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Wenn sogar ein Girl-Wahlkampf scheitert

Von Martina Pock

Politik

Grazer Erklärungsversuche für das Strategiedesaster der etablierten Parteien.


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Graz. Die prinzipielle Idee von politischen Parteien beruht auf der - idealisierten Annahme - dass mithilfe ihrer Funktionäre an der Basis Themen und Anliegen der Bürger an die Parteiführung kommuniziert werden. Was aber, wie jetzt in Graz, wenn fast alle etablierten Parteien völlig an der Stimmung der Bürger vorbei kampagnisieren? Ohne Themen, ohne Inhalte.

Wie kann es - angesichts professioneller Wahlkampfinstrumente - überhaupt so weit kommen? Heinz Wassermann von der Fachhochschule Joanneum für Journalismus und Public Relations hat die Wahlkampfstrategien der Grazer Parteien für die "Wiener Zeitung" analysiert.

Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) hat sich auf großflächigen Plakaten als urbaner, smarter Liberaler inszeniert, wollte mit Aktionismus bei den Jungen punkten. "Das ist ihm nicht gelungen, weil ihm hier einfach die Authentizität fehlt. Das ist ein Problem von etablierten Politikern. Das nimmt ihm keiner ab", sagt Wassermann. Und dann hilft es auch nicht mehr, in den letzten Tagen vor der Wahl die eigenen Plakate der jungen Szene für Kunstaktionen zu überlassen. Das Ergebnis: ein Minus von 4,6 Prozentpunkten.

Auch SPÖ-Spitzenkandidatin Martina Schröck (35) hat alles auf die Jugendkarte gesetzt. Für Wassermann grundsätzlich eine vernünftige Strategie, "aber zum falschen Zeitpunkt. Das Image der SPÖ ist nun einmal das eines Altherren- und Altfrauenverbands. Da hilft auch kein Girl-Wahlkampf, der farblich irgendwo vor einer Bipa-Reklame stehen geblieben ist." Bilanz: historischer Tiefstand in Graz und ein Minus von 4,4 Prozentpunkten.

Den Grünen attestiert Wassermann immerhin, bei ihren Themen Verkehr und Umwelt geblieben zu sein. Am Ende jedoch fiel den Grünen als geschiedener Koalitionspartner der ÖVP der Regierungsmalus auf den Kopf, ohne von einem Gestaltungsbonus zu profitieren. "Dass Regierungen bei der nächsten Wahl abgestraft werden, ist nun einmal auf nationaler wie auch internationaler Ebene der Fall, das ist der Trend." Ergebnis: minus 2,4 Prozent.

Lediglich die FPÖ habe in Graz ein Experiment gewagt, indem die Partei auf polemische Parolen diesmal verzichtet hat, konstatiert Wassermann. Hinzukommt, dass dem umstrittenen Thema Autofahren schon vor der Wahl die Emotionen mittels Volksbefragung zur Umweltzone genommen wurde. Weiteres Manko: fehlende Strahlkraft von FPÖ-Spitzenkandidat Mario Eustacchio. Ergebnis: ein mageres Plus von 2,9 Prozent - freiheitliche Wahlsiege angesichts schwächelnder Großparteien sehen anders aus.

In dieser Situation gelang es in Graz wieder einmal ausgerechnet den Kommunisten, die attraktivste Alternative anzubieten. Wassermann: "Die KPÖ verfolgt seit Jahren eine "Grass Root"-Strategie mit basisnahen Themen wie Wohnen und Armut, oder mit anderen Worten: Sie macht seit 15 Jahren das Gleiche." Und: "Die Kommunisten in Graz sind so ideologiefrei, dass es ein Wunder ist, dass sie von der Bundespartei nicht ausgeschlossen werden."

Für Dienstag hat Nagl übrigens KPÖ-Chefin Elke Kahr zu einem ersten Sondierungsgespräch eingeladen. Für die ÖVP gilt es, eine Mehrheit im 48-köpfigen Gemeinderat für die Bürgermeisterwahl zustande zu bringen.