha-Erlebnis haben werden, wie viele Parallelen es zwischen dem Management in einem Unternehmen und in einer sozialen Organisation gibt: dass es hier wie dort auch um Kosteneffizienz, um Strategie, Taktik und Koordination geht", so Bartenstein.

Positive Erfahrungen in Vorarlberg

Martin Nägele, Filialgebietsleiter in der Spar-Zentrale Dornbirn, hat die Teilnahme an einem Austauschprojekt schon hinter sich: "Für mich war überraschend, dass auch Mitarbeiter unseres Unternehmens sich in schwierigen Situationen befinden und Hilfe von Sozialeinrichtungen benötigen. In der Folge war der neue Kontakt zu den Profis für Konfliktsituationen sehr hilfreich, und ich konnte Hilfe suchende Mitarbeiter weiterleiten", erzählt Nägele. Auch der Erfahrungsaustausch in der Gruppe und die laufende Evaluierung der Abläufe sei ein Erfahrungspotential, das er im beruflichen aber auch im privatem Leben nicht missen möchte.

Erfahrungen von der "anderen Seite" hat Tanja Breuß, Leiterin IfS Frauennot-Wohnung Dornbirn, gesammelt: "Es hat mich stark beeindruckt, dass in einem Wirtschaftsbetrieb für den Sozialbereich wichtige Themen wie Unternehmenskultur, Mitarbeiterführung, Vereinbaren und Überprüfen von Zielen derart präzise und verantwortungsvoll in den Arbeitsalltag integriert sind". Überrascht habe sie die Haltung, Mitarbeiter als wesentliche Basis für den Erfolg des Unternehmens zu sehen.

Ganz so weit wie in Vorarlberg ist das Projekt "Brückenschlag" im Osten noch nicht. Zwar sei die Nachfrage sehr groß, für die beiden Pilotprojekte im Sommer 2005 sei zunächst aber nur der Wechsel von Managern in Sozialeinrichtungen vorgesehen, erklärt Rösler. Erst in einer zweiten Phase soll es dann auch für Führungskräfte in Sozialbetrieben die Möglichkeit geben, in die Wirtschaft zu wechseln.